ARD-Selbstgespräch: Granden-Krach im Sommerloch

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Merkwürdiges passiert bei der ARD: Es wird öffentlich über die eigene Arbeit diskutiert. "Tagesschau"-Chef Gniffke und Hauptstadtstudio-Leiter Deppendorf streiten sich im ARD-Blog. Entsteht da etwa eine neue Kultur der Transparenz - oder liegen einfach die Nerven blank?

Hamburg - "Tagesschau"-Chefredakteur Kai Gniffke hat am Dienstag einen kurzen Blog-Eintrag geschrieben, in dem er sich über das Sommerloch beschwerte: "Wir hatten gehofft, es würde uns in diesem Jahr verschonen. Schließlich sind in zwei Monaten Bundestagswahlen."

Hauptstadtstudio-Chef Deppendorf: Weniger Hochmut Zur Großansicht
DPA

Hauptstadtstudio-Chef Deppendorf: Weniger Hochmut

Doch nun habe die Zeit der Nachrichtenarmut die "Tagesschau" doch voll erwischt: "Wenn wir ehrlich sind, hätte man jedes, ja wirklich jedes unserer heutigen Themen auch lassen können."

Das ist für einen öffentlich-rechtlichen Spitzenjournalisten schon mal überraschend und erstaunlich offen. Dann erlaubte sich Gniffke noch eine kleine Stichelei in Richtung ZDF-Nachrichtenstudio ( auch als "grüne Hölle" bekannt): "Habe schon gewitzelt, ob wir im Erklärraum heute ein 3-D-Modell des Sommerlochs sehen."

Noch überraschender war, was tags darauf geschah: Ulrich Deppendorf, Chef des ARD-Hauptstadtstudios, meldete sich in der Kommentarspalte unter Gniffkes Sommerloch-Blog-Eintrag zu Wort. Und zwar in durchaus gereiztem Tonfall: "Wie schön, dass Sie gestern fast jeden Beitrag der 'Tagesschau' um 20 Uhr für entbehrlich hielten. Das hätten Sie uns ja dann auch schon etwas früher mitteilen können. Dann hätten die Kollegen und Kolleginnen aus dem Hauptstadtstudio und in der Republik ja schon eher die Arbeit für die 'Tagesschau' einstellen können."

Außerdem missfiel Deppendorf der Seitenhieb auf die Kollegen: "Wir sollten auch nicht mit zu viel Hochmut auf das neue ZDF-Studio schauen. Warten wir erst einmal ab, ob unser neues Studio 2011 der große Hit wird. Ein wenig mehr Solidarität durch Schweigen mit dem anderen öffentlich-rechtlichen System wäre nicht schlecht. Vielleicht benötigen wir dessen Unterstützung ja irgendwann auch einmal."

"Solidarität durch Schweigen"?

Davon abgesehen, dass eine öffentlich vorgetragene Forderung nach "Solidarität durch Schweigen" unter Kollegen einer gewissen Ironie nicht entbehrt - so viel öffentliche Offenheit war nie in der ARD. Selbst wenn sie vielleicht nur einer allgemeinen Sommerloch-bedingten Gereiztheit in den Nachrichtenredaktionen der ARD geschuldet sein sollte.

Gniffke antwortete Deppendorf dann noch einmal, in versöhnlichem Ton. Er beschwor ein bisschen kameradschaftliches Am-warmen-Wetter-Leiden, verteidigte aber seine Bewertung der flauen Nachrichtenlage. Sein Kommentar schließt mit den Worten: "Aber wenn ich mir angucke, wie oft hier gegen uns der Vorwurf der Selbstbeweihräucherung erhoben wird, steht es uns vielleicht gut zu Gesicht, etwas weniger breitbeinig durch's (sic) Leben zu gehen - von Hochmut ganz zu schweigen."

Da hat er Recht. Hochmut ist als journalistische Position nie günstig. Die Tatsache, dass die Granden der ARD nun öffentlich über ihre Arbeit diskutieren, zeugt aber von noch mehr: wenn schon nicht Demut, dann doch zumindest von einer neuen Bereitschaft zur Transparenz, die einem gebührenfinanzierten Sender bestens zu Gesicht steht.

