Architektur in Afrika Vorbild Bauhaus

Afrikanische Städte wachsen unaufhörlich. Der Wohnungsbedarf explodiert, Strategien fehlen. Junge Architekten wollen mit sozialer Architektur gegensteuern. Ein Besuch im African Design Centre.

African Design Centre

Von Susanne Maria Krauß, Kigali


Ein moderner Bürokomplex, fünfter Stock. Im Großraumbüro sitzen junge Kreative an langen Schreibtischen. Industriecharme, alles offen. Die Ideen sollen durch den Raum fluten. Das Büro könnte auch in New York oder Berlin sein. Es liegt aber in Ruandas Hauptstadt Kigali.

Hier, in einem der kleinsten Länder Afrikas, hat im September 2016 unter Mithilfe des internationalen und erfolgreichen Architekturunternehmens MASS Design Group das Africa Design Centre eröffnet. Seine Aufgabe: die Architektur des Kontinents revolutionieren.

Der Kopf dahinter heißt Christian Benimana. Leger gekleidet in Jeans und Hemd führt er mich durch die Räume. Wir machen Halt an einer Kaffeebar. Auch die gehört zum Bürokonzept. Benimana trinkt seinen Kaffee schwarz. Er erzählt, wie er Architekt werden wollte und es in seinem Heimatland Ruanda keinen Studiengang dafür gab. In seiner Muttersprache Kinyarwanda existierte nicht einmal ein Wort für Architektur. Also ging er nach Shanghai, hat im ersten Jahr Mandarin gelernt, dann studiert und Shanghais rasantes Wachstum zu Beginn des 21. Jahrhunderts hautnah erlebt, auch die Schattenseiten.

Zurück in Ruanda sieht er in Kigali Hochhäuser und Wohnsiedlungen aus dem Boden schießen. Baulärm gehört seither zur Geräuschkulisse der Stadt.

Von Kairo über Lagos bis nach Johannesburg boomen Afrikas Städte. Nach einer Untersuchung des Uno-Programms Habitat wird die Stadtbevölkerung Afrikas bis 2050 schneller wachsen als in jeder anderen Region der Welt.

Die Menschen strömen in die Städte, weil sie sich dort Arbeit und bessere Lebensbedingungen erhoffen. Dazu kommt ein weiterer Faktor: Afrikas Bevölkerungsexplosion. Bis 2050 werden auf dem Kontinent doppelt so viele Menschen leben wie heute.

Der Städteboom ist beispiellos. Eine Prognose der Weltbank spricht von 85.000 neuen Krankenhäusern, 310.000 Grundschulen und 700.000 Millionen neuen Wohnungen, die bis 2050 benötigt werden. Wer wird die bauen? Und vor allem: Wie?

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Architektur in Afrika: Bauhaus als Vorbild

So wie damals bei der Studienplatzsuche Resignation keine Option war, ist es für Christian Benimana auch heute undenkbar, die Dinge laufen zu lassen. Oder anderen zu überlassen. Den Chinesen zum Beispiel, die mit milliardenschweren Investitionen in den Wohnungsbau in Afrika drängen. "Wir brauchen für Afrika eine Architektur, die beim Menschen ansetzt, modern und gleichzeitig nachhaltig ist," erklärt Christian Benimana.

Wir sehen uns Fotos von früheren Bauprojekten an, die er für und mit MASS durchgeführt hat. Er spricht vom Bauen mit lokalen Materialien, vom Einbinden und Ausbilden einheimischer Handwerker und davon, wie Architektur für soziale Gerechtigkeit oder eine bessere Gesundheit sorgen kann.

Ganz Afrika zählt 35.000 Architekten, Deutschland 130.000

Sein Vorbild hat der Visionär in Deutschland gefunden: Die Bauhaus Schule. "Das Bauhaus wollte viel mehr, als eine neue Architektur, ein neues Design zu definieren. Es war viel mehr eine Bewegung. Das Bauhaus hat eine neue Ära eingeläutet und seine Fußabdrücke sind bis heute auf der ganzen Welt zu entdecken." Das Africa Design Centre soll eine ähnliche Wirkung für Afrika haben.

Kigali ist der Anfang. Zwei weitere Design-Schulen sollen in der Zukunft entstehen. Benimana denkt kontinental. Für ihn macht es keinen Sinn, Lösungen nur für Ostafrika zu entwickeln, wenn westafrikanische Großstädte mit ähnlichen Problemen konfrontiert sind. Design, Material und Größe mögen variieren. Die Prinzipien für verantwortungsbewusstes Bauen sind für Benimana die gleichen.

