Architektur für Sammler Abstrakte Betonskulpturen

Erfolgreicher Kampf gegen die Institutionen: Architekt Roger Bundschuh verbrachte viel Zeit bei Behörden, bis sein schwarzes, zackiges Berliner Haus mit Wohnungen für Kunstsammler fertig war. Die Kompromisslosigkeit hat sich gelohnt: Bundschuh baut nun eine Künstlersiedlung in Peking.

Cordia Schlegelmilch

Dreieinhalb Jahre hatte der Architekt Roger Bundschuh, 43, mit den Berliner Behörden um die Baugenehmigungen eines Berliner Hauses gerungen, das er zusammen mit der Künstlerin Cosima von Bonin entworfen hatte. Gebaut hat er die schwarze Wohnskulptur an der Ecke Rosa-Luxemburg-Straße/Torstraße allein. Mit Erfolg, denn das ungewöhnliche, expressionistisch wirkende Haus ist nicht nur bezugsfertig und die Wohnungen sind an Kunstsammler verkauft oder vermietet, Bundschuhs Haus wurde auch in jedem besseren Architektur- und in Wohnmagazin besprochen und abgebildet. Und es sieht genauso aus wie der Entwurf. Der Kampf mit den Institutionen hat sich also gelohnt.

Sehnsucht und Realität

Aber es muss Nerven gekostet haben. Denn auf Bundschuhs DIN-A4-Zeichnung zum Thema "Sehnsucht" im Deutschen Pavillon der aktuellen Venedig-Architekturbiennale sind Skizzen mit den Lageplänen von drei Gebäuden zu sehen, die er zur "Disposition" stellt: Einfach wegradiert sind das Ministerium für Verkehr, Bau und Städteentwicklung, Schloss Bellevue und der Deutschen Pavillon in den Venezianischen Giardini. Seine Sehnsucht sei die nach einer Gesellschaft, in der keine Institution "deterministisch planen" soll, in der Individuen frei und freiwillig agieren können, und in der "nicht gewaltsam, sondern ohne Steuerungsinstitutionen aufgebaut werden kann" - so erklärt Bundschuh seine "Sehnsuchts"-Zeichnung.

Kein realistischer Wunschzettel für einen Architekten und schon gar nicht für einen, der gerade in der Volksrepublik China mit dem Entwurf eines Masterplans für Künstler- und Sammlerhäuser beauftragt war, der jetzt realisiert wird. Drei der vorgeschlagenen Sammler- und Künstlerhäuser baut Bundschuh selbst, und zwar sofort - Baubeginn war in der vergangenen Woche, Fertigstellung soll 2011 sein.

Bis jetzt ist das Grundstück einfach nur ein "flacher, leerer Acker", sagt Bundschuh und der liegt nicht weit von der schon seit 1994 bestehenden und im Westen bekannten Künstlerkolonie Song Zhuang am östlichen 6. Ring von Peking. Mehr als 2000 Maler und Bildhauer leben dort. Aus deren Reihen hat sich eine Gesellschaft gebildet, die Identität und Künstlersiedlung mehr vertiefen will, indem sie Architekten beauftragt, direkt für ihre Bedürfnisse zu bauen. Leben und arbeiten mit der Kunst wollen sie in ihren Häusern, und auf keinen Fall wollen sie zu einer touristischen Attraktion wie Song Zhuang werden, mit jährlichem Festival, Cafés, Restaurants, Galerien und Boutiquen.

Die treibende Kraft hinter der Bauherren-Gesellschaft ist der chinesische Künstler Gang Chao. Als der in Berlin ausstellte, fiel ihm das Sammlerhaus von Bundschuh auf. Gang sah sich daraufhin weitere Entwürfe von ihm an, wie zum Beispiel den Umbau der Ausstellungshallen für die Sammlung Harald Falckenberg in Hamburg. Es muss ihn beeindruckt haben, denn er war es, der Bundschuh in China als maßgeblichen Architekten vorschlug. Dessen Masterplan ist ungewöhnlich für Peking, wo wegen des Flächenverbrauchs keine niedrigen Häuser mehr gebaut werden dürfen. Aber wunderbarerweise setzte die Gesellschaft Bundschuhs Masterplan durch.

