ARD-Doku zum Fall Metzler Der Fall mit dem F-Wort

Darf ein Staat foltern, um ein Menschenleben zu retten? Diese Frage stellt eine Doku zur Entführung des Bankierssohns Jakob von Metzler. Die ARD bereitet den spektakulären Fall so hervorragend auf, dass Henryk M. Broder ihr alle Sünden verzeiht.


Selbst unter Schwerstkriminellen gelten Kindesentführung und Kindermord als besonders abscheuliche Verbrechen. Kindesentführer und Kindermörder sind das Allerletzte, sie leben im Knast gefährlicher als in der Freiheit.

Der Rechtsstaat freilich ist verpflichtet, jedem Gesetzesbrecher ein faires Verfahren zu garantieren, unabhängig davon, ob er ein Auto geklaut und nach Albanien verschoben oder ein Kind entführt und ermordet hat. Der gewöhnliche Bürger kann das nicht immer nachvollziehen, er hält so viel Fairness für übertrieben.

So war es, als Ende September 2002 der elfjährige Frankfurter Bankierssohn Jakob von Metzler entführt und vier Tage später, am 1. Oktober 2002, tot in einem Teich gefunden wurde – "ein Bündel mit den Konturen eines menschlichen Körpers", wie ein Polizeisprecher bekannt gab.

Es war eines der spektakulärsten Verbrechen in der Geschichte der Bundesrepublik, der Fall wird diesen Montag in der ARD rekonstruiert. Es ist eine jener Dokumentationen, für die man den Öffentlich-Rechtlichen alle ihre Sündenfälle verzeihen möchte, vom Heimatabend der Volksmusik bis zur Bambi-Gala, sorgfältig recherchiert und ohne Zorn und Eifer präsentiert, wie der Obduktionsbericht eines Gerichtsmediziners.

Juristisch ist der Fall geklärt und (beinahe) abgeschlossen, moralisch wirft er noch immer Fragen auf: Darf und kann ein Mörder von der Gesellschaft das Mitleid verlangen, das er seinem Opfer verweigert hat? Darf und kann er alle Mittel ausschöpfen, um sich trotz erwiesener Schuld als der Leidtragende seiner eigenen Tat zu präsentieren?

Der Fall Jakob von Metzler, der eigentlich ein Fall Magnus Gäfgen ist, hat den Rechtsstaat auf eine Bewährungsprobe gestellt. Nicht nur wegen der Emotionen, die er auslöste und denen die Justiz widerstehen musste, sondern weil im Laufe des Verfahrens technische Argumente die Oberhand gewannen, so dass die Tat und das Opfer in den Hintergrund gerieten. Zeitweise sah es sogar so aus, als müsste das Verfahren aus formalen Gründen eingestellt werden.

Dabei war der Fall selbst schnell aufgeklärt. Magnus Gäfgen, damals 27, Jurastudent und kurz vor dem Examen, entführt den elfjährigen Jakob von Metzler und verlangt von seinen Eltern eine Million Euro Lösegeld, um seinen aufwendigen Lebenswandel finanzieren zu können.

Gäfgen selbst kommt aus "einfachen Verhältnissen", ist aber in ein Milieu geraten, wo man Geld haben muss, wenn man mithalten will. Gäfgen hat keines, dafür aber eine 16-jährige Freundin, die er mit teuren Geschenken beeindrucken will. Kaum hat er das Lösegeld in einem Versteck "abgehoben", fährt er mit ihr zum Shoppen, bestellt einen Mercedes SLK und bucht eine Reise auf die Kanaren.

Zu diesem Zeitpunkt ist Jakob von Metzler bereits tot, erwürgt von Magnus Gäfgen, über den sein Verteidiger sagt, er wäre "der ideale Schwiegersohn", einer, "mit dem Sie ihre Tochter gerne auf den Opernball schicken würden".

Die Polizei allerdings, die Gäfgen seit der "Geldübergabe" beobachtet und schließlich festnimmt, geht davon aus, dass der entführte Jakob von Metzler noch lebt. Gäfgen freilich verweigert jede Kooperation und führt die Polizei sogar auf eine falsche Spur, indem er zwei Bekannte aus früheren Tagen der Tat beschuldigt.

So vergeht Zeit, bis der stellvertretende Frankfurter Polizeipräsident Wolfgang Daschner, der die Ermittlungen leitet, weil sein Chef gerade Urlaub macht, "unmittelbaren Zwang" und eine "außergewöhnliche Vernehmung" anordnet – in der Hoffnung, Jakob von Metzler damit das Leben zu retten. Er habe es sich nicht vorstellen können, sagt er später, "den Mord an einem Kind unter staatlicher Aufsicht zuzulassen".

Daschner ist so korrekt, über seine Anweisung einen "Vermerk" zu schreiben, der zu den Akten kommt. Als der bekannt wird, droht das Verfahren zu platzen, denn die Drohung mit "Folter" – so bezeichnen es Gäfgen und sein Anwalt – ist rechtswidrig.

Tatsächlich verzichtet das Gericht auf alle Beweismittel, die vor dem Verfahren erhoben wurden. Gäfgens Geständnis, das er im Gerichtssaal ablegt, wird zum entscheidenden Beweis. Der Vorsitzende Richter, auch Jahre nach dem Prozess sichtlich um Zurückhaltung bemüht, erinnert sich an einen zwar nicht reuigen, dafür aber wehleidigen Angeklagten: "Er tat sich selber schrecklich leid, in welche Situation er sich gebracht hat."

Gäfgen, sagt sein Anwalt, wäre nie in der Lage gewesen, eine Bank zu überfallen. Auf eine entsprechende Frage habe er geantwortet: "Das kann ich nicht, ich bin gegen Gewalt."

Im Juli 2003 wird Gäfgen zu lebenslanger Haft verurteilt, anderthalb Jahre später wird der stellvertretende Frankfurter Polizeipräsident vor Gericht gestellt, weil er Gäfgen gedroht haben soll. Das Urteil fällt milde aus: Eine Verwarnung und eine Geldstrafe auf Bewährung. Das Gericht erkennt an, aus welchen Motiven Daschner gehandelt hat. Hätte sich auch dann jemand darüber aufgeregt, was der Entführer bei seiner Vernehmung erleiden musste, wäre Jakob von Metzler am Leben geblieben?

Gäfgen verhält sich dagegen auch nach seiner Verurteilung so, als sei er ebenfalls ein Opfer. Er wendet sich an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, schreibt ein Buch "Allein mit Gott – Der Weg zurück" und will aus dem Gefängnis heraus eine Stiftung für junge Gewaltopfer gründen, wogegen die zuständige Behörde allerdings Einspruch erhebt. Er prozessiert gegen die Bundesrepublik wegen Verletzung seiner Menschenrechte und bekommt für das Verfahren sogar Prozesskostenhilfe.

Jakob von Metzler aber ist tot. Ermordet von einem überdurchschnittlich intelligenten Soziopathen, der bei der Bergung der Leiche, die er in einem Teich versteckt hatte, nicht dabei sein wollte.

Er war so "erschüttert", dass er sich das nicht antun konnte.


"Jakob von Metzler - Tod eines Bankiersohns" aus der Reihe "Die großen Kriminalfälle", ARD, heute Abend, 21 Uhr

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.