Architektur von morgen Hauptstadtblasen

Soziale Probleme, kein Geld – rettet "Guerilla Urbanism" die Stadt? Das Berliner "Raumlabor" erfindet spektakuläre neue Architekturen. Niklas Maak hat sie sich angeschaut.


Es ist kein Wunder, daß diese Bewegung ausgerechnet in Berlin entstand, in der Hauptstadt der gescheiterten Großprojekte und der gigantischen Finanzlöcher, und wenn auch die Bezeichnung "Guerilla Urbanism" ein wenig zu militant ist für die Architekturen, die in den letzten Jahren in Nischen, an Kanälen, auf Industriegeländen und unter Autobahnbrücken entstanden, so trifft sie doch den Kern: daß nämlich jenseits der üblichen Planungsbürokratie spontane, mobile Bauten entstanden, die die Städte viel nachdrücklicher verändern als die offizielle Baupolitik.

Capital Beach Club in Berlin: Selten ist mit so wenig Aufwand so viel erreicht worden
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Capital Beach Club in Berlin: Selten ist mit so wenig Aufwand so viel erreicht worden

Zum Beispiel die Stadtstrände: Da plant ein Architekturbüro einen Bürokomplex mit Café am Fluß, die Rede ist von "urbanem Flair", die Politik ist erfreut; dann geht der Investor pleite, die Architekten sind arbeitslos, die zuständigen Politiker machen ein langes Gesicht, kein Mensch, kein urbanes Flair in Sicht, nur eine zugige, leere Brache. Und dann kommen ein paar Leute, laden ein paar Lastwagenladungen Sand und dreißig Liegestühle ab, bauen eine Bühne auf und verkaufen Bier – und schon kommen Tausende in Gegenden, in denen man vorher keinen Menschen sah.

Selten ist mit so wenig Aufwand so viel erreicht worden, und vielleicht ist es auch der Neid angesichts des Erfolgs dieser halbanarchischen Stadtbelebungen, der die offiziellen Stadtplaner davon abhält, gemeinsame Sache mit der architektonischen Bauguerilla zu machen. In Berlin zum Beispiel gibt es die Architektengruppe " Raumlabor", die unter anderen im deutschen Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig gezeigt wird, was auch eine späte Wiedergutmachung ist für die hartnäckige Art und Weise, mit der sie von den offiziellen Stellen in der Hauptstadt ignoriert wurde. Die Gründer von "Raumlabor" hatten sich beim Architekturstudium in Berlin kennengelernt, im Wintersemester 1989, kurz vor der Maueröffnung, und seitdem haben sie immer wieder ausgelotet, was Architektur jenseits der Aneinanderreihung von Kisten zum Arbeiten, Wohnen und Schlafen noch sein kann. Zu einer Zeit, als die Berliner Stadtplaner auf die entschlossene Flucht in den Urbanismus des 19. Jahrhunderts setzten, schlugen sie ganz im Sinne einer kritischen Rekonstruktion verlorengegangener Lebensqualität vor, den verschütteten luisenstädtischen Kanal auszubaggern und die 420000 Kubikmeter Erdreich auf dem öden Berliner Moritzplatz zu einem großen Berg aufzuschütten: "Spontannutzungen à la Tiergarten und Grunewald – Grillen, Joggen, Sex, Sonnen, Schachspielen, Rollschuhlaufen, Kontakt, Wurstessen – werden gefördert", hieß es in der Projektbeschreibung. Natürlich wurde nichts daraus.

Daß "Raumlabor" sich dennoch als eine der interessantesten jungen Architektengruppen in Deutschland etablieren konnte, daß ihre über Berlin verstreuten Forschungszellen als Zentren eines sonst eher theorieschwachen deutschen Diskurses über die Stadt gelten, liegt an erfolgreichen Projekten wie dem "Küchenmonument", das, wie die Stadtstrände, mit geringem Aufwand ganze Stadtviertel verändert. Auf den ersten Blick sieht das von den Raumlaboranten Jan Liesegang und Matthias Rick, Katja Szymczak, Anne-Claire Deville und Frederik Kunkel entwickelte Objekt eher unspektakulär aus. Da steht, stumm und edel wie ein Werk der Minimal Art, eine drei Meter lange Skulptur aus Zinkblech im Park, unter einer Autobahnbrücke oder an einem alten Industriekanal, Passanten gehen vorbei, wandern einmal herum, schütteln den Kopf, wandern weiter.

