Architektur nach der Kolonialzeit Als die Ufos in Afrika landeten

Triumphbögen hier, Jet-Set-Hotels dort: In den Sechzigern und Siebzigern zelebrierten afrikanische Staaten ihre neue Unabhängigkeit mit moderner Architektur. Eine Ausstellung würdigt die Ufo-Bauten - wir zeigen die Bilder.

Ein Interview von


Zur Person
  • Manuel Herz Architekten
    Manuel Herz, Jahrgang 1969, ist Architekt und Universitätsdozent. Als er vor sieben Jahren mehrere Male nach Nairobi reiste, fiel ihm das hohe Niveau der dortigen Bauwerke auf. So entstand die Idee, die gesellschaftspolitischen Hintergründe afrikanischer Architektur in einer Ausstellung abzubilden.
SPIEGEL ONLINE: Herr Herz, Sie haben eine Ausstellung mit afrikanischer Architektur der Sechziger- und Siebzigerjahre kuratiert. Was macht diese Periode so besonders?

Herz: Die Bauten lassen sich als zeitgeschichtliche Zeugnisse lesen. Sie entstanden während der Unabhängigkeitsprozesse und beeinflussten den Prozess der Staatenbildung immens: Kongresszentren wie das Kenyatta International Conference Centre in Nairobi wurden errichtet, Messegelände wie die Foire Internationale de Dakar, Hochschulen oder Hotels wie das Hôtel d'Ivoire in Abidjan. Das sind alles Institutionen, mit denen sich die Staaten selbst erfanden. Hochwertige Architektur wurde ganz bewusst eingesetzt, um nationale Identitäten zu erschaffen.

SPIEGEL ONLINE: Wie spiegelt sich das Gefühl des Umbruchs konkret in der Architektur?

Herz: Häufig besitzen diese Entwürfe der internationalen Moderne einen heroischen, aber auch zukunftsweisenden Ausdruck: Der Platz der Unabhängigkeit in Accra mit seinem Tribünen-Torbogen etwa strahlt einen ungeheuren Optimismus aus. Die Bauten erschaffen ein ganz anderes Bild von Afrika als die in den deutschen Medien dominierenden Erzählungen von Elend, Mangel, Armut, Gewalt.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie Ihre Ausstellung dann nur auf fünf Länder beschränkt, wenn es doch um mehr Differenziertheit geht?

Herz: Wir konzentrieren uns auf Länder, die zwischen 1957 und 1964 unabhängig wurden, als der Geist der Modernisierung am stärksten zu spüren war. Um den Kontinent geografisch zu umreißen, haben wir Senegal im Westen, Kenia im Osten und Sambia im Süden gewählt. Dazu kamen noch Ghana und die Elfenbeinküste; alles ehemalige französische oder englische Kolonien. Und zugleich die Länder, in denen wir die anspruchsvollste Architektur vermuteten. Einige Länder haben wir bewusst außen vor gelassen: In Angola und Mosambik zum Beispiel waren die Unabhängigkeitsprozesse in den ehemaligen portugiesischen Kolonien extrem blutig. Vor diesem Hintergrund den architektonischen Umbruch zu würdigen, ist nicht angemessen.

SPIEGEL ONLINE: Entstanden denn die Bauten in den fünf untersuchten Ländern nur zum Gemeinwohl der Bevölkerung?

Herz: Gebäude wie das Kenyatta International Conference Center halfen sicherlich, Kenia an internationale Entwicklungen anzubinden. Viele Universitäten waren Ausbildungsstätten auf hohem Niveau. Aber natürlich lassen sich an der architektonischen Offensive auch die Widersprüche der Unabhängigkeitsprozesse identifizieren: Einige Bauten waren auch Ausdruck der Big-Man-Ideologie autoritärer Staatsführer.

SPIEGEL ONLINE: Welche zum Beispiel?

Herz: Etwa der Bau von Yamoussoukro - ein Projekt, das der Eitelkeit des Präsidenten Félix Houphouët-Boigny entsprang: Dadurch entstanden zwar in einer kaum entwickelten Region Universitäten und exzellente Schulen. Aber Houphouët-Boigny wollte eben auch sein Herkunftsdorf zu einer Großstadt und zur neuen Hauptstadt der Elfenbeinküste machen und so den Landbesitz seiner Familie aufwerten. Bemerkenswert beim Bauprozess war übrigens häufig auch die Herkunft der Architekten.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Herz: Sie kamen meist nicht aus den Ländern, in denen die Bauten errichtet wurden. Sondern aus den Ländern der ehemaligen Kolonialmächte oder aus Skandinavien, Osteuropa und Israel.

