Wohnhaus-Architektur in Japan: Der Traum vom eigenen Aalbett

Von Christian Tröster

Das typische deutsche Wohnhaus sieht aus, als käme es direkt vom Fließband. Japanische Architekten sind da mutiger. Dank hoher Steuern, Überbevölkerung und mieser Lichtverhältnisse erschaffen sie selbst auf 25 Quadratmetern kleine Wohnparadiese. Und zwar für relativ wenig Geld.

Japanische Wohnhäuser: Kleine feine Paradiese Fotos
NAI Publishers/ Photo by Kenâichi Suzuki

Wenn man deutsche Kinder ein Haus zeichnen lässt, kommt in der Regel ein Viereck mit spitzem Dach dabei heraus - eine Wahl, für die vermutlich die Märchenhäuschen der Gebrüder Grimm und die provinzdeutsche Einfamilienhaus-Tristesse zu gleichen Teilen verantwortlich sein dürften. Das typische Spitzdach-Viereck-Haus scheint so tief in der deutschen Psyche verwurzelt, dass selbst Architekten wie Kinder entwerfen und Bauämter die Phantasie an der Regenrinne abriegeln, indem sie Satteldächer vorschreiben.

Denn wie soll man es sich sonst erklären, dass in manchen Siedlungen schon Formen der klassischen Moderne - so wie sie das Bauhaus entwickelt hat - als zu gewagt gelten? Obwohl doch diese Moderne bereits hundert Jahre alt ist?

Wie innovativ man heute bauen kann, ist dagegen am anderen Ende der Welt zu besichtigen, in Japan. Dort entstehen seit einigen Jahren architektonische Meisterwerke, wie sie hierzulande kaum vorstellbar scheinen: zum Beispiel Häuser, die auf winzigen Grundstücken enorm viel Wohnraum herbeizaubern und die dennoch oft so schmal sind, dass sie "Unagi-no-nedoko" genannt werden - Aalbetten. Andere sind verwinkelt und verschachtelt, mit geschwungenen Wänden oder aufgetürmt zu alpin anmutenden Schrägen. Die Vielfalt geht sogar so weit, dass die Architekten kleine Satteldachhäuser übereinander stapeln. So entsteht seltsam verschachtelter Wohnraum - und ganz nebenbei ein ironischer Kommentar zum Thema antiquierte Bauformen und städtische Verdichtung.

Pro Quadratkilometer 14.000 Menschen

Das Bewundernswerte ist nicht einmal die formale Phantasie oder der Wille zur Spielerei, die sich in solchen Bauten ausdrücken, sondern ihre kluge Organisation des Raumes. Da werden einzelne Zimmer als freistehende Kuben aufgestellt, so dass eine komplette Wohnung wie ein kleines Dorf im Haus wirkt: Der Flur wird so zur Dorfstraße und auf den einzelnen Kuben - also auf den einzelnen Zimmerdecken - gibt es Terrassen, die einen Blick von oben auf das Hausinnere erlauben.

Das unter Fachleuten berühmte Moriyama Haus in Tokio gilt etwa als völlig neuer Typus: Die Zimmer sind einzeln auf dem Grundstück verteilt, das Haus ist in Wahrheit eine Miniatur-Stadt mit Wegen und Plätzen. Architekt Ryue Nishizawa wurde im Jahr der Fertigstellung 2010 mit dem Pritzker-Preis, dem weltweit wichtigsten Architekturpreis, ausgezeichnet. In ähnlicher Weise verschachtelt sein ebenfalls erfolgreicher Kollege Sou Fujimoto in einem Wohnhaus die Volumen so miteinander, dass Innen- und Außenräume gar nicht mehr klar voneinander abgrenzbar sind.

Geschuldet ist die überbordende Phantasie der japanischen Baumeister allerdings der Not. In der Metropolregion Tokio mit ihren 36 Millionen Einwohnern leben pro Quadratkilometer 14.000 Menschen - in München sind es 4400, in Hamburg sogar nur 2400. Dazu gibt es in Japan hohe Erbschaftsteuern. Die nachfolgende Generation ist oft gezwungen, größere Teile des elterlichen Grundstücks zu verkaufen, um kleinere halten zu können. Deshalb werden die Bauflächen geteilt und noch einmal geteilt, bis manchmal nur noch 50 Quadratmeter mit teils seltsamen Zuschnitten übrig bleiben: T-Formen, superschmale Streifen, Trapeze.

Das perfekte WG-Haus

Und als wäre so eine Ausgangslage nicht Herausforderung genug, dürfen die Areale oft nur zur Hälfte bebaut werden - eine Übung, die den Architekten artistisches Können abverlangt. Welcher deutsche Baumeister musste je auf 25 Quadratmetern ein Einfamilienhaus errichten? "Die Japaner arbeiten unter extremen Bedingungen", beschreibt die Architekturkritikerin Cathelijne Nuijsink die Lage. In ihrem Buch "How to Make a Japanese House" stellt sie 21 Architekten mit ihren Bauten vor - und spricht mit größtem Respekt über diese Hauskünstler: "Sie müssen sich mit den strengsten Bauvorschriften der Welt auseinandersetzen, wozu regelmäßig auch noch die Erdbebensicherheit und ein vorgeschriebener Seitenabstand von 50 Zentimetern zum Nachbargrundstück gehören".

Ein Minimum an Tageslicht sowie Rücksicht auf die Nachbargebäude sind ebenfalls verpflichtend. Und die Budgets sind - gemessen an den schwierigen Verhältnissen - oft überraschend klein. Der Durchschnittpreis der von Nuijsink abgebildeten Häuser beträgt nur 180.000 Euro und liegt deutlich unter dem Preis der zumeist unregelmäßig geschnittenen Grundstücke. Architekten und Bauherren aber, so Nuijsink, "tun alles, um ein vermeintlich unbewohnbares Stück Land in einen komfortablen Lebensraum zu verwandeln".

