ARD-Show "Für dich tu ich alles" Erst Tanga, dann Uganda

Mit der am Dienstag gestarteten Show "Für dich tu ich alles" versucht die ARD, ihr angestaubtes Abendprogramm zu entrümpeln, als Moderator wurde der 26-jährige Sebastian Deyle verpflichtet. Doch die Sendung erweist sich als neue Form des Sado-Entertainments: Sie will Helden präsentieren, zeigt aber nur peinliche Demütigungsszenarien.

Von Daniel Haas


 Moderator Sebastian Deyle (l.) mit Kandidaten: "Wie fühlt man sich als Sexobjekt?"
WDR/Murat Türemis

Moderator Sebastian Deyle (l.) mit Kandidaten: "Wie fühlt man sich als Sexobjekt?"

Der Auftritt ist erst einmal ein Aufschub: Sebastian Deyle, Moderator der Show "Für dich tu ich alles", versichert, wie sehr man sich auf die Sendung freue, aber man starte erst in einer Viertelstunde. Denn zunächst muss Gerhard Schröder ran, bei "Farbe bekennen", einem 15-minütigen Mini-Talk. Da sitzt er dann, der Regierungschef, flankiert von dem sehr schmallippigen Jörg Schönborn und dem bemüht jovialen Andreas Cichowitz, die im Guter-Cop-böser-Cop-Stil den Kanzler in die Zange nehmen. Zur Sprache kommen Aufbau Ost, Bürgerversicherung und Hartz IV, die Reiz- und Ragethemen der Nation. Er werde die Reform nicht stoppen, so Schröder. Und man müsse auf zwei entscheidende Veränderungen reagieren: Globalisierung bzw. verschärften Wettbewerb und den veränderten Altersaufbau der Gesellschaft.

Mattscheiben-Moral statt Quälfernsehen

Wenn anschließend Sebastian Deyle mit der Eleganz eines Pop-Crooners über die Bühne schlendert, weiß man, dass die ARD das demografische Problem zwar erkannt, aber nicht begriffen hat. Deyle, 26 Jahre alt und als Soap-Darsteller bewährt, soll die vergreiste Frühabendunterhaltung entrümpeln; die Öffentlich-Rechtlichen wechselten ihn bereits für Max Schautzer in der Frühshoppen-Show "Immer wieder sonntags" ein. Mit "Für dich tu ich alles" wird der Jung-Entertainer nun ins Krisengebiet Hauptsendezeit geschickt, dort, wo die ARD fürchtet, ins tendenziell Gerontophile abzurutschen.

 Deyle und Kandidaten Carolin und Kai: Höhenangst und Heldentum
WDR/Murat Türemis

Deyle und Kandidaten Carolin und Kai: Höhenangst und Heldentum

Das Show-Konzept ist dementsprechend frisch - frisch eingekauft bei der BBC, wo das Format bereits erfolgreich die zweite Staffel absolviert. "Für dich tu ich alles", so vermutlich das Kalkül der ausführenden Produktionsfirma GAT, hat alles, was eine moderne Show jenseits des privaten Schmuddel- und Quälfernsehens braucht: Menschen wie du und ich - die Kandidaten sind Durchschnittsbürger, keine Promis - einen feschen Moderator und Emotionalität. Denn bei "Für dich tu ich alles" können Kandidaten dem geliebten Menschen einen Traum erfüllen, indem sie sich selbst in einen Albtraum wagen.

So muss der freundliche ADAC-Angestellte einen Bungee-Sprung aus 220 Meter Höhe machen, um dem Töchterchen einen Besuch bei Michael Flatley zu ermöglichen. Der irische Stepp-Künstler ist das Idol der Siebenjährigen, und Papa, der nach eigener Auskunft Höhenangst hat, wird am Ende der Held des Abends sein. Selbstkasteiung ist also das Programm dieser Sendung, deren Grundidee sich doch gerade vom Krawallfernsehen à la "Dschungelcamp" und die "Alm" absetzen will. Deyle, der sich in der Tradition von klassischen Entertainern wie Peter Frankenfeld und Harald Juhnke sieht, versteht Würde als sein Stilprinzip: "Wenn meine Gäste gut aussehen, dann sehe auch ich gut aus."

