Von Jan Freitag
Es ist die Zeit des großen Wehklagens. Die Bildung, heißt es, gehe den Bach runter. Ins edukative Wohlgeraten nachwachsender Generationen müsse dringend investiert werden:
Mehr Geld – wenn's sein muss, privates.
Mehr Willen – politischer zumal.
Mehr Einsatz – des Bildungspersonals, versteht sich.
Und mehr Sendeminuten, so scheint es.
Denn seit die Pisa-Studie die verstiegene Fachdebatte über unser Schulsystem zu einer gesamtgesellschaftlichen machte, ist auch das Fernsehen ganz wild darauf, den Wissensstand der Jugend abzurufen - vornehmlich in Quizform.
Seit den Anfangstagen ist das Quiz die Quintessenz des Fernsehens, die Nahtstelle zwischen Entertainment und Leistungsgedanken schlechthin. Und irgendwie war das "Programme for International Student Assessment" mit der barock klingenden Abkürzung Pisa ja auch nur ein riesiges Ratespiel - mit Gewinnern und Verlierern, Ehrgeiz und Versagensangst, Unterhaltungswert und Fortsetzungen. Geradezu staatstragend spielerisch.
Da überrascht es kaum, dass ein Moderator wie Frank Plasberg früher oder später hineinstoßen würde in diese Melange aus Zerstreuung und Ernst. "Die klügsten Kinder im Norden" heißt sein neues Format im kuscheligen Winkel des NDR. Schon als Deutschlands derzeit meistgefeierter Fernsehtalker "Herzlich willkommen zu einer Premiere!" in die Kamera bellt, wird deutlich: Der 50-jährige Rheinländer ist in der neuen Rolle als Quizmaster kein öffentlich-rechtlicher Wissensweichspüler wie Jörg Pilawa und auch kein privatfernsehgeschulter Kumpeltyp wie Günther Jauch oder Cordula Stratmann. In Frank Plasberg verschmelzen Strenge mit Charme und Kompetenz mit Güte.
So einen kann man sich ganz gut als Lehrer vorstellen.
Von Tjado und Gerhard Ihmels zum Beispiel. Die beiden nehmen als erste in zwei Schulpultimitaten mit integriertem Touchscreen Platz. Zehn Fragen aus zehn Fächern müssen sie beantworten – vom Ursprung des Globus über die vierte Strophe eines Volkslieds bis zur Funktionsweise von Geysiren. Der Zwölfjährige zieht dann den Joker, als die Deutschfrage kommt: Heißt es handbemahlt, Hand bemalt oder handbemalt? Der Joker ist die anwesende Lehrerin, und Plasberg zeigt Schlagfertigkeit: Die wisse nach der vierten Rechtschreibreform auch nicht mehr, wo es lange gehe. Später raunzt er Tjados Vater an, den Bürgermeister einer ostfriesischen Gemeinde: Bei erneutem Vorsagen "gibt's ein Amtsenthebungsverfahren"!
So kann gehaltvoll lockere Eloquenz klingen. Auch wenn es natürlich einiges zu monieren gilt.
Dass die drei aufgeweckten Mittelstufenschüler allesamt zu deutsch sind und bildungsbürgerlich aufs Wärmste behütet. Dass die Religionsfragen arg christlich geraten und am Ende ein schnöder Geldgewinn von 10.000 Euro steht statt, sagen wir mal: eine Bildungsreise den Limes entlang. Oder dass ein Jugend-forscht-Gewinner namens Zacharias die Antworten mit schief sitzender Fliege und Streberbrille im Praxistest belegt.
"Ist das jetzt schon Schleichwerbung?"
Alles irgendwie zu glatt, zu artig, zu optimistisch. Aber besser als das konfrontative Bloßstellen gegenseitiger Bildungslücken im Blitzlichtgewitter bei "Sechs! Setzen" (RTL) oder "Das weiß doch jedes Kind" (Sat.1).
Dramaturgisch orientiert sich der NDR mittig von Jauchs "Wer wird Millionär" und Pilawas Quizshow. Dass die Bildsprache gelegentlich an "Dingsda" erinnert und das Studio an Fuchsbergers Zeiten, muss man im Lichte des Stammpublikums Dritter Programme sehen. Eine Requisite aus überdimensionalen Buntstiften und altbackenen Kathedern wendet sich fraglos an Kinder samt ihrer Großeltern. Knapp vorbei an den Rändern der werberelevanten Zielgruppe. Wie üblich.
Aber womit sollte die auch beworben werden? Dem Moderator ist es schon unangenehm, als ein Kandidat auf die obligatorische Frage nach der Gewinnverwendung "ein cooles I-Phone" sagt. "Ist das jetzt schon Schleichwerbung?", fragt Plasberg da gespielt nervös und fügt eilends hinzu, es gebe ja auch andere tolle Telefone.
Ein harmloser Spaß, alles in allem, und doch weist das Ganze nach vorne. Die ARD will den omnipräsenten Plasberg auf diesem hinterwäldlerischen Sendeplatz vermutlich nicht nur auf dem Feld leichten Familienzeitvertreibs erproben - sondern vorsorglich fürs televisionäre Multitasking insgesamt.
Plasberg, der Grimme-Preisträger, der in seiner Frühphase die Entführer von Gladbeck im Fluchtauto mitinterviewte, der lange ein Nischendasein im WDR fristete, wird gerade zum seriösen Aushängeschild gebührenfinanzierten Infotainments.
Plasberg besser als Anne Will, Plasberg in die Primetime, Plasberg ins Wahlstudio - so hört man es derzeit.
Der "Frankfurter Rundschau" sagte er zum Sendestart der klügsten Kinder im Norden, er verstehe sich ebenso wenig wie Jauch als politischer Journalist. Er sei eher "Gesellschaftsjournalist".
2010 wird übrigens ein Nachfolger für Thomas Gottschalk gesucht. Hape Kerkeling hat schon abgesagt.
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