Die ersten elf Studenten des Africa Design Centres kommen aus acht verschiedenen afrikanischen Ländern. Sie stammen aus Ghana, Südafrika, Malawi, dem Südsudan und der Elfenbeinküste "Dieser Kontinent braucht professionelle Architekten," sagt Zani Gichuki aus Nairobi. "Das heißt nicht, dass wir nicht ausgebildet sind, aber wir wurden in festgefahrenen Systemen ausgebildet."

Der gesamte Kontinent zählt derzeit 35.000 Architekten. Allein Deutschland verzeichnet 130.000. "Vielleicht kann man uns als Apostel oder Jünger bezeichnen," meint Moses Mawa aus dem Südsudan. "Denn wir werden das Wissen, die Ideen und Strategien von hier mit in unsere Heimatländer zurücknehmen." Christian Benimana sieht die Schüler nicht nur als zukünftig führende Architekten, sondern auch in Regierungen und an Universitäten.

Auf die Frage, ob Afrika eine realistische Chance im Wettlauf mit der enormen Urbanisierungswelle hat, lächelt Christian Benimana sein optimistisches Lächeln und sagt: "Ich bin sehr ehrgeizig. Natürlich weiß ich nicht, wie das Ganze enden wird. Aber ich würde den positiven Wandel sehr gerne miterleben. " Resignation ist für ihn keine Option.



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george_oberle 12.06.2017
1. Kolonialistischer Schreibstil
Auch dieser Beitrag kommt ohne kolonialistische Blickweise nicht aus. In Europa kann sich offensichtlich niemand vorstellen, dass man in Afrika auch eine eigenständige Architektur pflegen kann. Selbst wenn es Parallelen zu Bauhaus gibt, heißt das noch lange nicht, dass es ein absolutes Vorbild ist. Es ist auch nicht nötig, einen dummen Hinweis auf Materialien aus dem "Dschungel" zu geben, da in jedem Land die preisgünstigsten Baustoffe ohnehin verbaut werden. Auf die Idee, dass uns die afrikanischen Architekten um Längen voraus sind, können sich die Deutschen in ihrer grünen Hochhauskultur wahrscheinlich nicht vorstellen. Die besten Ideen erfahre ich immer in Afrika, da dort die Menschen Visionen haben, die es in Europa (und anderen Industriestaaten) längst nicht mehr gibt.
vox veritas 12.06.2017
2.
Zitat von george_oberleAuch dieser Beitrag kommt ohne kolonialistische Blickweise nicht aus. In Europa kann sich offensichtlich niemand vorstellen, dass man in Afrika auch eine eigenständige Architektur pflegen kann. Selbst wenn es Parallelen zu Bauhaus gibt, heißt das noch lange nicht, dass es ein absolutes Vorbild ist. Es ist auch nicht nötig, einen dummen Hinweis auf Materialien aus dem "Dschungel" zu geben, da in jedem Land die preisgünstigsten Baustoffe ohnehin verbaut werden. Auf die Idee, dass uns die afrikanischen Architekten um Längen voraus sind, können sich die Deutschen in ihrer grünen Hochhauskultur wahrscheinlich nicht vorstellen. Die besten Ideen erfahre ich immer in Afrika, da dort die Menschen Visionen haben, die es in Europa (und anderen Industriestaaten) längst nicht mehr gibt.
Haben Sie den Artikel überhaupt gelesen? Der Vergleich mit dem Bauhaus-Stil kommt nicht vom Autor des Artikels, sondern vom (afrikanischen) Architekten. Und dieser sagt explizit, daß der diesen als Grundlage für einen eigen afrikanischen Design- Stil sieht. Nicht mehr und nicht weniger. Scheuklappen bitte ablegen.
Sheng Li 12.06.2017
3. Designfrage??
Ich wünsche den Designern viel Glück! Und hoffe für sie, dass sie sich nicht komplett am Markt vorbei orientieren. Denn anspruchsvolle Architektur ist immer noch ein Luxus, der angesichts des rapiden Wachstums von afrikanischen Metropolen wohl kaum oberste Priorität haben kann. Zitat: "Bauen mit lokalen Materialien, Einbinden und Ausbilden einheimischer Handwerker, soziale Gerechtigkeit oder bessere Gesundheit" - all das dürfte zweitrangig sein, wenn es darum geht, möglichst schnell Millionen Menschen vier Wände und ein Dach anzubieten, egal wie hässlich. Dafür braucht es keine Architekten mit Visionen, sondern pragmatische Bauingenieure.
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