Deyle-Vorbild Harald Juhnke: Die Gäste müssen gut aussehen
AP

Deyle-Vorbild Harald Juhnke: Die Gäste müssen gut aussehen

Der Mann, der mit verbundenen Augen zur Plattform geführt wird, die hunderte von Metern über dem Abgrund schwebt, sieht alles andere als gut aus, und wenn er sich später mit kamerabestücktem Helm, ans Ende der Rampe vortastet, ist sein Gesicht kaum mehr als eine angstverzerrte Grimasse. Hatte der Gang zum Absprungsort den grausigen Charme des Übergabeszenarios bei einer Entführung, entspricht der Kamerablick ins schwer schnaufende, schweißnasse Altruistengesicht vollends der Logik des Folterbilds, das seinen Gegenstand mit lüsternem Sadismus bloßstellt.

Öffentlich-rechtliche Verzichtromantik

Auch die folgenden Kandidaten entgehen nicht der Erniedrigung. Um der Lebenspartnerin einen Besuch bei einer Schimpansenfarm in Uganda zu ermöglichen, muss Busfahrer Christian einen Tag lang mit den Profistrippern "The Chippendales" trainieren und schließlich vor großem Publikum eine Soloshow hinlegen. Weil die Bilder ihre eigene unerbittliche Sprache sprechen und die Evidenz des Physischen so augenfällig wie unhintergehbar ist, degradiert der Abgleich von muskulösen Beaus und schmerbäuchiger Alltagsfigur den Kandidaten zum Menschen zweiter Klasse.

Kandidaten Tina Kimm und Christian Fröhlich: Strippen für den Traum
WDR/Murat Türemis

Kandidaten Tina Kimm und Christian Fröhlich: Strippen für den Traum

Mag hinter der Szene das wohlmeinende Konzept der Selbstentsagung stehen, die Bilder selbst interessieren sich für solche moralischen Fragen nicht. Was man sieht, ist der behaarte Hintern, dessen knappe Tanga-Verhüllung die Bloßstellung perfekt macht. "Wie fühlt man sich als Sexobjekt?", fragt Deyle den sympathisch wirkenden Enddreißiger, und wenn die Kamera auf dessen Freundin schwenkt, die mit starrem Lächeln die Contenance zu wahren versucht, wird klar, dass das die falsche Frage ist. Wie kommt man mit der Komplizenschaft zu Rande, in die einen das Opferszenario zwingt? Und wie passt das Konzept einer ganz unzeitgemäßen Verzichtsromantik zur Bildlogik des Bloßstellungsfernsehens, wie es in den marktgängigen Ekelshows propagiert wird?

Die Antwort lautet: Gar nicht. Die Selbstaufopferungsmoral, von der der öffentlich-rechtliche Sender glauben musste, sie käme seinem gesellschaftlichen Auftrag zupass, steht in krassester Weise quer zur Bildersprache des Sado-Entertainments, das sich allenthalben mit zynischem Augenzwinkern goutieren lässt. Dass man den von Globalisierungszwängen umstellten, zu Fitness, Fun und Flexibilität angehaltenen postmodernen Menschen per Selbstentsagung zu voller ethischer Größe aufrichtet, ist eine hübsche Idee. Sie sollte konzeptuell wohl gerade dem Selbstverletzter-Narzissmus der Dschungelcamper und ihrer verzweifelten Karrieregier Paroli bieten. Der Bild-Falle des Folterszenarios, mit seiner voyeuristischen Indiskretion und aufgezwungenen Intimität, entgeht die Sendung jedoch nicht.



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