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Architektur-Debatte: Abbrechende Speer-Spitzen

Tragen deutsche Architekten eine besondere historische Verantwortung? Star-Architekt Meinhard von Gerkan will nicht vom "Schatten der Geschichte" gejagt werden, wenn er in China für kulturellen und wirtschaftlichen Austausch sorgt, schreibt er in einem Debattenbeitrag für SPIEGEL ONLINE.

Ich habe mich ausführlich durchsucht. Aber ich kann ihn nicht finden: den Geist Albert Speers. Obwohl er doch laut Severin Weilands rein rhetorischer Frage ("Wie viel vom Geiste Albert Speers steckt noch in deutschen Architekten?") eigentlich in mir spuken müsste.

Gespenstische Züge allerdings nimmt die von SPIEGEL ONLINE ( im Artikel "Der Speer-Faktor" vom 29. Januar 2008) geforderte "Debatte" über die moralische Verantwortung deutscher Architekten schon vor ihrer Entstehung an. Viele deutsche Architekten bauen in nicht-demokratischen Ländern. Ich gehöre auch zu ihnen, und ich habe kein schlechtes Gewissen. Ich kann sogar darüber reden.

Star-Architekt von Gerkan: "Kein gutes Gefühl, aber auch kein schlechtes Gewissen"
DPA

Star-Architekt von Gerkan: "Kein gutes Gefühl, aber auch kein schlechtes Gewissen"

Wenn uns aber sogleich der "Schatten der Geschichte" hinterhergejagt wird, darf man an der "absoluten Stille der Architekten", die der ehemalige Senatsbaudirektor Hans Stimmann diagnostiziert, keinen Anstoß nehmen. Eine verantwortungsvolle Debatte kann der nicht erwarten, der in ein Labyrinth von Speer-Spitzen getrieben wird, ein wahrhaft unmoralisches Szenario.

Unsere Architektur in Hanoi wird als "modern, nüchtern, international, transparent" gelobt, um uns dann dieselben Attribute als "Dekoration der Macht" – mithin also Feigenblatt-Architektur – vorzuwerfen. Damit wären wir Erfüllungsgehilfen des genialen Plans, die Macht dadurch zu repräsentieren, indem man sie ostentativ nicht repräsentiert. Es fällt mir schwer zu verstehen, warum ausgerechnet unsere Ablehnung jeglicher "Speer-Faktoren" die oben zitierte Frage aufwirft.

Hurra, du liebe Blockbildung bist wieder da!

Wieso dürfen Büros wie Rem Koolhaas, Herzog & de Meuron oder Norman Foster nur deshalb dem Speer-Feuer entgehen, weil sie keine Deutschen sind? Man kann nicht mit einem moralischen Prinzip argumentieren und es dann mit zweierlei Maß messen. Wenn es prinzipiell verwerflich sein soll, für nicht-demokratische Staaten zu bauen, muss es für alle gleich verwerflich sein.

Die Vorwürfe lassen es im selben Maße an Konsequenz fehlen, wie sie moralische Hoheit beanspruchen. Oder besser: Hohlheit. Denn sie laufen auf nichts weniger als einen strikten Boykott zu, auf einen Exportstopp von westlicher ("demokratischer") Architektur in nicht-demokratische Länder – und zwar aus politischen Gründen. Dann aber müssten dieselben Gründe konsequenterweise sämtliche Handelsbeziehungen zwischen dem Westen und Staaten wie China oder Vietnam verhindern. Hurra, du liebe Blockbildung bist wieder da! Wir hatten dich so vermisst.

Setzt sich diese Moral durch, dann feiert sie einen Pyrrhussieg, weil sie indirekt einen neuen Kalten Krieg befördert. Gewonnen wäre damit nichts, dafür vieles verloren: politisch, wirtschaftlich, kulturell. Eine solche Moral geht zuerst und zuvorderst auf Kosten des Volks, in dessen Namen sie agiert. Dabei hat bereits die deutsche Nachkriegs-Ostpolitik mit der Devise "Wandel durch Annäherung" der Bipolarität entgegengewirkt. Abgezielt wurde dabei nicht auf Sanktion, sondern vielmehr auf die "Überwindung des Status quo, indem der Status quo zunächst nicht verändert werden soll", so Egon Bahr 1963 in seiner berühmten Tutzinger Rede.

