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13. Dezember 2011, 08:44 Uhr

Architekturführer fürs Ruhrgebiet

Supermarkt in Gold

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Der "Pott" ist mehr als ein gigantisches Freilichtmuseum für Fördertürme. Das beweist das gerade erschienene Buch "Ruhrgebiet Architektur", das auch spannende moderne Städtebauprojekte zeigt.

Fördertürme, Gasometer, Hochöfen, Zechen, Kumpel in Werks- oder Genossenschaftssiedlungen mit Gärten und Taubenschlägen, Städte mit Architektur der 150-jährigen industriellen Vergangenheit. Und natürlich Fußballstadien. Das ist das Ruhrgebiet. Könnte man denken.

Mit Beginn der Kohlekrise wurden nach und nach fast alle Zechen geschlossen. Wie hat das den "Pott" verändert, wie sehen die Städte heute wirklich aus, wie die Siedlungen? Wie hat sich zum Beispiel Essen verändert, immerhin die ehemals größte Bergbaustadt Europas?

Dienstleistung, Tourismus und Kultur sind die neuen Wirtschaftsfaktoren des Ruhrgebiets, das sich jetzt "Metropole Ruhr" nennt und 2010 "Kulturhauptstadt Ruhr" war. Der Umbau der Zeche Zollverein und die Internationale Bauausstellung Emscher-Park sind auch außerhalb des Ruhrgebiets bekannt, aber was ist im größten Industriegebiet Deutschlands aus den vielen anderen Zechen und Halden, den Kokereien, Hochöfen, Fördertürmen und Walzstraßen, den Industriehallen und Siedlungen geworden?

352 Projekte in 41 Städten

Nachschlagen kann man das im gerade erschienenen Buch "Ruhrgebiet Architektur", einem "Architekturführer Gegenwart und Zukunft". Die Architektin Bettina Meyer und der Designer Roman Skarabis haben es zusammen herausgegeben, ihr Büro Zeichen + Raum hat es verlegt. Vor drei Jahren begannen Meyer und Skarabis mit ihrer Architektur-Recherche im Ruhrgebiet und hatten nach einem Jahr 600 typische Projekte für die bauliche Erneuerung aus den Bereichen Hoch- und Städtebau zusammengetragen; daraus wählten sie 352 Projekte in 41 Städten aus.

Für jedes Projekt gibt es eine Seite mit einem immer gleich großen Foto, dazu kommen zwei bis drei kleine Abbildungen. Die kurzen Projektbeschreibungen lieferten die Architekten oder Bauherren, was leider die Texte uneinheitlich macht. Manche formulierten in fast unverständlicher Fach- und Insidersprache.

Die Städte sind alphabetisch geordnet, weshalb der Architekturführer mit zwei Projekten in Bergkamen beginnt. "Neue Mitte Bergkamen" heißt das erste, das zweite Projekt zeigt den 2005 erfolgten Umbau des Innenraums der Evangelischen Christuskirche von 1961. Dann folgt Bochum mit 47 Projekten, Städte wie Castrop-Rauxel oder Dorsten haben ein oder zwei Architekturen, Dortmund verzeichnet 66 Gebäude, Duisburg 32 und Essen 65. Jede neue Stadt ist durch eine rote Seite im Buch leicht zu finden, auf einer taubenblauen rechten Seite zeigt eine kleine Skizze die Lage der jeweils folgenden Stadt. Fünf großen Orten ist eine ausklappbare Stadtgebietskarte mit eingezeichneten Projekten angehängt, die klug so angeordnet sind, dass die Projekte im geografischen Zusammenhang stehen.

Supermarkt mit metallisch-goldener Schindelfassade

Nicht alle aufgenommenen Häuser sind beeindruckende Entwürfe. Neue Büro- und Verwaltungshäuser sind langweilige Investoren-Architektur, einige Projekte sind noch in der Entwicklungsphase, wie zum Beispiel der große Dortmunder Zukunftstandort Phoenix West, der 2020 fertig sein soll. Die Modellabbildungen sagen allerdings nicht viel aus.

Interessanter ist die Umnutzung alter industrieller Baukultur wie das weithin sichtbare U-Zentrum für Kreativität in einem ehemaligen Dortmunder Brauereigebäude. Oder die denkmalgeschützte Jahrhunderthalle und Gaskraftzentrale in Bochum, die jetzt das Festspielhaus mit moderner Veranstaltungstechnik beherbergt. In einem der wenigen erhaltenen Zechengebäude, dem 60 Meter hohen Hammerkopfturm in Dortmund, entstand ein Büro über drei Etagen, eingesetzt wie ein Haus im Haus. Umgebaut wurden auch Gebläsehallen in Duisburg, viele Gebäude der Zeche Zollverein in Essen oder ein Pumpwerk in Gelsenkirchen.

Dass Supermärkte nicht langweilig sein müssen, zeigen in Dortmund-Huckarde zwei runde Bauten von Degener Architekten Dortmund, die durch eine metallisch-goldene Schindelfassade oder durch einen pinkfarbenen Anstrich auffallen. Und auch private Wohnhäuser und "Gemeinschaftlich Wohnen"-Projekte sind im Buch zu finden, genau wie interessante Verkehrsprojekte, meistens mit Stadtbahn-Haltestellen, die durch besondere Tragkonstruktion und gläserne Hüllen auffallen. Und natürlich sind unter den Projekten auch Gebäude von Architektenstars wie Herzog & de Meuron, David Chipperfield, Foster + Partners, O.M.A. oder Sanaa zu finden, ohne dass viel Aufhebens darum gemacht wird.


Bettina Meyer, Roman Skarabis (Hg.): "Ruhrgebiet Architektur, Architekturführer Gegenwart und Zukunft". Verlag Zeichen + Raum; 534 Seiten, 1600 Pläne, Fotos und Karten; 38 Euro.

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