ARD-Doku über Kennedy-Mord Steile These, schwache Belege

Morgen Abend sendet die ARD einen Film, dessen Macher behaupten, den Mord am US-Präsidenten John F. Kennedy endgültig aufgeklärt zu haben. Doch hält der Film, was seine Autoren versprechen? Eine kritische Analyse.


Am Morgen des 27. September 1963 steigt der Amerikaner Lee Harvey Oswald in Mexico City aus einem Bus, der ihn von der Grenze in die mexikanische Hauptstadt gebracht hat. Gut vier Tage hält sich der schmächtige Südstaatler in der Metropole auf, und glaubt man dem Bremer Filmemacher Wilfried Huismann ("Rendezvous mit dem Tod", ARD, 6. Januar 21.45 Uhr), liegt hier der Schlüssel zum wohl größten politischen Krimi des 20. Jahrhunderts: der Ermordung von US-Präsident John F. Kennedy durch Oswald in Dallas am 22. November 1963.

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JFK-Ermordung: Schüsse, die die Welt veränderten

Die Rechercheergebnisse haben nicht nur Huismann, sondern auch die ARD-Fernsehverantwortlichen in Entzücken versetzt: "Die bisherige Kennedy-Forschung wird durch die neuen Recherchen revolutioniert", behauptet der WDR auf seiner Website zum Film: "Lee Harvey Oswald war das finale Werkzeug in einem mörderischen Kampf zwischen den Brüdern Kennedy und Fidel Castro." Und der Autor selbst bilanziert: "Für mich ist jetzt das Wesentliche geklärt."

Doch hält der Film wirklich, was seine Macher versprechen: Die Auflösung des spektakulärsten Politikermordes der vergangenen Jahrzehnte? Sollte es wirklich gelungen sein, das Ermittlungspuzzle zusammenzusetzen, an dem sich Legionen von Forschern, Fahndern, Historikern und Journalisten seit Kennedys Tod vergeblich abgearbeitet haben?

Huismann zufolge erhält der damals 24-jährige Oswald, ein glühender Anhänger des Revolutionsführers Fidel Castro, in der kubanischen Botschaft in Mexico City den Auftrag, Kennedy zu töten. Das Motiv Castros: Kennedy trachtete seinerseits dem Máximo Líder nach dem Leben, weil er fürchtete, der Revolutionär würde der Sowjetunion den Weg in die Karibik ebnen. Huismanns Deutung zufolge hat Castro sozusagen aus Gründen der Selbstverteidigung gehandelt.

Neu ist die These nicht. Von Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson bis zu dem ehemaligen Nato-Oberbefehlshaber Alexander Haig reicht die Gruppe derjenigen, die schon immer an Castros Verstrickung in den Mord glaubten.

Huismann behauptet nun, die bislang fehlenden Belege beisteuern zu können.Und in der Tat wirken die von ihm gesammeltem Indizien auf den ersten Blick überwältigend: Mitschnitte von abgehörten Telefonaten der kubanischen Botschaft in Mexico City, Unterlagen des sowjetischen Geheimdienstes KGB, Aussagen zahlreicher kubanischer Geheimdienstoffiziere. Doch bei genauerem Hinsehen erweisen sich die Glieder der Beweiskette als wenig belastbar.

Keiner der Zeugen Huismanns war an der angeblichen Operation persönlich beteiligt. Unklar bleibt, auf welche Weise die Kubaner dem Attentäter Oswald geholfen haben sollen. Viele Zeugen sind - obwohl Huismann einen gegenteiligen Eindruck erweckt - der Kennedy-Forschung bekannt und ihre Aussagen von verschiedenen Untersuchungskommission und Historikern verworfen worden. Und was Huismann an Neuem zusammengetragen hat, wirft zu viele Fragen auf, als dass sich damit die Geschichte umschreiben ließe.

So beruht denn auf Hörensagen, dass der junge Oswald bereits 1962 vom kubanischen Geheimdienst kontaktiert worden sei. Huismann beruft sich auf Autulio Ramirez Ortiz. Der Exil-Kubaner hat schon vor Jahren ausgesagt, einst für den kubanischen Geheimdienst gearbeitet zu haben. Dort sei ihm eine Akte mit dem Titel "Osvaldo-Kennedy" in die Hände gefallen; eine Empfehlung des KGB an die kubanischen Genossen, sich Oswalds anzunehmen, habe sich darin befunden.

Nun war Oswald für die Sowjets kein Unbekannter. Er war 1959 aus Enthusiamus für den Kommunismus in die Sowjetunion übergesiedelt, hatte das Land aber nach 31 Monaten enttäuscht wieder verlassen. CIA und FBI hielten dennoch die Aussagen von Ramirez für unglaubwürdig. Huismann hingegen lässt inkognito einen Mann auftreten, von dem es heißt, er sei Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes FSB, und der aus einem angeblichen KGB-Telegramm vom 18. Juli 1962 vorliest, dass Ramirez' Version bestätigt. Das kann man glauben oder auch nicht.