Häuser wie Exponate auf einem erhabenen Ausstellungssockel

Auf einer Art erhöhten, begrünten Insel, umgeben von einer zwischen 1,60 bis zu drei Meter hohen Wand, stehen die Häuser wie Exponate auf einem erhabenen Ausstellungssockel. "Mit der Landschaftsplanung wollen wir eine von außen völlig entrückte Idealwelt schaffen und haben unsere Häuser deshalb weitestgehend nach innen orientiert", sagt Bundschuh. Von außen sieht man scheinbar einfache geometrische Baukörper, "abstrakte Betonskulpturen", erklärt Bundschuh, mit wenigen Fenstern.

Zwischen 600 und 1500 Quadratmetern Wohnfläche haben die Häuser - man baue in China sehr groß, sagt Bundschuh - und sie sind so geplant, dass sie sich zum Innenraum öffnen. Fast alle Räume stehen in Blickbeziehung zueinander, dafür gibt es wenig Ausblicke nach außen. Licht kommt von oben durch Lichtschächte oder vom Innenhof. Dass man in den Himmel blickt, war schon so im klassischen chinesischen Hutong-Haus, das immer von einer Mauer umgeben war und dessen interner Hof oder Garten als Zimmer betrachtet wurde.

Das "Haus des Sammlers I", außen aus schwarzem Ortbeton mit eingelegtem Screen-ähnlichem Muster, innen strahlend weiß, ist so geplant, dass seine Nutzung nach oben immer privater und intimer wird, auch im "Sammlerhaus II" gibt es eine starke Trennung privater und öffentlicher Bereiche. Unten sind die galerieartigen Ausstellungsräume, dann kommen die halbprivaten Gäste-, Ess- und Empfangszimmer und oben der Wohnbereich. Im ersten Obergeschoss ist das Gebäude vollständig verglast, was von außen wie ein horizontaler Schnitt durch den geschlossenen Baukörper wirkt.

Ungewöhnlich für einen europäischen Architekten war das vorgegebene Raumprogramm. Zum Beispiel waren zwei Küchen verlangt, je eine für chinesisches und für westliches Kochen, passend dazu zwei Esszimmer. Auch ein separater Zugang zum Schlaftrakt des Hausherrn war vorgeschrieben.

2011 sollen die Häuser fertig sein. Zu befürchten ist, dass sie so attraktiv sein werden, dass sie vielleicht nicht als Kunst-, aber durchaus als Architektur-Pilgerstätte taugen könnten.


Bundschuh Architekten, Berlin.



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NietzscheNatsche 01.09.2010
1. Bravo!
Ich gratuliere! Der Kampf gegen die Institutionen war erfolgreich und hat sich gelohnt. Nun steht dort am Rosenthaler Platz ein Gebäude das, man höre und staune in „jedem besseren Architektur- und Wohnmagazin besprochen und abgebildet“ wurde. Was genau Frau „Wiensowski“ damit sagen will bleibt mir jedoch leider verborgen. Ist die Häufigkeit der Besprechung und Abbildung ein Qualitätsmerkmal städtischer Architektur? Ja, für Herrn Bundschuh scheint es sich gelohnt zu haben, da er mit diesem Aufmerksamkeit erregenden Objekt neue, Aufmerksamkeit erhaschende Aufträge gewonnen hat. In Ihrer offensichtlichen Begeisterung für diese überdimensionierte Skulptur in beengten städtischen Raum(!) offenbart Frau „Wiensowski“ einen Kunst- und Architekturbetrieb, der nur noch um sich selber kreist und sich einen Kehricht um die Stadt, das Viertel, die Straße und deren Bewohner schert. Der Rosenthaler Platz ist damit endgültig zu einem Schandmal moderner Architektur geworden und Zeugnis eines völligen Versagens der Stadtplanung. Auf der einen Seite, mit dem „Schönhauser Tor“ ein exemplarisches Beispiel der Nutzwert maximierenden phantasie-, lust- und ideenlosen Schubladenarchitektur und nun mit Herrn Bundschuhs Todes-Skulptur ein Beispiel für einen selbst zentrierten Kunstbetrieb. Ein Objekt das es seinen Nutzern ermöglicht aufzufallen, Exklusivität bietet, ohne aber im Inneren mit den negativen Konsequenzen konfrontiert zu werden. Ein Gebäude, das nach außen einschüchtert, abschreckt, verunsichert – ja, bei Dämmerung und Dunkelheit sogar verängstigt, nach innen jedoch hell, geräumig und – ja, auch hier Nutzwert maximierend ist. Bravo! Ich gratuliere – und übergebe mich.
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