Architektur Geknickte Häuser, gefaltete Optik

Abschied von der sachlichen Architekturfotografie. Was das Entwurfsteam BRT auf dem Hamburger Architektursommer zeigt, wirkt wie eine Explosion im avantgardistischen Fotolabor.

Von Claudia Herstatt


Bürohaus Doppel-XX, Hamburg
Foto: K. Kumrow

Bürohaus Doppel-XX, Hamburg

Hamburg - Schwummrig kann einem werden, wenn man das gerade fertig gestellte 20.000 Quadratmeter große verglaste Hamburger Bürogebäude Doppel-X wie bei einem Erdbeben einsinken sieht oder das einem gestrandeten Walfisch ähnelnde Firmengebäude Tobias Grau vor den Augen verschwimmt, als würde es von einer unsichtbaren kosmischen Kraft angesaugt. Ein Kontorhaus vollführt in eigenartigem grünen Licht eine Pirouette um sich selbst, und manche Konstruktionen lösen sich gänzlich in Lichtpunkte auf.

Was wie die Avantgarde-Schau der Fotografie anmutet, ist eigentlich eine Architekturausstellung. Doch das erfolgreiche Hamburger Entwurfsteam BRT hatte genug von Präsentationen in Hochglanz-Profi-Fotografie. "Diese Bilder habe ich ja täglich um mich herum", sagt Architekt Hadi Teherani. Er und seine Partner Jens Bothe und Kai Richter zeigen sich auf dem Hamburger Architektursommer auf ganz ungewohnte Weise: Sie beauftragten den Künstler Klaus Kumrow, der ihre Objekte in seine Künstlersprache umgesetzt hat.

Kontorhaus ABC-Strasse, Hamburg
Foto: K. Kumrow

Kontorhaus ABC-Strasse, Hamburg

Der in Hamburg lebende Künstler hat sich das Archivmaterial des Büros ausgebeten und damit im Atelier "gebastelt" - die Fotos gefaltet und geknickt, mit Hilfe von OP-Lampen und Punktstrahlern Glanzlichter aufgesetzt, mit Spiegeln Doppelungen und Überlagerungen erzeugt und die Arbeitsprozesse stufenweise immer wieder fotografiert. Mit dem Computer arbeitete er nicht. Kumrow, im Jahr 1987 der bis dahin jüngste Teilnehmer der "documenta", experimentiert neben Skulptur, Aquarell und Glasarbeiten schon seit Jahren mit der Fotografie als eigenständigem künstlerischen Medium - ganz in der Tradition von Moholy-Nagy und Man Ray.

Das Ergebnis sind aus sich heraus leuchtende Stadtimpressionen von kühler Brillanz, auf denen die Objekte gewollt destabilisiert und aus der Perspektive geworfen scheinen. An Hochglanz fehlt es den 20 Cibachrom-Tafeln im riesigen Querformat nicht. Dem Betrachter eröffnet sich eine verfremdete Welt aus Licht und Form, verzerrt und farblich manipuliert. Man sieht viel, erkennt kaum etwas und ist verwirrt. Ein kaleidoskopisches Spiel und für Architekturfans ein detektivisches Rätselraten - manche Bauelemente sind zu identifizieren, andere bestehen nur noch aus Linien, Flächen, Raum und Licht.

Firmengebäude Tobia Grau, Rellingen
Foto: K. Kumrow

Firmengebäude Tobia Grau, Rellingen

Je mehr sich die Bilder vom eigentlichen Objekt entfernen, umso interessanter wird die Auseinandersetzung mit ihren Inhalten. Die Freude am Entdecken wird angeheizt: Je verzerrter die Bilder erscheinen, umso mehr verdeutlichen sie paradoxerweise den zugrunde liegenden Entwurf. Wie der Direktor des Kunstvereins in Hamburg, Stephan Schmidt-Wulffen, in seiner Eröffnungsrede zu der spannenden Begegnung zwischen Kunst und Architektur am 7. Juli sagte: "Kumrows Architekturfotos transportieren die Konzeption von Architektur und nicht ihre bauliche Konkretisierung." Und wer im Anhang des aufwendig gestalteten Katalogs nachblättert, kann das künstlerische Zusammenspiel mit dem Original leichter entschlüsseln.

Fliegende Untertassen aus Stahl und Glas - Porträt des Architekturbüros BRT

Die Ausstellung "BRT by Kumrow" ist bis zum 13. August in der Barlach Halle K, Klosterwall 13, 20095 Hamburg zu sehen. Dienstag bis Freitag 12 bis 19 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 21 Uhr. Katalog 48 Mark.



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