Wandel durch Handel

In diesem Zusammenhang hat auch Hans Stimmann darauf hingewiesen, dass die vielfältigen Kontakte deutscher Architekten in China bereits einiges bewirkt haben. Und wie lange besteht der Kontakt denn schon? Verstärkt erst seit vielleicht acht Jahren. Tatsache ist, dass der Architekturexport nach China oder anderen kommunistischen Staaten noch relativ jung ist. Wenn in den zurückliegenden Jahren bereits wichtige Veränderungen erreicht wurden, können in paar Jahrzehnten weit größere bewirkt werden.

Ich möchte nicht so tun, als würde ich aus politischen Gründen in China oder Vietnam bauen. Ich bin Architekt. Die Möglichkeiten für einen Architekten sind dort gewaltig, der Freiheitsgrad für Ideen und Konzepte motivierend. Wer das unmoralisch findet, muss auch die Tatsache abstrafen, dass es eine enge, langjährige Zusammenarbeit zwischen asiatischen und deutschen Architekten und somit einen intensiven kulturellen Austausch ermöglicht. Wandel durch Handel. Außerdem fließen Teile des von gmp erwirtschafteten Geldes in die gmp-Stiftung, mit der wir noch in diesem Jahr die Academy for Architectural Culture (AAC) auf den Weg bringen. Sie macht den kulturellen Austausch zu einem zentralen Bestandteil der Lehre und trägt damit zu dem Wandel bei.

Kein gutes Gefühl, aber auch kein schlechtes Gewissen

Den Vorwurf, Selbstverwirklichung siege über Moral, lasse ich mir nicht gefallen. Den könnten sich allenfalls Menschen leisten, die niemals ein in China gefertigtes Hemd am Leib oder einen dort gefertigten Laptop unterm Arm getragen haben. Und selbst diese wenigen müssten zugeben, dass Deutschland von China wie von kaum einem anderen Land wirtschaftlich profitiert: China ist nach den USA der wichtigste deutsche Exportmarkt außerhalb Europas. Deutschland ist mit großem Abstand Chinas wichtigster europäischer Handelspartner. Es ist Heuchelei, lautstark Architekturexporte nach China anzuprangern und zugleich über Massenimporte aus China zu schweigen.

Man dürfe, so heißt es, nicht in China bauen, weil mit dem Urheberrecht willkürlich- umgegangen werde. Unsere Erfahrungen dagegen zeigen, dass 68 von 70 unserer Fernost-Entwürfe so gebaut werden wie geplant. In Europa ist das keineswegs immer so. Gerade wir haben in Berlin schmerzliche Konflikte in Kauf nehmen müssen.

Natürlich hat der China-Boom seinen Preis, insbesondere die geradezu frühkapitalistische Ausbeutung der Wanderarbeiter. Zur vollen Wahrheit gehört aber auch die Kenntnis, dass Wanderarbeiter mit ihren bescheidenen Einkommen ihren Großfamilien auf dem Lande über den Winter helfen, weil die Ernten nicht reichen. Ich leugne nicht, dass die Verhältnisse bisweilen problematisch sind und habe dabei natürlich auch kein gutes Gefühl. Aber ich habe auch kein schlechtes Gewissen.

Ich bin nämlich davon überzeugt, dass man als Architekt sein moralisches Gefühl nur dann verbessern kann, wenn man die Architektur dort verbessert. Wenn man eben keine ceausescuhafte Machtdemonstrationsmonstrosität baut. Wenn man eine Architektur anbietet, die deshalb moralisch verantwortungsvoll ist, weil sie nachhaltig, funktional und ästhetisch ist. Wenn man für Menschen baut und nicht für Ideologien.

Alternativen statt Moralpredigten

Viele Architekten nehmen völlig zu recht für sich in Anspruch, an einer besseren, lebenswerteren Welt mitzubauen. Für andere gehören China und Vietnam anscheinend nicht zu dieser Welt. Von dem Heiligenschein, ein moralisch korrekter Architekt zu sein, indem man nicht in China baut – davon hat niemand etwas. Wenn mir jemand nachweisen kann, dass ein Verzicht auf westliches Engagement in Staaten wie China dem Elend der Wanderarbeiter oder Menschenrechtsverletzungen ein Ende setzt; dass also im Umkehrschluss die chinesischen Verhältnisse zu Maos Zeiten besser waren – dann hätte ich auch ein schlechtes Gewissen. Dann aber müsste man Alternativen statt bequemer Moralpredigten bieten.

