Architektur in Afrika Die Betonwüste lebt

Die Wiege der modernen europäischen Stadt steht in Afrika. Eine Berliner Ausstellung zeigt erstmals, wie junge Architekten in den Fünfzigern den schwarzen Kontinent wie ein weißes Blatt, ein Experimentierfeld nahmen: In der Wüste bauten sie ihre Utopien aus Glas, Stahl und Beton.

Von Christiane Kühl


1952 erkannte Michel Ècochard, Leiter des Stadtplanungsamts in Französisch-Marokko, ein erstaunliches Problem: In Casablanca gibt es zu viele Marokkaner. Aus Sicht des Kolonialherrn war dies keine natürliche Tatsache, sondern ein Malheur, dem umfassend und technokratisch begegnet werden musste.

Bei der Besetzung Casablancas 1907 hatten die Franzosen die Einheimischen zum großen Teil getötet oder vertrieben, und da die Hafenstadt als Verkehrsknotenpunkt prosperierte, wären die Europäer gern unter sich geblieben. Doch der Wirtschaftsboom hatte die Stadt von 25.000 auf stolze 650.000 Einwohner wachsen lassen, und täglich kamen mehr. 1952 lebten rund 100.000 von ihnen, zumeist arme Landflüchtlinge, in "wilden" Siedlungen, sogenannten Bidonvilles.

Die autogerechte Stadt, das größte Schwimmbad

"Der Anblick dieses Übels ist nicht erträglich für das westliche Auge", befand die Protektoratsregierung freimütig in einem zeitgenössischem Propagandafilm für den Aufbau Französisch-Nordafrikas. Sie beschloss, "der Pest der Barackensiedlungen" einen Masterplan entgegenzusetzen, der sich auf einen Begriff bringen lässt: bauen!

Für junge europäische Architekten erwies sich das afrikanische Problem als Glücksfall. Den Kopf voller Utopien der Moderne - maßgeblich beeinflusst von Le Corbusier und seiner Vorstellung einer funktionalen Ästhetik - verfügten sie plötzlich über ein riesiges Experimentierfeld.

In Paris, Genf und Berlin hatten sie Modelle gebastelt - in Marokko wurde gebaut. Die autogerechte Stadt, die erste Tiefgarage außerhalb Amerikas, das größte Schwimmbad der Welt und vor allem die ersten Massenwohnanlagen für 35.000 Menschen und mehr entstanden in Casablanca. Die weiße Stadt war ein weißes Blatt - eine Projektionsfläche und ein Testgelände der "Stadt von Morgen".

Skizzen, Fotos und filmische Dokumente dieser Bauten und Entwürfe sind jetzt im Berliner Haus der Kulturen der Welt zu bestaunen. Die Ausstellung "In der Wüste der Moderne. Koloniale Planung und danach" will nicht weniger aufzeigen, als dass die europäische Nachkriegsmoderne, zumindest was die Stadtplanung betrifft, ihren Anfang in Afrika nahm.

Widerstand gegen die Kolonialherrschaft

Ein Fokus liegt dabei auf der partiellen Blindheit der ambitionierten Architekten. Selbst wenn sie an der Seite von Ethnologen die traditionellen Siedlungsstrukturen der Marokkaner studierten und in ihre Entwürfe mit Kuben und Patios bereitwillig Elemente der mediterranen Architektur aufnahmen, blendeten sie die aktuelle Situation des kolonialisierten Landes komplett aus.

Eklatant sichtbar wird das in der Architekturfotografie: Ausschließlich weiße Gebäude im Sonnenschein werden gezeigt, obwohl Anfang der Fünfziger längst Demonstrationen, Streiks und Panzer das Straßenbild prägen. Ironischerweise formiert sich der Widerstand gegen die Kolonialherrschaft dabei just in jenen neuen "Habitats Marocain", die die Protektoratsregierung zur besseren Kontrolle der Bevölkerung in Auftrag gegeben hatte.

Es sollte nicht das einzige Mal bleiben, dass die Moderne zurückschlägt. Nach der Unabhängigkeit Marokkos 1956 werden die Massenwohnanlagen nach Europa importiert, wo nach dem Krieg ebenfalls eine große Landflucht eingesetzt hatte.

Brennpunkt von Aufständen

Als Trabantenstädte entstehen sie an den Rändern der Metropolen, teilweise gebaut von denselben Architekten wie in Marokko und bald bewohnt von den gleichen Menschen - die als nordafrikanische "Gastarbeiter" nach Frankreich immigrierten. Erst, um die Trabantenstädte mit ihrer billigen Arbeitskraft zu bauen - wobei das westliche Auge diesmal ganz gut damit klarkommt, dass die Arbeiter selbst neben den Großbaustellen in Baracken hausen -, später dann als Bewohner der Banlieues.

Die Ausstellung zeigt das Beispiel von Toulouse-Le Mirail, einer Reißbrettvorstadt für 100.000 Einwohner; 1960 konzipiert vom Architektentrio Candilis, Josie, Woods, das schon die Cité Verticale in Casablanca gebaut hatte. Internationale Berühmtheit erreichte der Ort 1998, als Polizisten hier einen maghrebinischen Jugendlichen erschießen und Le Mirail zum Brennpunkt eines landesweiten Aufstands wird. Der soziale Wohnungsbau hatte längst seine Kinder gefressen.

Gleichzeitig belegt die von einem Kuratorenteam um Marion von Osten konzipierte Ausstellung, wie die Erfahrungen in Afrika eine neue europäische Moderne inspirierten. Gerade die Bidonvilles, also das einfachste selbstorganisierte Bauen übt seit den Sechzigern eine große Faszination auf Urbanisten aus; konzeptualisiert und internationalisiert wird es als "Spontane Architektur" oder, wie 1964 im New Yorker MoMa, als "Architecture without Architects" gefeiert.

Demonstrationen und Sprengungen

Die Idee einer perfekten Planung wird so abgelöst durch den offenen Entwurf, der durch soziale Praxis veränderbar bleiben soll. Will heißen: Auch im sozialen Wohnungsbau werden endlich die Bewohner als kompetente Organisatoren ihres eigenen Umfelds wahrgenommen.

Insofern ist es vielleicht weniger Ironie der Geschichte als eine logische Folge der Moderne, dass die Jugendrevolte in Frankreich 2005 wieder ihren Ausgang in den Banlieues nahm. Schließlich lässt sich die gewaltsame Aufruhr auch als Empowerment-Strategie verstehen: Als Selbstorganisation einer Gruppe, die sonst stets an den Rand gedrängt lebt.

Einen Katalog zur spärlich beschrifteten Ausstellung gibt es nicht, weshalb Interessenten an der Geschichte des kolonialen Bauens auf eine Ende Oktober erscheinende Sonderausgabe der Zeitschrift "An Architektur" vertröstet seien.

Wer hingegen an der Gegenwart der einstigen Städte für Morgen interessiert ist, sollte sich das Web-Projekt "This was Tomorow" anschauen: Hier zeigen Bewohner private Videos von ihrem Leben in den Wohnbauprojekten.

Demonstrationen und Sprengungen eingeschlossen.


"In der Wüste der Moderne", Berliner Haus der Kulturen der Welt, 29. August bis 26. Oktober



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