Die oft bemerkenswerten Konstruktionen ermöglichen auch neue Möglichkeiten des gemeinschaftlichen Wohnens. Das zeigt insbesondere das Moriyama Haus, das schon heute als Paradebau der japanischen Supermoderne gilt. Die Aufgliederung in einzelne Baukörper verwandelt nicht nur Flure in Gassen und Dielen in Plätze. Die zehn weißen Kuben, die gemeinsam ein Haus bilden, organisieren auch das menschliche Zusammenleben anders als gewohnt. Wenn ein Haus kein zentral organisiertes Gebilde mehr ist, sondern eine Art verdichtetes Gehöft, dann können die Bewohner Nähe und Distanz, Gemeinschaft und Individualität ganz anders aushandeln, als in drei Zimmern mit Küche, Bad und Carport; ein flexibleres Modell für nicht-familiäre Wahl-Wohngemeinschaften ist zum Beispiel kaum denkbar.

Doch so vorbildhaft die neue japanische Architektur auch daherkommt: Grund zur kulturpessimistischen Selbstgeißelung in Deutschland liefert der Vergleich nur bedingt. Auch in Japan bleiben die kreativen Schöpfungen eine Ausnahme an der Spitze. Das dort meistverkaufte Fertighaus heißt xevoE. Der Hersteller Daiwa liefert pro Jahr rund 15.000 Stück davon aus und macht xevoE damit zu einer Art Toyota Corolla unter den Fertighäusern. Das Ding ist so unspektakulär, dass es sich nahtlos in jede deutsche Vorstadt einfügen könnte.

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insgesamt 69 Beiträge
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1. och leute
hansmaus 09.01.2013
erzählt doch nicht wieder so einen Schmarn! "Das typische deutsche Wohnhaus sieht aus, als käme es direkt vom Fließband. Japanische Architekten sind da mutiger." Da kann man nur mit dem Kopfschütteln wie provinziell die Praktikanten beim Spiegel sind! In Hamburg gibts doch auch ein paar Wohnungen die man getrost als "abgefahren" titulieren kann....die masse der Japanischen Reihenhäuser sehen genauso Dröge, gleich un langweilig aus wie in deutschen Neubaugebieten. Mut und wirkliche Kreativität gibt hier und dort keine. Fahrt mal nach Japan und geht mal in normale Wohngebiete und erst DANN schreibt ihr den "Aufsatz" noch einmal. danke
2. 1. Versuch
Markenfetischist 09.01.2013
Deutsche Spitzdächer finde ich zum Würgen. Das sind Häuser von der Stange ohne individuelle Ideen der Erbauer. Kann ich mir gar nicht vorstellen, da finanziere ich mir mein Haus und kann noch nicht einmal bestimmen, was für Fenster reinkommen, weil der Bauträger nur die begrenzte Palette seiner Vertragspartner anbietet. Dann ist auch fraglich, ob diese Fertighäuser in 25-35 Jahren weiterverkauft werden können, oder nicht doch leer stehen und verkommen, weil sie keiner haben will.
3. Schon mal was von Bauvorschriften gehört ...?
omantel 09.01.2013
... offenbar nicht, denn sonst würde das arme viereckige Spitzdachhaus nicht so runtergeputzt werden. In vielen kleinen Gemeinden lassen die strengen Baurichtlinien gar nichts anderes zu: Traufhöhe, Firsthöhe, Kniestock, Dachneigung, Baufenster, etc. alles präzise vorgegeben. Bei so viel Kleingeistigkeit der Planungsbehörden bleibt oft leider nicht viel Spielraum für Kreativität. Trotzdem gibt's auch hier ausreichend individuelle und tolle Immobilienobjekte, da braucht man nicht nach Japan zu reisen.
4. Ach, sind Fenster altmodisch!
klartext22 09.01.2013
Es scheint auf den Beispielfotos so, als hätten japanische Architekten Angst vor Fenstern oder bieten als Top-Aussicht aus dem Bad das Auspuffrohr des Carport-PKW. Zeigt lieber mal Lösungen aus Holland oder Skandinavien, da kriegt man keinen ästhetischen Schüttelfrost wie bei diesen kalten Gebilden hier.
5.
gerhard berlin 09.01.2013
Zitat von sysopDas typische deutsche Wohnhaus sieht aus, als käme es direkt vom Fließband. Japanische Architekten sind da mutiger. Architektur: Innovativer Hausbau in Japan - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/architektur-innovativer-hausbau-in-japan-a-876170.html)
Wenn in Deutschland nicht alles überreguliert wäre, gäbe es hier auch interessantere Privathäuser (Bauvorschriften). So »innovativ«, wie hier gelobt, sind japanische Architekten auch nicht. Bild 5, das »Tree House« der Mount Fuji Architects in Tokio erinnert mich z. B. sehr an die Architektur des fast vergessenen genialen amerikanischen Architekten Bruce Goff. Fast eine 1:1-Kopie seiner Art zu bauen, aber so haben die Japaner mit Kameras auch mal angefangen … Andere Gebäude (Bild 6 zum Beispiel) sind ein schlechter Abklatsch der »Klassischen Moderne« (Mies van der Rohe, Rietveld, Le Corbusier usw.).
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Fläche: 377.944 km²

Bevölkerung: 126,536 Mio.

Hauptstadt: Tokio

Staatsoberhaupt: Kaiser Akihito

Regierungschef: Shinzo Abe

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