Ich möchte nicht mit undifferenzierten Brandmarkungen wie "Diktatur" oder "Despoten" umgehen müssen. Zu sehr ist der Reflex eingeübt, einen nicht-demokratischen Staat mit einem Unrechtsstaat gleichzusetzen und sich automatisch auf der guten, weil demokratischen Seite zu wähnen. Wer nimmt sich das Recht, die Trennlinie zwischen schwarz und weiß festzulegen? Wo platziert er die paar Dutzend Marionetten-Demokratien wie Kenia, Angola oder Haiti?

Überschriften wie "Bauen für Despoten" implizieren, dass ein einzelner böser Mann kommt und zu uns sagt: "Bau, was ich will, und ich mach' dich berühmt." Tatsächlich bauen wir, weil wir einen internationalen Wettbewerb nach demokratischem Entscheid einer international besetzten Jury gewonnen haben.

Architektur ist kein Exportprodukt wie jedes andere

Was die "Demokratisierung" der inkriminierten Staaten betrifft: Vietnam ist ein Beispiel dafür, wie es ein Staat relativ schnell schafft, große Fortschritte zu machen. Pauschal von "Diktatur" zu sprechen und so zu tun, als hätte sich in den letzten Jahren nichts geändert – das ist wohlfeiles Medienklischee ohne Verantwortung für ein fundiertes eigenes Urteil.

Architektur ist kein Exportprodukt wie jedes andere. Ihr ist jener symbolische Überschuss zu eigen, jene Zeichenhaftigkeit, die die Architekten unter besondere Beobachtung stellt. Das gilt insbesondere für Regierungsgebäude, aber auch für ein Olympiastadion. Wer ein Problem mit Repräsentationsbauten in China hat, müsste das Stadion verhüllen und Olympia, diese symbolträchtigste aller Großveranstaltungen, kurzerhand absagen lassen. Mal sehen, wie völkerverbindend das wäre.

Trotzdem frage ich mich, ob ein Gebäude moralischer als ein anderes sein kann. Ob es überhaupt moralisch sein kann. Es steht in einem Kontext, aber zunächst steht es für nichts anderes als sich selbst. Letzten Endes gilt für Architektur das, was Oscar Wilde über Bücher gesagt hat: "So etwas wie moralische oder unmoralische Bücher gibt es nicht. Bücher sind gut oder schlecht geschrieben, weiter nichts." Ein Gebäude, das nichts weiter ist als eine "Dekoration der Macht" ist automatisch ein schlechtes.

Wenn schlechte Gebäude überdauern können, dann nur als ihr eigener Leichnam. Gute Gebäude überdauern als sie selbst. In diesem Sinne ist es absolut wünschenswert, als Architekt "sich in die Ewigkeit einzuschreiben", wie der SPIEGEL-ONLINE-Autor schreibt. Er tut dabei so, als sei dieser Traum nur "Königen und Diktatoren" vorbehalten. Als wehe in diesem Wunsch "der Geiste Albert Speers". Mitnichten. Wenn es, wie ich richtig zitiert werde, mein Wunsch ist, "Bauzeichen zu setzen, die über die eigene Lebensspanne hinausweisen", dann habe ich damit im Speer-Zusammenhang gar nichts "eingeräumt".

Vielmehr wird es Zeit, dass die Gummi-Speerchen, mit denen das virtuelle Sturmgeschütz der Demokratie ebenso wohlig wie wahllos feuert, schnellstens in den privaten Naschschrank der Redaktion eingeräumt werden. Denn der Wunsch nach Ewigkeit durch das eigene Werk ist seit jeher vor allem ein Traum der Kunst gewesen, nicht der Despotie. "Rings […] / Wird mich lesen das Volk, und wofern nicht trugen der Dichter / Ahnungen, werd’ ich stets fortleben in ferneste Zukunft." Das schreibt der römische Dichter Ovid in seinen "Metamorphosen". Der wurde übrigens vom Kaiser Augustus ans Schwarze Meer verbannt.

