ARD-Reportage Sagt die Stripperin zur Nonne ...

"Nonne trifft Stripperin": Mit dieser Begegnung wollte die ARD den Grenzbereich von Weiblichkeit, Glaube und Erotik ausloten. Nackte Tatsache: Die Reportage war so trivial wie ein Herrenwitz.

Von Henryk M. Broder


Das Schöne am Fernsehen ist, dass es immerzu Menschen dazu bringt, miteinander zu reden, die sich nichts zu sagen haben. Man nennt dieses Spiel "Talkshow", es kann aber auch als "Reportage" im Programm auftauchen.

Stripperin Jessy B., Ordensschwester Lioba: "Wie ist das mit dem Sex?"
HR/Antonella Berta

Stripperin Jessy B., Ordensschwester Lioba: "Wie ist das mit dem Sex?"

Dabei kommt es nur darauf an, zwei oder mehrere Personen aufeinander zu hetzen, die aus ganz verschiedenen Milieus kommen: einen Kannibalen und einen Vegetarier, einen Skin und einen Punk oder - im besten Fall - einen Mann und eine Frau.

Gestern Abend, 22.45 Uhr, war es wieder so weit. In der ARD gab es das "Tagebuch einer ungewöhnlichen Begegnung: Nonne trifft Stripperin". Die Stripperin heißt Jessy, macht in Erotik und Telesex, würde aber nie mit einem Mann für Geld ins Bett gehen. Die Nonne heißt Lioba, hat ein Keuschheitsgelübde abgelegt und lebt in einem Kloster am Bodensee.

"Zwei Frauen, zwei Welten, wir haben sie zusammengebracht", sagt eine Stimme auf dem Off am Anfang der Begegnung, "jede wird die andere in die eigene Welt einführen." Der Film beginnt damit, dass Lioba, 47, im Morgengrauen in das Zimmer von Jessy, 24, schleicht. Aber es ist nicht das, was die Bilder suggerieren. Lioba will Jessy nur wecken. "Es ist fünf Uhr, der Tag im Kloster fängt früh an", sagt die Off-Stimme - wer hätte das gedacht. Jessy legt ein wenig Lidschatten auf, hat aber keine Zeit sich richtig anzuziehen. Man sieht sie anschließend in der Klosterkapelle, inmitten der Nonnen, im schulterfreien Top beim Morgengebet.

Den Nonnen scheint das nichts auszumachen, aber Jessy schaut ratlos drein, wie eine Novizin, die sich in einen Puff verirrt hat. Erst nach dem Gebet, das eine volle Stunde dauert, geht es in den Speiseraum zum gemeinsamen Frühstück. Jessy, die aus Chemnitz kommt, erklärt den Nonnen, wie es in der weltlichen Welt zugeht.

Lebensweisheit von der Stange

"Tabletänzerin wird man, wenn man Geld braucht und gern tanzt. Ran an die Stange und los geht’s!" Die Nonnen nicken, genauso haben sie es sich vorgestellt. Schnitt. Lioba besucht Jessy an deren Arbeitsplatz im Bahnhofsviertel. "Es war für mich eine große Überwindung", bekennt sie, "ich habe vorher viel gebetet".

Man sieht Jessy in Aktion an der Stange. "Wie ist das mit Sex mit den Gästen?", will Lioba ganz spontan wissen. Und Jessy antwortet, das Ganze sei "ein Spiel, das wir mit den Männern spielen: du kriegst mich nicht!" Man könnte den Satz auch so verstehen, als habe Jessy ebenfalls ein Keuschheitsgelübde abgelegt.

So kommen sich die Nonne und die Stripperin immer näher und entwickeln sogar Verständnis und Sympathie füreinander. Wieder im Kloster sinnieren sie beim Kartoffel- und Karottenschälen über das Leben. Lioba hätte gerne Kinder gehabt. "Es fällt schwerer, keine Kinder zu haben als keinen Sex." Jessy hat auch keine Kinder, allerdings schon mit 12 ihre Unschuld verloren. "Vermisst du nicht was?", will sie von Lioba wissen. "Ich sehne mich nach jemand, der mich in den Arm nimmt", gesteht die Nonne.

Cyber-Sex und Gottvertrauen

Es menschelt allerorten, im Kloster wie im Cyber-Puff, den Jessy betreibt. Der Film erreicht seinen Höhepunkt, als die Lioba der Jessy dabei zuschaut, wie diese es sich selbst besorgt, um einen anonymen Kunden daheim an seinem PC zu befriedigen. Lioba nimmt es gelassen, als Schwester in Papua-Neuguinea hat sie Schlimmeres erlebt. Im Gegenzug zeigt sie Jessy, wie man "durch bewusstes Atmen Gott erfahren" kann.

Dann schlägt die Stunde des Abschieds. Jessy verlässt das Kloster. "Es hat mich sehr beeindruckt, wie du zu deiner Erotik stehst", sagt eine der Nonnen. Jessy kehrt heim, die Nonnen bleiben unter sich. Was bleibt? Die Erkenntnis, dass Nonnen auch nur Frauen sind und sogar in einer Stripperin eine kleine Nonne schlummert. Das ist nicht viel für einen 30-minütigen Film, mit dem die ARD ihre Kompetenz im Grenzbereich des öffentlich-rechtlichen Anstands demonstrieren wollte, ohne freilich den letzten Schritt zu wagen und die Nonne an die Stange zu lassen. Irgendwas muss ja für die Privaten übrig bleiben.



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