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ARD-Intendanten: Mittel gegen Schleichwerbung gesucht

Die Affäre um Schleichwerbung in der Vorabend-Serie "Marienhof" hat ARD-Intendanten und -Funktionäre zum Nachdenken animiert. BR-Fernsehrat Lenze schlägt ein Bündnis gegen unerlaubte Werbung vor, SR-Intendant Raff schließt sogar einen generellen Werbeverzicht der Öffentlich-Rechtlichen nicht aus.

"Marienhof"-Stars mit Softdrinks: "Schleichwerbung ist kein Kavaliersdelikt"
DPA

"Marienhof"-Stars mit Softdrinks: "Schleichwerbung ist kein Kavaliersdelikt"

München - Nach dem jüngsten Skandal um Schleichwerbung in ARD-Sendungen verlangt der Fernsehrat des Bayerischen Rundfunks (BR) Bernd Lenze ein Bündnis gegen unerlaubte Werbung. Lenze rief heute die öffentlich-rechtlichen und privaten TV-Sender sowie Fernsehproduzenten auf, gemeinsam gegen illegale Werbeformen vorzugehen.

Inzwischen wird auch innerhalb der ARD über ein Werbeverbot bei den Öffentlich-Rechtlichen diskutiert. Der Intendant des Saarländischen Rundfunks (SR), Fritz Raff, schließt einen Werbeverzicht nicht grundsätzlich aus. Allerdings müssten die fehlenden Einnahmen dann über die Rundfunkgebühr ausgeglichen werden, sagte er der "Saarbrücker Zeitung". Raff zufolge würde die Gebühr ohne Werbe- und Sponsoringeinnahmen um "einen Euro, eventuell sogar mehr pro Monat" steigen. Derzeit beträgt die Rundfunkgebühr 17,03 Euro. Zudem plädierte Raff für Sonderregelungen für Sport-Rechte, da diese teils durch Werbung und Sponsoring finanziert würden.

ARD-Programmdirektor Günter Struve hält ein Werbeverbot bei ARD und ZDF, von den privaten Fernsehsender seit langem gefordert, dennoch für unrealistisch. "Ich glaube nicht, dass ein Werbeverzicht bei gleichzeitiger Erhöhung der Rundfunkgebühren auf eine breite Zustimmung bei der Bevölkerung stoßen würde", sagte er.

BR-Intendant Lenze, der auch den Vorsitz der ARD-Gremienkonferenz führt, sagte, die jüngsten Fälle von Schleichwerbung in der ARD und bei den Privaten machten deutlich, dass sich diese illegale Werbeform zunehmend in die TV-Programme einschleiche. Dagegen müssten alle Verantwortlichen Widerstand leisten. Er schlug vor, dass die Landesmedienanstalten mit ARD und ZDF Musterverträge erarbeiten, die für alle Sender einen Verhaltenskodex festschrieben. Darin könnten - wie dies ARD-Vorsitzender Thomas Gruber für sein Haus empfohlen hatte - empfindliche Strafen vereinbart werden. Die Landesmedienanstalten könnten damit auch Verfehlungen kommerzieller Sender besser ahnden.

ARD und ZDF sollten zudem, wie von Verbraucherschützern gestern angemahnt, ein geeignetes Kontrollsystem gegen Schleichwerbung installieren. Rundfunk- und Medienräte müssten dafür kämpfen, den unlauteren Praktiken Einhalt zu gebieten. "Schleichwerbung ist kein Kavaliersdelikt", betonte Lenze.

Unterdessen gerät der Geschäftsführer der für die ARD-Serie "Marienhof" verantwortlichen Bavaria Film, Thilo Kleine, zunehmend unter Druck. Die "Süddeutsche Zeitung" ("SZ") zitierte am Mittwoch aus einem internen Prüfbericht des Südwestrundfunks (SWR) vom 28. Juni 2005, in dem die übergeordnete Verantwortung der Bavaria-Geschäftsführung zugeschoben wird, "die offenbar über viele Jahre in ihrem Unternehmen derartige Aktivitäten zumindest zugelassen hat". Unverständlich bleibe, weshalb die Schleichwerbung nach Hinweisen einer ARD-Redakteurin im Frühjahr 2003 nicht unterbunden worden sei.

Für die zuständige Staatsanwaltschaft München ist der Verstoß gegen das Verbot der Schleichwerbung einem Sprecher zufolge noch kein Grund, aktiv zu werden. Die ARD forderte zunächst Regress von der Bavaria, an der WDR, SWR, BR und MDR beteiligt sind. Laut "SZ" erhielt die Bavaria trotz des Skandals den Auftrag, für zehn Millionen Euro einen täglichen abgeschlossenen TV-Roman mit 100 Folgen für das Erste zu produzieren. Arbeitstitel: "Aschenputtel".

Christina Denz, dpp

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