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Forum - Deutsche Architekten - in der historischen Verantwortung?
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1.
Atlantic Bridge, 26.02.2008
Zitat von sysopStar-Architekt Meinhard von Gerkan will nicht vom "Schatten der Vergangenheit" gejagt werden, wenn er in China für kulturellen und wirtschaftlichen Austausch sorgt. Sollten deutsche Architekten bei der Wahl ihrer Auftraggeber generell sensibler vorgehen? Wie groß ist - nach Albert Speer - ihre historische Verantwortung?
Ich bin Architekt. Historische Verantwortung gibt es für mich nicht, da ich nach 1945 geboren bin. Ich habe mit dem ganzen Nazikäse nichts zu tun. Es ist vorbei und wir sollten uns daher auf die neuen Aufgaben konzentrieren. Von Gerkan hat recht.
2. Verantwortung für das eigene Handeln
ConniP 26.02.2008
Zitat von sysopStar-Architekt Meinhard von Gerkan will nicht vom "Schatten der Vergangenheit" gejagt werden, wenn er in China für kulturellen und wirtschaftlichen Austausch sorgt. Sollten deutsche Architekten bei der Wahl ihrer Auftraggeber generell sensibler vorgehen? Wie groß ist - nach Albert Speer - ihre historische Verantwortung?
Verantwortung für sein Handeln zu zeigen, hat doch nichts mit der deutschen Historie zu tun ! Jetzt artet das wieder in eine Nazi-Diskussion aus, statt zu diskutieren, ob es nicht ein Gebot der Menschlichkeit wäre,für bestimmte Auftraggeber nicht zu arbeiten. Da liegt die Verantwortung des Einzelnen, nicht in der Historie.
3.
M@ESW, 26.02.2008
Auf kürzlich aufgetauchten Archivaufnahmen ist zu sehen das die Nazís tatsächlich doch nicht nackt umher liefen. Der Verband deutscher Schneider ist sich jetzt unsicher wie in Zukunft mit dieser historischen Verantwortung umgegangen werden muss und ob jetzt überhaupt jemals wieder ein Deutscher ein Kleidungstück herstellen darf
4. Architektur ist Auftragsarbeit,.....
Sapientia, 27.02.2008
Zitat von sysopStar-Architekt Meinhard von Gerkan will nicht vom "Schatten der Vergangenheit" gejagt werden, wenn er in China für kulturellen und wirtschaftlichen Austausch sorgt. Sollten deutsche Architekten bei der Wahl ihrer Auftraggeber generell sensibler vorgehen? Wie groß ist - nach Albert Speer - ihre historische Verantwortung?
Der hier unterschwellig gemeinte Monumentalismus a la Germania sieht unterm Strich doch wohl immer noch besser aus, als zB der an eine Kleinkindlandschaft erinnernde, häßliche und stilistisch zusammengeklatschte Alexanderplatz in Berlin. Auftraggeber sind nicht entscheidend, sondern allein Geld und aus dem Auftrag resultierende Öffentlichkeit des Architekten. Eine historische Verantwortung gibt es nicht mehr, die Speer-Bauten wurden bereits überboten. Architektur gelangt ohnehin zunehmend weg von der ansehnlichen Funktionstüchtikeit, hin zur egozentrischen Geschmackslosigkeit. Wohnbauten sehen von außen chic aus, von innen sind sie das Letzte - das ist der schon langanhaltende Trend - Mogelpackungen.
5.
Cugel 01.03.2008
Zitat von SapientiaDer hier unterschwellig gemeinte Monumentalismus a la Germania sieht unterm Strich doch wohl immer noch besser aus, als zB der an eine Kleinkindlandschaft erinnernde, häßliche und stilistisch zusammengeklatschte Alexanderplatz in Berlin. Auftraggeber sind nicht entscheidend, sondern allein Geld und aus dem Auftrag resultierende Öffentlichkeit des Architekten. Eine historische Verantwortung gibt es nicht mehr, die Speer-Bauten wurden bereits überboten. Architektur gelangt ohnehin zunehmend weg von der ansehnlichen Funktionstüchtikeit, hin zur egozentrischen Geschmackslosigkeit. Wohnbauten sehen von außen chic aus, von innen sind sie das Letzte - das ist der schon langanhaltende Trend - Mogelpackungen.
Damit meinten Sie doch sicher den Potsdamer Platz? Im Gegensatz dazu empfinde ich den Alexanderplatz als ein geradezu harmonisches und in seiner Morbidität geradezu charmantes Beispiel realsozialistischer Melancholie. Der Potsdamer Platz steht für gar nichts. Na ja, vielleicht für Phantasielosigkeit und Engstirnigkeit. Immerhin.
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