SPIEGEL ONLINE: Spiegeln sich in der Architektur deshalb auch Projektionen anderer Länder?

Herz: Zum Teil schon. Trotzdem: Die Architektur Sambias etwa ist komplett anders als die Kenias, obwohl beide britische Kolonien waren und in beiden teilweise dieselben Architekten gewirkt haben. Aber weil Klima, Ressourcen, Kultur und die staatlichen Interessen differierten, bildeten sich lokale Stile heraus.

SPIEGEL ONLINE: Besonders israelische Architekten waren in Afrika aktiv. Warum?

Herz: Israel hatte 1948 auch einen Prozess der Dekolonialisierung durchgemacht und seine Architekten kannten das Bauen in heißen Regionen. Dazu erhoffte sich Israel von den neuen afrikanischen Staaten die Unterstützung seiner Interessen bei den Vereinten Nationen. Doch 1973 schlugen sich die afrikanischen Länder während des Jom-Kippur-Kriegs auf die Seite der Sowjetunion und der arabischen Staaten. Die Israelis verließen Afrika Hals über Kopf. Bei der Universität von Sambia sieht man noch unfertige Treppen, die am letzten Tag gegossen wurden.

SPIEGEL ONLINE: Pflegen die Länder denn ihr architektonisches Erbe bis heute?

Herz: Einige Bauten - wie die wunderbare Ufo-förmige Diskothek in Nairobi - wurden kürzlich abgerissen. An anderen Bauten lässt sich Landesgeschichte bis heute ablesen: Das Hôtel Ivoire in Abidjan etwa wurde als glamouröses Luxushotel mit einer immensen Schwimmbadlandschaft errichtet; es zog den Jet Set an. In Zeiten von Unruhen wurde es aber zum Milizen-Camp. 2004 erschossen französische Soldaten aus ihm heraus mindestens sieben Ivorer. Zuletzt ist es frisch renoviert und neu eröffnet worden, um an glamouröse Zeiten anzuknüpfen. Es hat alle Höhepunkte und Traumata des Landes miterlebt, war Bühne, Mitakteur, Zeuge. Ein Alter Ego des Landes.


Ausstellungsangaben:

Architektur der Unabhängigkeit - Afrikanische Moderne. Weil am Rhein, Vitra Design Museum Gallery, mit Fotos von Iwan Baan und Alexia Webster, bis 31. Mai. Parallel dazu erscheint ein Bildband.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
tailspin 20.02.2015
1. My take
Das ist kein Triumphbogen auf dem Bild. Das ist ein halbes McDonalds Logo, bei dem die Farbe verblasst ist mit einer Aussichtsplattform auf halber Hoehe.
mijaps 20.02.2015
2. Da fehlt doch etwas
Wo ist denn die große Ausstellung mit all den goldenen Betten, die damals in großer Menge angeschafft wurden? Oder sind die noch im Gebrauch, also private Geheimnisse der herrschenden Klasse in diesen Ländern...
Florentinio 20.02.2015
3. kulturelle Kolonisierung
Ich finde es schade, wie die ersten beiden Beiträge hier moderne afrikanische Kultur entwerten und herabwürdigen. Afrika wird von Europa aus gerne mit der traditionellen Brille betrachtet und über vieles was nicht den folkloristischen Erwartungen entspricht, wird sich lustig gemacht.
MattKirby 20.02.2015
4. Moderne afrikanische Architektur?
@ Fiorentino: Was ist denn an den Bauten bitte afrikanisch. Das ist die typische globale Architektur der 60/70er die man in Manila genauso sieht wie in Brasilia, hier steht diese halt in Afrika. Und diese Architektur wurde größtenteils durch europäische und amerikanische Architekten geprägt. Sicher war ein Großteil der in der Fotoserie gezeigten monströsen Hässlichkeiten keinem afrikanischen Geist entsprungen.
linoberlin 20.02.2015
5. Ich
(man soll keinen Satz mit "ich" beginnen) verausgabe mich jedes Jahr wieder, um am 6. März in der Tribüne des Independence Square zu sein. In einer Woche geht es wieder nach Ghana. 600 Jahre lang haben sie dort den kürzeren gezogen und sind sich dessen bewußt. Und dennoch präsentiert man sich stolz. Mit Recht. Dafür ist die Architektur eigentlich eher bescheiden. Zur nationalen Identität darf in jedem Fall auch die Moderne gehören.
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