Doch die kühle Ästhetik täuscht; die Skulptur ist das Trojanische Pferd des Guerilla-Urbanismus; in ihrem Inneren befindet sich eine pneumatische Architektur, die zusammen mit den Spezialisten von "Plastique fantastique" entwickelt wurde, eine Raumhülle, die sich, per Überdruck, aus der Skulptur herausfalten kann. Um zu verstehen, wie diese sensationelle Architektur funktioniert, hilft ein Blick ins Tierreich, denn im Prinzip ist das Monument ein gebauter Walhai. Der ist nicht nur, mit fast 14 Metern Länge und einem Gewicht von 36 Tonnen, der größte lebende Fisch – er kann auch seinen Magen nach außen stülpen wie einen Handschuh, um versehentlich verschluckte Planken, Autoreifen oder andere Unverdaulichkeiten wieder loszuwerden. Wie ein abstrakter Walhai kann auch das Küchenmonument sein Innerstes plötzlich nach außen stülpen, seine Ausmaße verdoppeln. Aus der Kiste wird eine zwanzig Meter lange Blase aus halbdurchsichtiger Folie, eigentlich ein Dachabdichtungsmaterial, ausgestülpt – und in dieser durchsichtigen Blase, die man über eine Luftschleuse betritt, die den leichten Überdruck im Inneren der Blase hält, können bis zu achtzig Menschen essen, reden, tanzen. In der pneumatischen Architektur, die im Frühsommer dieses Jahres in notorisch unwirtlichen Gegenden von Duisburg und Mühlheim ausprobiert wurde, veranstalteten die Raumlaboranten zunächst ein Festessen für ein ganzes Stadtviertel ("der Postbote, der Kioskbesitzer und Familie Gürel aus dem dritten Stock des benachbarten Hauses wurden zu Köchen und Gastgebern"). Nach dem Essen verschwand die Blase wie eine Fata Morgana, das Objekt, berichtet Liesegang, reiste weiter, und diesmal drang Tanzmusik aus dem zum "Ballsaal Ruhrperle" umdefinierten Monument.

Spät am Abend kamen neugierige Besucher vorbei, die sehen wollten, was sich in diesem Ufo befindet, aber dann, als sich die Schleuse öffnete, kamen keine Marsmenschen, sondern nur ein paar Blasmusiker und einige sehr alte, aufgekratzte Herren und Damen heraus, die hier Tango getanzt hatten, was sie seit langem schon nicht mehr getan hatten; die Blase war für sie tatsächlich die Zeitmaschine, nach der sie von außen aussah. Auf der nächsten Station verwandelte die Blase die Stadt wieder in eine öffentliche Küche, und wieder zeigte sich, wie überzeugend die Guerilla-Architektur funktioniert: Wie ein Kaugummi bläst man das Pneuma-Monument einfach in die Stadt hinein, dank seiner Form tritt es nicht in Konkurrenz zum Bestand, sondern legt sich um Bäume, Pfeiler und Gebäude herum und verschwindet, ohne Spuren zu hinterlassen. Das Küchenmonument macht Ernst mit den utopischen Architekturen der sechziger Jahre, in denen die Bau-Utopiker von Archigram ein "Blow Out Village", eine selbstauffaltende, aufblasbare Stadt erfanden.