Man könnte sich sogar noch viel mehr vorstellen - die ARD könnte zum Beispiel ihren Web-Auftritt nutzen, um die große Mittagskonferenz der ARD-Chefredakteure, die sogenannte Schalte, live ins WWW zu streamen! Das wäre doch genau die Art von "programmbegleitender Information" im Netz, die der neue Rundfunkstaatsvertrag den Öffentlich-Rechtlichen ans Herz legt.

Der Gebührenzahler finanziert ja schließlich auch die Kräche zwischen den Granden. Da sollte er doch auch ein Recht darauf haben, live daran teilzunehmen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 23 Beiträge
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1. Gute Idee, Herr Stöcker...
Frau Wutz, 23.07.2009
Ihr Vorschlag: "Man könnte sich sogar noch viel mehr vorstellen - die ARD könnte zum Beispiel ihren Webauftritt nutzen, um die große Mittagskonferenz der ARD-Chefredakteure, die sogenannte Schalte, live ins WWW zu streamen!" Da solche Projekte bei der ARD wegen des Förderalismus der Anstalten doch etwas Zeit in Anspruch nehmen, mein ergänzender Vorschlag: Um den Beweis anzutreten, wie unterhaltsam so etwas sein kann, geht der Spiegel flugs voran und streamt seine Konferenzen und vor allem die SPON-Meetings. Da wissen wir dann endlich mehr darüber, warum und aus welchen Motiven heraus Inhalte von SPON festgelegt werden. Vielleicht erfahren wir dann nebenbei auch, warum SPON so gerne die ARD disst. Es wird doch wohl keine geschäftlichen Gründe (Spiegel TV) haben?
2. ARD adé
scharnhorst24 23.07.2009
Zuschauer suchen - heißt das Spiel. In den Pausen beschäftigt man sich eben mit sich selbst. ARD und ZDF halten sich weiterhin für den Nabel der Welt. Aber sonst keiner mehr. Es wird Zeit, die Gebühren abzuschaffen und diesem Treiben ein Ende zu setzen. Von wegen Qualitätsjournalismus. Langeweile gähnt uns entgegen und davon lenkt die "grüne Hölle" auch nicht ab.
3. ?
BerSie, 23.07.2009
Zitat von sysopMerkwürdiges passiert bei der ARD: Es wird öffentlich über die eigene Arbeit diskutiert. "Tagesschau"-Chef Gniffke und Hauptstadtstudio-Leiter Deppendorf streiten sich im ARD-Blog. Entsteht da etwa eine neue Kultur der Transparenz - oder liegen einfach die Nerven blank? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,637799,00.html
Wow! Was für ein Thema! Mehr Sommerloch war wohl noch nie...
4. Allabendliche politisch korrekte Manipulation
Apologet 23.07.2009
Ich fühle mich regelmäßig beim Anschauen der Tagesthemen und der Tagesschau: * Schlecht informiert * Politisch korrekt manipuliert Wichtige Details werden weggelassen, die politisch links nicht gewollt sind, die aber Sachverhalte in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen, als sie dargestellt werden. Als ein Beispiel die Hochjubelung der Abgabe von Kompetenzen an die EU - bei der selbst das Bundesverfassungsgericht ein Riegel vorschieben musste - wie peinlich. Aber kritische Berichterstattung im Vorfeld? Fehlanzeige. Die EU ist immer gut - in der Berichterstattung. Gerüchte die der eigenen Politischen Ausrichtung zugute kommen werden dagegen ungeniert verbreitet, wie beispielsweise lächerliche Vorwürfe gegen die israelische Armee während des Gaza Krieges - von denen bislang noch jede entkräftet wurde. Da ich mich tagsüber bereits aus allgemein zugänglichen Quellen informiere, wird mir die allabendliche Manipulation immer deutlicher. Ich führe das auf das öffentlich rechtliche Zwangs-Gebührensystem zurück, das politisch gewollte Berichterstattung begünstigt.
5.
Stäffelesrutscher, 23.07.2009
Was war gleich nochmal der Grund für diesen Artikel? Zwei ARD Journalisten unterhalten sich im Blog der Tagesschau? Was für ein ungeheuerlicher, spannender Vorgang! So etwas muss in der Tat ausführlichst im Spiegel publiziert werden, inklusive gewagten Deutungen für die Zukunft der ARD im Allgemeinen und der Tagesschau im Besonderen! Auch das Sommerloch musste irgendwie eine Rolle spielen bei der Steilvorlage... Ich stelle fest: Projekt gelungen! Aus einem Nichts eine Nachricht gemacht! Bravo!
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