Huismann kann mehrere Zeugen dieser Qualität vorweisen: ein ehemaliger Archivar des kubanischen Geheimdienstes, der eine Akte gesehen (aber nicht gelesen) hat, ein FBI-Ermittler, der nur spekulieren kann, ein kubanischer Ex-Diplomat, der nicht verrät, woher er sein Wissen hat. Wenn der kubanische Geheimdienst damals nur annähernd so professionell arbeitete wie andere Dienste im Ostblock - etwa die Stasi -, werden von einer Beteiligung an der Ermordung Kennedys nur die unmittelbar Beteiligten gewusst haben, Diplomaten jedenfalls nicht.

Zu Huismanns Fundstücken zählt auch ein Vermerk eines Mitarbeiter Johnsons - Martin Underwood - an den Präsidenten. Underwood hat die handschriftliche Notiz vor seinem Tod Huismanns Co-Autor Gus Russo übergeben. In dem Film wird weder angegeben, wann das Papier erstellt wurde, noch woher Underwood sein Wissen hat und warum er das Dokument so lange zurückgehalten hat. Denn in dem Papier wird behauptet, dass Fabian Escalante, ein Mitarbeiter Castros und in den siebziger Jahren hochrangiger Geheimdienstoffizier, am Tag der Ermordung Kennedys in Dallas gewesen und abends ausgeflogen sei, was Escalante - von Huismann befragt - in dem Film abstreitet, wohl zu Recht. Underwood hat in der Kennedy-Forschung einen schlechten Ruf. Mehrere seiner Angaben haben sich in der Vergangenheit als falsch erwiesen.

Für Huismanns Integrität spricht, dass er auch jene Teile der Interviews sendet, in denen ihm widersprochen wird, etwa durch Rolando Cubela, einem Chirurgen und vehementen Castro-Gegner. Cubela zählt zu jenen Exil-Kubanern, die 1963 im Auftrag der CIA Castro vergiften sollten. Huismann zufolge soll Oswald ausgerechnet durch Cubela kontaktiert worden sein - der Deutsche hält ihn für einen Doppelagenten, was der alte Mann vor laufender Kamera heftig bestreitet.

Sollte es sich so zugetragen haben, wie der Filmemacher behauptet, stellt sich die Frage, wie das Durcheinander zu erklären ist, dass Oswalds Erscheinen in der kubanischen Botschaft am Morgen seiner Ankunft in Mexico City auslöste. Seit langem bekannt sind folgende Vorgänge: Der schmächtige Amerikaner war noch am Vormittag in die Vertretung marschiert, hatte erklärt, er sei ein "Freund der kubanischen Revolution" und ein Visum für die Insel verlangt. Als er nicht bekam, was er begehrte, wurde er laut.

Eine Sekretärin gab ihm den Tipp, sich an die sowjetische Botschaft zu wenden und zunächst von dort eine Erlaubnis zum (erneuten) Besuch der UdSSR zu besorgen. Das würde ihm auch bei den Kubanern helfen. Oswald folgte dem Rat, wurde jedoch von den sowjetischen Genossen erst vertröstet. Am folgenden Tage lehnten sie es ganz ab, ihm ein Visum zu erteilen. Das zumindest haben bisher zahlreiche Mitarbeiter beider Botschaften behauptet (im Film wird das nicht erwähnt). Wäre Oswald kubanischer Agent gewesen, wäre man wohl anders mit ihm umgegangen.

Eine der Mitarbeiterinnen ist Silvia Duran, eine mexikanische Marxistin, die damals in der kubanischen Vertretung arbeitete und später in den USA über Oswald aussagte. Für Huismann ist sie "Kronzeugin" einer bedeutenden Geschichtsfälschung. Von ihr stammt nämlich die Information, dass Oswald keinen weiteren Kontakt zu Angehörigen der kubanischen Botschaft gehabt habe, nachdem er abgewiesen worden war. Doch dass das nicht stimmt, ist nicht erst seit Huismanns Recherchen bekannt, sondern lässt sich schon in dem Standardwerk "Case Closed" von Gerald Posner (erschienen 1993) nachlesen. Für Huismann ist dieses Detail wichtig, weil er glaubt, Oswald sei in jenen Tagen in Mexico City von einem kubanischen Agenten (dunkle Hautfarbe, rötliche Haare) mit dem Mord beauftragt worden. Der anonym auftretende damalige Sicherheitschef der kubanischen Botschaft ("Antonio") hat ihm erzählt, dass er beide zusammen gesehen haben will. Huismann konfrontiert einen weiteren ehemaligen kubanischen Geheimdienstmitarbeiter, Oscar Marino, mit dieser Version, und der vermag den Agenten sofort zu identifizieren: "So wie Sie ihn beschreiben, gibt es keinen Zweifel."

Marino ist auch sicher, dass Oswald auf diesem Wege Geld erhalten hat, denn "Oswald war unser Werkzeug". Es bleibt unklar, woher Marino sein Wissen hat, beteiligt war er an der angeblichen Operation nicht. Und so bleibt auch er die Antwort auf die Frage schuldig, wie die Zusammenarbeit zwischen Oswald und den Kubanern weiterging - wenn es sie denn je gegeben hat.



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