"Raumlabor" bringt die lange getrennten, sich feindselig beäugenden Welten von technischer Innovation, futuristischer Ästhetik und Sozialmontage zusammen und erweitert die Vorstellung davon, was öffentlicher und was privater Raum sein kann. Nun ist die Küche einerseits ein archaischer privater Raum, Rückzugsort für die Familie, die vor den Widernissen des Alltags nach Hause flieht, und gleichzeitig so etwas wie der Marktplatz jeder Wohnung. Mit diesem Doppelcharakter spielt "Raumlabor", wenn der öffentliche Raum der Stadt zu einer großen Kollektivküche umgebaut, das gemeinsame Essen von der Familie auf die Stadtgesellschaft ausgedehnt wird. Man sitzt geschützt wie in einem Restaurant – und ist gleichzeitig für alle draußen sichtbar, mitten in der Stadt. Das klassische Entweder-Oder der modernen europäischen Stadt – entweder hinter dicken Mauern, also drinnen, oder auf dem Platz, also draußen – wird aufgelöst: Eine Membran schafft einen offenen, witterungsgeschützten, mobilen Zwischenraum, der durch die Stadt wandert und immer neu bespielt wird. Das Küchenmonument, das die Tradition ephemerer barocker Festarchitekturen mit den Architekturutopien der sechziger Jahre von Buckminster Fuller bis Yona Friedman kurzschließt, ist ein Prototyp dafür, wie die unter zunehmender sozialer Segregation leidende Stadt als Zivilisationsmodell wiederbelebt werden kann. Einmal aufgeblasen, macht es sogar eine Autobahnbrücke zum einladenden Ort; wie in einem Raumschiff sitzen die Gäste dort und schauen durch die Schutzmembran in die surreal verzerrte Stadt wie in ein sauerstoffarmes, feindliches All. Gleichzeitig wirkt die aufgeblasene Anlage wie eine außerirdische Skulptur, und vor allem nachts, wenn sie leuchtet und ihre Insassen als Halbschatten zeigt, wird sie zum weit sichtbaren Signet einer anderen Vorstellung von Stadt.

Auch in Großbritannien sind aufblasbare Gebäude zu sehen - hier eine Kirche in Esher
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Es ist ein utopischer Bricolagegeist, der die Projekte von "Raumlabor" prägt, eine neue Auffassung davon, was Architektur sein kann – eben nicht statisch, für die Ewigkeit errichtet, unflexibel und teuer, sondern demontierbar, mobil und eine Bühne, die so offen wie möglich für alle Arten von Bespielung ist. Für Kreuzberg planten sie ein temporäres Fußballstadion aus Containern, in Ost-Berlin kauften sie ein Grundstück und pflanzten dort statt eines normalen Wohn- und Geschäftshauses einen Wald aus Stangen, in die jede Woche etwas Neues eingehängt werden konnte. Ein Jahr vor dem Küchenmonument entstand in Berlin das temporäre Hotel "Bergkristall" vor dem Palast der Republik, in einer Gegend der Stadt, in der es sonst kaum erschwingliche Hotelzimmer gibt. Und "Raumlabor" erfand Hotelzimmer, wie man sie noch nie sah – keine viereckigen Boxen, sondern futuristische Kristallhöhlen; Gemütlichkeitsgrotten, die sich um das Bett herumfalteten, von oben rieselte Licht wie in eine Gletscherspalte in das vielfach gefaltete Wandlabyrinth. Das experimentelle Hotel bewies, daß ein Raum keineswegs einen ebenen Boden, vier gleiche Wände und eine Decke, und all das im Neunzig-Grad-Winkel zueinander, haben muß, sondern auch eine offene, vielfach verwinkelte Wohnlandschaft sein kann. Dabei geht es den Raumlaboranten auch um politische Grundlagenforschung, um eine Dekonstruktion der Systeme, die das Bauen und die Stadt prägen: Wer entscheidet, wie öffentlicher Raum gestaltet und wie gebaut wird, mit welchen Materialien und in welchen Formen; wer hat Interesse daran, daß der öffentliche Raum so aussieht, wie er aussieht, und wie kann man diese Systeme gegebenenfalls aufweichen, umgehen, Stadt anders denken? Spätestens im Küchenmonument wünscht man den Städten mehr solche Labore.

Das Küchenmonument wird auf der Architekturbiennale in Venedig, die am 10. September beginnt, im deutschen Pavillon gezeigt werden ( www.raumlabor-berlin.de).

Mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung



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