Architektur Deutschlands schönste Bausünden

Kirchen im Bunkerstil, kreischbunte Fassaden, Häuser in Ausflugsdampfer-Optik: Die Architekturhistorikerin Turit Fröbe erklärt in ihrem Fotoband, warum man die Quasimodos der Städte lieben sollte - auch wenn man eigentlich reflexhaft wegschauen möchte.

Turit Fröbe

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Es hat kaum Fenster. Es ist rosarot. Und es steht am Alexanderplatz in Berlin. Das Einkaufszentrum Alexa. Hier gibt es Schmuckgeschäfte, Spielzeugläden, Modeboutiquen und Supermärkte. Ein Einkaufspalast wie so viele andere. Für Turit Fröbe aber ist das Alexa etwas Besonderes, für sie ist es eine gute Bausünde.

Tausende dieser guten Bausünden hat die Architekturhistorikerin in den vergangenen zwölf Jahren gesammelt. "Gute Bausünden prägen sich in das Gedächtnis ein. Sie sind originell, haben ein eigenes Gesicht, einen Wiedererkennungswert", sagt Turit Fröbe. Die Menschen reagieren auf sie, beurteilen sie, werden wütend auf sie. Gute Bausünden, das sind Gebäude, die nicht zu ihrer Umgebung passen, die durch ihre Form und Farbe auffallen: Kirchen, die wie Bunker aussehen und Bürogebäude in Ausflugsdampfer-Optik oder billige Vorbauten, die neben Gründerzeithäusern stehen.

Die schönsten Werke präsentiert sie in ihrem Buch "Die Kunst der Bausünde" und kommentiert sie ironisch und liebevoll, vergleicht sie mit Objekten aus Fantasy-Filmen ("Kampfstern Galactica") oder aus dem Haushalt ("Champagnerschalen"). Es sind Schnappschüsse aus dem Alltag, Bilder, die sie im Vorbeigehen aufnahm - im Gegenlicht, bei Schnee, bei Nebel, bei bewölktem Himmel. "Ich wollte die Häuser so zeigen, wie ich sie im Stadtraum vorfinde. Absolut ungeschönt", sagt Fröbe.

Als hätte ein Blitz sie seltsam verformt

Oftmals sind es Einkaufszentren, die Fröbe in den Stand der guten Bausünde erhoben hat. Sie erregen Aufmerksamkeit, schreien die Menschen förmlich an, wie die Autorin sagt. Die Gebäude sind ausgestattet mit verspiegelten Fenstergläsern, Werbeschildern, Außentreppen, Rohren. Manche sehen aus, als wären sie mit einem Hackbeil durchtrennt worden, bei manchen scheint es, als hätte ein Blitzschlag sie seltsam verformt. Es sind die Quasimodos der Städte. Doch auch Einfamilienhäuser, Apotheken, Banken, U-Bahn-Stationen und sogar Kirchen können so hässlich sein, dass Menschen "reflexhaft wegschauen wollen".

Manche Gebäude sind auch einfach nur aus der Mode gekommen und gelten deswegen als Bausünde, wie etwa der Bierpinsel in Berlin-Steglitz, der aussieht wie ein Pilz im Graffitikleid, Verwaltungsgebäude der sechziger und siebziger Jahre oder Häuser mit eierförmigen Erkern. Als grenzwertige, gute Bausünde stuft Fröbe das Happy Rizzi Haus in Braunschweig ein, das von dem US-Künstler James Rizzi entworfen wurde, ein Gebäude, das kunterbunt angemalt ist, schiefe Fenster hat und auch in Alices Wunderland stehen könnte. "Mir tun die Leute leid, die da drin arbeiten oder es jeden Tag anschauen müssen", sagt sie.

Für Turit Fröbe gibt es aber nicht nur gute, sondern auch schlechte Bausünden: "Schlechte Bausünden stehen hundertfach in Städten herum." Sie sind beliebig und gesichtslos. Alltagsarchitektur. Diejenigen, die an ihnen vorbeigehen, erinnern sich nicht an sie. Man brauche die schlechten Bausünden allerdings, um die guten wertschätzen zu können.

Trutzburgen als Street-Art

Fröbe hat ein Herz für gute Bausünden entwickelt, sie freut sich, wenn sie welche sieht. Sie zeugen von Einfallsreichtum, Entschlossenheit und Mut. Gute Bausünden sind einzigartig, sie machen die Städte mit ihrem eigenen Charme bunt. Sie durchbrechen den Einheitsbrei der Alltagsarchitektur.

Der Grat zwischen guter Bausünde und guter Architektur sei schmal, sagt Fröbe. Auch gute Architektur prägt sich bei den Betrachtern ein, setzt sich im Gedächtnis fest wie ein gutes Bild. Auch gute Architektur kann sich stark von seinem Umfeld abheben wie etwa der Eiffelturm in Paris. Die Stadtbewohner sind stolz auf diese Häuser, Touristen pilgern zu ihnen hin. Wenn die Gesellschaft gute Bausünden schätzen lerne, dann würde sich diese positive Haltung auch auf die Produktion guter Architektur auswirken, sagt Fröbe. Gute Bausünden machten Mut zu Charakterbauten.

Private Wohnhäuser, die architektonisch grenzwertig sind, weil sie wie Trutzburgen Straßen dominieren oder weil deren Fassaden zu auffällig verziert sind, bezeichnet Fröbe als Street-Art. Vielleicht, um deren Eigentümer nicht zu verletzen.

Fröbe sagt, sie habe ein gutes Gespür dafür, gute Bausünden zu finden. Wenn sie in einer neuen Stadt sei, dann könne sie innerhalb von zehn Minuten sagen, ob sie fündig wird. In Städten etwa, in denen herausragende Architektur steht, gebe es auch gute Bausünden. Denn diese Städte seien mutig. Und Mut fehle vielen Metropolen. Bald, so prophezeit Fröbe, werden die guten Bausünden verschwinden, weil die Städte sie durch schlechte, nichtssagende Gebäude ersetzen werden. Doch solange es die guten Bausünden noch gibt, sollte man sie schätzen und nicht achtlos an ihnen vorbei gehen.

Auch Hässliches ist manchmal schön. Wenn auch nur auf den zweiten Blick.



insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
ambulans 20.08.2013
1. schönheit
liegt - wie man so sagt - im auge des betrachters. so schön - so gut. aber da gibt es ja auch noch die schönheit (oder ihr gegenstück: die hässlichkeit) im inneren des betrachteten ...
xxbigj 20.08.2013
2. optional
Jaja die Archtiketen sind halt nicht alle Gut;) Über Geschmack lässt sich streiten, manchmal aber auch nicht!
urbitekt 20.08.2013
3.
Schön ist schlicht gesagt keine architektonische Kategorie.
xveganx 20.08.2013
4.
schade, dass das habiflex außenvor gelassen wurde....
spon-facebook-578237057 20.08.2013
5. Schlampig recherchiert....
Die Humboldt-Box in Berlin ist ein temporäres Gebäude. Das sollte man vielleicht wissen, bevor man es in eine Reihe mit all den anderen Gebäuden stellt.
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