Architekturbiennale in Venedig Und wo geht's hier zum Bau?

Die träumen ja nur, die bauen ja gar nicht: Die am Sonntag eröffnete 12. Architekturbiennale von Venedig kommt nicht als große Bauschau daher, sondern setzt auf eher künstlerische Ansätze. Der deutsche Beitrag schließt sich dem an - und setzt auf ein urdeutsches Thema.

DPA

Venedig/Hamburg - Architektur hat, so lautet ja die landläufige Meinung, ganz wesentlich etwas mit Bauen und Bauten zu tun, mit Konstruktion, mit der Verarbeitung von Beton, Glas oder Holz. Wer dieses Architekturverständnis teilt, dürfte von der 12. Biennale von Venedig ziemlich enttäuscht sein. Denn die vermeintlich große Bauschau, seit diesem Sonntag offiziell für Besucher eröffnet, ist eben das nicht: Hier wird nicht mit spektakulären Entwürfen geklotzt und geprotzt, sondern es dominieren künstlerische Annäherungen.

Bis zum 21. November können sich Besucher in der Lagunenstadt mit der Schau und ihrem Motto "People meet in Architecture" (Menschen treffen sich in Architektur) auseinandersetzen. Und es ist bezeichnend - wenn auch überraschend -, dass der Goldene Löwe für den besten nationalen Beitrag in diesem Jahr an das Königreich Bahrain ging.

Der Kleinstaat aus dem Persischen Golf, der von der Fläche etwas kleiner als Berlin ist und nur knapp mehr als eine Millionen Einwohner zählt, gehört zu den jüngeren Teilnehmern unter den diesmal 56 Nationen, die die Länderpavillons in den "Giardini" bespielen. Unter dem Titel "Wiedergewinnung" zeigt Bahrain ein paar Strandhütten, die den schnellen gesellschaftlichen Wandel in der arabischen Welt dokumentieren sollen. Solche Holzhütten wurden ehemals von Fischern genutzt, zum Beispiel um dort gemeinsam Tee zu trinken. Sie symbolisieren die jahrhundertealte, enge Verbindung des Landes und seiner Bevölkerung zum Meer, die durch die rasante wirtschaftliche Modernisierung verloren gegangen ist.

Deutsche Sehnsucht

"Bahrain ist es gelungen, Formen flüchtiger Architektur zu präsentieren, die in der Lage sind, die Bedeutung des Meeres als öffentlicher Raum zu unterstreichen: Eine einmalige und einmalig schlichte Antwort auf das Thema der Schau", begründete die Jury ihre Entscheidung und bewegte sich damit klar in dem von der Kuratorin der Gesamtschau gesteckten Rahmen. Denn die japanische Direktorin Kazuyo Sejima hatte als Motto ausgegeben: "Die Ausrichtung der Schau steht im Dienst, andere Lebensarten zu finden." Es gehe ihr um Architektur als Träger von Wünschen, Träumen und vor allem neuen Werten.

Sejima, 54 Jahre alt, ist die erste Frau an der Spitze der Biennale. Spätestens seit sie dieses Jahr den begehrten Pritzker-Preis erhalten hat, eine Art Nobelpreis für Architekten, könnte man sie zur Riege der Stararchitekten zählen, wenn sie sich dem Glamour nicht so konsequent verweigern würde - wie es übrigens ihre Bauten ebenfalls tun, wie etwa das "New Museum of Contemporary Art" in New York.

Den Goldenen Löwen für den besten Einzelbeitrag erhielt der Japaner Junya Ishigami. Der junge Architekt siegte mit einer zarten Konstruktion eines fast unsichtbaren Wohnhauses aus durchsichtigen Plastikstäben - "Architektur als Luft". Er schlug damit 42 Konkurrenten aus aller Welt, deren Entwürfe allesamt in den 300 Meter langen Werfthallen des "Arsenale" zu sehen sind.

Auch Ehrenlöwen gab es dieses Jahr, und zwar gleich zwei: Den Ehrenlöwen für sein Lebenswerk erhielt der niederländische Stararchitekt Rem Koolhaas als einer der wichtigsten Vertreter zeitgenössischer Architektur. Ein posthumer Goldener Löwe wurde dem 2006 gestorbenen Japaner Kazuo Shinohara verliehen.

Im deutschen Pavillon am Canal Grande trat in diesem Jahr das Büro "Walverwandschaften" an mit einem Beitrag zu einem sehr, sehr deutsch klingenden Thema: Sehnsucht. Mehr als 150 Studenten, Künstler und Architekten wirkten mit, die Beiträge stießen auf ein eher geteiltes Echo, von Schulaufgaben-Niveau war teilweise die Rede. Die Kuratoren erläuterten zum selbst gewählten Motiv, Sehnsucht sei die vielleicht größte Triebkraft für Kreativität: "Kreative Arbeit beginnt mit Sehnsucht und wird bis zum Schluss von ihr begleitet". Andererseits dürfte auch gelten: Gut gesehnt ist nicht unbedingt gut gemacht.

tdo/dpa



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tomac007 29.08.2010
1. Erichs Lampenladen
ich habe mich schon gewundert, wo die vielen schönen Lampen aus dem Palast der Republik in Berlin hin sind, nach dem man diesen vorschnell abreisen mußte um jetzt, nach hochtrabenden Stadtschlossplänen eine Grünfläche mit Aussichtsplattform zu zaubern. Das bringt nun also unser Architektennachwuchs zu stande: eine Kopie der Eingangshalle des Palastes der Republik in altbewährter (im zeitlichen Kontext durchaus sehenswerter) Ost-Ästhetik. Also: entweder sind die Studiengebühren zu hoch, das der Nachwuchs vor lauter Nebenjobs nichts Kreatives mehr gebacken bekommt, oder zu niedrig, das praktisch das Mittelmaß regiert oder habe ich die Ironie dieser Instalation nicht verstanden ?
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