Architekturfotograf Julius Shulman Vision mit Damen

Die berühmteste Architekturaufnahme der Welt stammt von ihm - sie zeigt nicht einfach ein Haus, sondern die Idee, die Julius Shulman davon hatte. Der US-Fotograf inszenierte die Bauten der Moderne wie kein anderer. In Mannheim ist jetzt die bislang größte europäische Schau seiner Werke zu sehen.

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Hingegossen sitzen sie da. Entspannt plauschend. In weich gebauschten Kleidern, wie hingetupft ins modernistisch elegante Interieur. Und durch die wandhohen Scheiben des über dem Abhang schwebenden Glas- und Stahlgebäudes sieht man die glimmenden Lichter von Los Angeles.

Architekturkennern fällt zu diesem Foto meist noch vor dem Namen des Architekten der des Fotografen ein: Julius Shulman. Seine Aufnahme "CSH 22 (Stahl House)" ist vermutlich das berühmteste und meistgedruckte Architekturfoto überhaupt. Und in gewisser Weise zeigt dieses Bild gar nicht das Haus, das die Familie Stahl 1959/1960 von den Architekten Pierre Koenig hatte erbauen lassen. Es zeigt vielmehr die Vision, die Shulman von ihm hatte.

Deutlich wird das jetzt in einer Ausstellung der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen. Die bisher größte Shulman-Schau in Europa präsentiert die Bilder des 1910 geborenen und 2009 gestorbenen Fotografen erstmals nicht als Illustration architektonischer Konzepte, sondern als eigenständiges Werk. Sie fokussiert nicht was, sondern wie er fotografierte - und wie er erreichte, was er selbst "Idealisierung, Glorifizierung und Dramatisierung" nannte.

Das "CSH 22" war eines der Gebäude des legendären "Case Study House"-Architekturprogramms der vierziger bis sechziger Jahre. Für seine Vorstellung vom Leben in ihm stattete Shulman den Wohnraum komplett mit eigens von ihm besorgtem Mobiliar aus. Auch die beiden Ladys waren nicht die Bewohner, sondern junge Damen, die er als "Staffagefiguren" mitgebracht hatte. Der Aufnahmewinkel und die tintig dunkle Nacht im Hintergrund erweckten den Eindruck, das Haus rage geradezu schwindelerregend über den Abhang - auch, wenn das in der Realität gar nicht so ist.

Gespinst aus Licht, Raum und Lifestyle

Der Sohn russischer Einwanderer hatte sich das Fotografieren selbst beigebracht und seinen Stil der Architekturfotografie ab 1936 vor allem in Zusammenarbeit mit Richard Neutra entwickelt, einem der führenden Architekten der amerikanischen Westküstenarchitektur. Schon bald begann er, auch für die anderen avantgardistischen Architekten Kaliforniens auf seine ganz eigene Weise zu fotografieren.

Selbst wenn keine Menschen in seinen Bildern zu sehen sind, wirkt die Architektur belebt. Mit einer Zeitung, Gläsern, einem Hut oder einem Handtuch am Pool erzeugt er eine Stimmung, als seien die Bewohner nur kurz entschwunden, um sich den nächsten Drink zu mixen.

Spektakulär ist seine Lichtdramaturgie, wenn er etwa helle Spiegelungen in Scheiben und auf Wasserflächen korrespondieren lässt mit dem Glanz eines noch hellen Abendhimmels. Bei Schwarzweißaufnahmen suggeriert er auch in feinsten Graunuancen noch Farbigkeit. Sogar parkende Autos wirken so reizvoll.

Die Sonne Kaliforniens nutzt Shulman kalkuliert als Scheinwerfer, indem er, wie er in seinem Buch "Architektur und Fotografie" schrieb, "im Voraus den Verlauf der Schlagschatten" abschätzte. So verstrickt er die Vertikalen von Stützen und Fenstergliederungen filigran mit den Bäumen der Umgebung, mit den Konturen der Landschaft oder auch mal mit den Kondensstreifen am Himmel.

Seine inszenatorischen Kniffe setzt er ein wie ein Maler: Ist eine Zimmerecke zu dunkel, tupft er dort eine Frau im hellen Kleid hin. Oder er lässt eine attraktive Sekretärin die vermögende Kundin mimen und effektvoll die Architektur eines Autohauses durchschreiten.

Dabei gerät ihm die Szenerie auch mal allzu gestellt: Etwa wenn er für eine Nachtaufnahme auf einer Matte eine Frau postiert, die am dunklen Pool eher komisch wirkt. Und fast surreal erscheint der Mann, der lässig dasitzen soll, aber ungelenk rechts ein Glas und links eine Rosenschere hält.

In gewisser Weise hat Shulman gar nicht Architektur fotografiert, sondern ein fast greifbares Gespinst aus Licht, Raum, Atmosphäre und Lifestyle. Er lud die als unterkühlt empfundene gebaute Avantgarde mit Emotionen auf, schuf illusionistische Räume, in denen immerwährende Freizeit zu herrschen schien, pflichten- und tätigkeitsloses lounging - so hoch über den Dingen des Alltags wie über den Niederungen von L.A.

So wirkte Shulman als sanfter Propagandist der modernistischen Westküstenarchitektur. In den sechziger Jahren haben seine Aufnahmen auch in den europäischen Wohnjournalen die Sehnsucht nach dem American Way of Life und dem Bungalow-Eigenheim angefacht. In den späten siebziger Jahren hörte er weitgehend auf zu arbeiten.

Er war schon ein sehr alter Herr mit dicker Brille, Hosenträgern und Stock, als er 1999 mit Hilfe des wesentlich jüngeren Fotografen Jürgen Nogai noch einmal loslegte. Die Farbaufnahmen seiner letzten Lebensjahre, ebenfalls in Mannheim gezeigt, sind technisch brillant, zeigen mit großer Tiefenschärfe sorgfältig illuminierte Architektur. Die geheimnisvolle Stimmung, die magische Balance seiner früheren Arbeiten, die sich gerade da wahrnehmen lässt, wo die Inszenierung im nächsten Moment ins allzu Artifizielle hätte umschlagen können, aber fehlt ihnen.


"Julius Shulman: Cool and Hot", Mannheim, Reiss-Engelhorn-Museen. 17.10.2010-27.2.2011

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