Stadtplanung der Zukunft: 2030 haben wir nichts - und alles

Aus Istanbul berichtet Tobias Becker

Wie bewegen wir uns im Jahr 2030 durch unsere Städte? Einer der höchstdotierten Architekturpreise der Welt gibt spannende Antworten. Der Sieger-Entwurf könnte die Metropolregion Boston-Washington revolutionieren: Autos, Straßen, Flächen - alles wird geteilt.

Audi Urban Future Award: Mobile Stadt 2030 Fotos
Höweler + Yoon Architecture

Das Auto ist out, zumindest in Großstädten: Die deutsche Studie "Jugend und Automobil" zeigte vor zwei Jahren, dass der eigene Pkw für fast ein Drittel der 18- bis 25-Jährigen kein Statussymbol mehr ist; der Anteil junger Menschen an Neuwagenkäufern hat sich binnen eines Jahrzehnts halbiert; viele machen nicht mal mehr einen Führerschein. Ein Grund: In der Jugendtrendstudie "Timescout" gaben 80 Prozent der 20- bis 29-Jährigen an, dass man in der Stadt wegen des öffentlichen Nahverkehrs kein Auto mehr brauche. Eine Generation ohne Golf.

Der Audi-Vorstandsvorsitzende Rupert Stadler aber will davon nichts wissen: "So würde ich die Jugend nicht gleich abstempeln. Sie ist schon technologieaffin. Wir beobachten nicht, dass das Interesse nachlässt. Wenn wir das Auto mit anderen neuen Technologien und Statussymbolen sauber vernetzt bekommen, dann ist das überhaupt kein Thema." Ein Ansatz sei zum Beispiel, W-LAN-Hotspots in die Autos zu integrieren, um unterwegs iPhones und iPads komfortabel nutzen zu können. Zum Beispiel im Stau.

Autos, Wohnungen und DVDs teilen

Deutschlands höchstdotierter Architekturwettbewerb, finanziert just von Audi und kuratiert von der Stylepark AG, spricht eine andere Sprache: Postmaterialismus ist das große Stichwort der Visionen für das Jahr 2030, die von fünf Architektenteams aus fünf Metropolregionen eingereicht wurden - von CRIT aus Mumbai, Höweler + Yoon Architecture aus Boston/Washington, NODE Architecture & Urbanism aus dem chinesischen Pearl River Delta rund um Shenzhen, Superpool aus Istanbul und dem Urban-Think Tank aus São Paulo. Ein Trend des Audi Urban Future Awards: Sharing, nicht nur von Autos, auch von Wohnungen, Gärten und Kulturgütern wie Filmen und Romanen. "Wir fangen an, eine Art von Alphabetismus für unsere Handlungen zu entwickeln. Wir vergegenwärtigen uns unsere externen Effekte", sagt Christian Gärtner, Vorstand der Stylepark AG und Kurator der noch bis zum 26. Oktober laufenden Istanbuler Ausstellung.

Am deutlichsten tritt der Trend im Beitrag des Teams zu Tage, das am vergangenen Donnerstag am Rande der Design Biennale Istanbul die Siegprämie in Höhe von 100.000 Euro einsteckte: Das Urbanitätskonzept "Shareway 2030" von Höweler + Yoon könnte das Pendeln zwischen Wohnung und Arbeitsplatz in der Boswash-Region revolutionieren, auf einem 750 Kilometer langen Städteband von Boston über New York City, Philadelphia und Baltimore bis Washington D.C. 53 Millionen Menschen leben dort. Die Architekten streben nicht weniger an als eine Neu-Erfindung des amerikanischen Traums: Basierte der alte auf Eigentümerschaft, baut der neue auf Mitgliedschaft. "Wir wollen keinen Besitz haben, wir wollen die Wahl haben. Das ist der Kern amerikanischer Kultur", sagt Eric Höweler.

Sein Team zeichnet in der Istanbuler Ausstellung zunächst das Suburbia-Szenario, zu dem der Nachkriegstraum vom Einfamilienhaus mit Vorgarten und Garage für zwei Autos geführt hat: 2010 verbrachten US-Bürger 4,8 Milliarden Stunden im Verkehr, das entspricht vier extra Urlaubstagen pro Person. 1,9 Milliarden Gallonen Treibstoff wurden in Staus verschwendet, das entspricht zwei Monaten Durchfluss in der Trans-Alaska-Pipeline. Einer von 126 US-Bürgern ist pro Jahr in einen Verkehrsunfall verwickelt, der ihn verletzt oder gar tötet. Die Durchschnittsfamilie gibt für Transport mehr aus als für Essen oder Gesundheit.

Ein Ferienhaus auf der Fifth Avenue

Um das Mobilitätsproblem zu lösen, setzen Höweler + Yoon auf eine Kultur des Teilens, die weitaus mehr umfasst als konventionelles Car-Sharing: "Bedeutete erfolgreich zu sein einst, mehrere Autos oder Immobilien zu besitzen, so bemisst sich Erfolg heute eher daran, zu welchen Dingen jemand Zugang hat. Dieser Trend wird größer werden, das ist eine Generationsfrage."

Höweler + Yoon wollen den Trend beschleunigen - und den Nebeneffekt ausnutzen: Weniger Wege werden mit dem Auto zurückgelegt, Mobilität wird nachhaltiger. So kritisiert Eric Höweler, dass die öffentlichen Ausgaben für Straße und Schiene in den USA in den vergangenen Jahren stark gesunken seien: "Das Infrastruktur-Netz aus der Eisenhower-Ära steht gefährlich nahe am Kollaps." Er fordert, noch einmal kräftig zu investieren - und gleichzeitig den "unhaltbaren Flächenverbrauch" des alten Systems zu reduzieren: Die bestehenden Verkehrswege sollen nicht einfach erneuert werden, sondern gebündelt, um den Wechsel zwischen Flugzeug, Bahn und Auto zu erleichtern. Das sogenannte Bundle, eine Mobilitäts-Hauptschlagader, zieht sich im Entwurf von Boston bis Washington und verbindet Städte wie Vororte. Ähnlich der Wuppertaler Schwebebahn wird die S-Bahn auf Stelzen über den Highway verlegt, ähnlich dem Leihräder-System der Deutschen Bahn werden kleine Elektro-Leihautos an die Bahnhöfe gestellt, für "die letzte Meile" auf dem Weg nach Hause. "Wir lernen aus existierenden Systemen", sagt Höweler. Urbane Brachen und frei werdende Flächen sollen dem Farmsharing dienen: dem Anbau von Obst und Gemüse für die Nahversorgung.

Mal Radweg, mal Autobahn

In Newark soll eine neue "Hauptstadt der Mobilität" entstehen: ein Super-Flughafen kombiniert mit einem Hafen und einem Bahnhof. "Der regionale Verkehr wird aus der Luft genommen und auf die Schiene gebracht", sagt Höweler. Auch viele Straßen werden entlastet, was Höweler + Yoon dazu verführt, über eine Neuerfindung der Straße nachzudenken. Statt Asphalt schlagen sie ein sogenanntes Tripanel vor, das die Oberfläche der Tageszeit und der gewünschten Nutzung anpassen kann. Mal ist die Straße eine Autobahn, mal ein Radweg, mal eine Joggingstrecke, mal ein Energiepark mit Sonnenkollektoren. Verschiedene Öffentlichkeiten koexistieren auf der gleichen Oberfläche.

In Megacitys wie Istanbul, Mumbai und São Paulo werden 2030 voraussichtlich 70 Prozent der Weltbevölkerung leben. Umso wichtiger, dass der Siegerentwurf aus Boston/ Washington nun nicht in der Schublade verschwindet: Audi-Chef Stadler kündigte in Istanbul an, die Vision in den kommenden Monaten gemeinsam mit den Architekten zu einem sogenannten City-Dossier weiterzuentwickeln: einer konkreten Anleitung, an der sich Bürgermeister und Planungsamtsleiter orientieren sollen. Mal schauen, was der Autobauer selbst daraus lernt.


Audi Urban Future Award: Ausstellung bis einschließlich 26. Oktober 2012 in der Hasköy Iplik Fabrikasi, Kirmizi Minare Sok 5, Hasköy, Istanbul. Geöffnet täglich von 10 bis 20 Uhr, Eintritt frei. Der Wettbewerb ist auch auf einer eigenen Web-Präsenz dokumentiert.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 31 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
esteban_escobar 22.10.2012
Ganz ähnlich wie auf den hier vorgestelten Bildernstellten sich Graphiker, Designer und Architekten in den 1960er Jahren die Stadt des Jahres 2000 vor...
2. nunja
mrotz 22.10.2012
Zitat von sysopWie bewegen wir uns im Jahr 2030 durch unsere Städte? Einer der höchstdotierten Architekturpreise der Welt gib
Wenn es um zukünftige Entwicklungen geht, die nur durch technische Neuerungen beeinflusst werden können, sollte man beim Ausmalen möglicher Szenarien sicherlich keine Architekten fragen. mfg
3.
pubsfried 22.10.2012
Zitat von mrotzWenn es um zukünftige Entwicklungen geht, die nur durch technische Neuerungen beeinflusst werden können, sollte man beim Ausmalen möglicher Szenarien sicherlich keine Architekten fragen. mfg
LOL - so isses. Die Arch. kommen noch nicht mal mit Hier und Heute klar - das weiß jeder, der schon mal mit Arch. gebaut hat !
4. Was ist Was - Auto
pubsfried 22.10.2012
Zitat von esteban_escobarGanz ähnlich wie auf den hier vorgestelten Bildernstellten sich Graphiker, Designer und Architekten in den 1960er Jahren die Stadt des Jahres 2000 vor...
Kann mich noch an meine Was ist Was - Sachbuch- Kindheit erinnern (70er), da gabs auch autonome Fahrzuge im Jahr 2000.
5. optional
_muskote 22.10.2012
„W-LAN-Hotspots in die Autos (…) integrieren“ Oh, ja, WAHNSINN. Ich kann’s kaum erwarten. ;)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Architektur
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 31 Kommentare
  • Zur Startseite