ARD-Stasi-Drama Geliebtes Schnüffel-Schwein

Ein Stasi-Scherge und eine politische Gefangene amourös vereint – darf das sein? Nein, sagen die Opferverbände und laufen Sturm gegen "12 heißt: Ich liebe dich". Zu Unrecht, denn der ARD-Film gibt ungeschönt Auskunft über die Banalität des Bösen.

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Wir suchen das Böse und finden Banales. Der Unrechtsstaat DDR ist abgewickelt, Genugtuung für die Opfer gibt es nicht. Und die Täter? Wenn sie aufgespürt und an den Pranger gestellt werden, taugen sie auf einmal nicht mehr als Monstren, sie schrumpfen zu Menschen. Zu kleinen, jämmerlichen, pragmatischen Menschen, die für alles ihre Gründe gehabt haben. Möchte man denen überhaupt zuhören?

Jan ist einer dieser Täter. In den letzten Tagen der DDR-Diktatur arbeitete er als Vernehmer für die Stasi. Er war ein kleines Tier, führte aber gewissenhaft aus, was die großen Tiere von ihm verlangten. Jetzt, Jahre nach dem Ende des realen Sozialismus, sitzt er vor der Direktorin einer Opfer-Gedenkstätte und erklärt sein Handeln: "Ich habe mich einfach geschmeichelt gefühlt, ich hatte Macht, ich war wichtig."

So weit, so plausibel, so pädagogisch wertvoll. Doch dann sagt der ehemalige Stasi-Offizier, der inzwischen im wiedervereinigten Deutschland als Buchhalter arbeitet: "Ich habe funktioniert, und ich tue das immer noch, aber in einem anderen System." Das geht der Opfer-Vertreterin zu weit: "Sie wollen die Diktatur der DDR mit einem Rechtsstaat vergleichen?" Das nicht, aber was soll Jan machen: "Ich tue immer das, was man von mir erwartet."

Es ist ein so einfacher wie erhellender Dialog, der da am Ende des Stasi-Dramas "12 heißt: Ich liebe dich" steht: die Selbstdemontage eines Mitläufers. Banale Worte – voll böser Wahrheit.

Romantikfreies Drama ohne Relativismus

Dass da ein Täter so ausführlich sprechen darf, sorgte schon im Produktionsstadium von "12 heißt: Ich liebe dich" für Aufregung: Vertreter von Opfer-Verbänden liefen Sturm, letzte Woche versuchte man die Ausstrahlung des fertigen Filmes zu verhindern. Als besonders anstößig wird empfunden, dass der Überwachungs-Scherge ausgerechnet durch die Liebe zu einem seiner Opfer zu später Einsicht gelangt. Ein Stasi-Offizier in Liebe – darf das sein?

Ja, darf es. Denn durch den Versuch, die handelsübliche Fernsehdidaktik zu überwinden, schafft man neue Möglichkeiten der Geschichtsaufarbeitung und schärft die Sinne. Auch schlechte Menschen hören gute Lieder, auch Verbrecher haben Gefühle – nur macht sie das kein bisschen weniger schuldig. Und so wird in diesem leisen, zermürbenden, romantikfreien Drama trotz seiner riskanten Annäherung an den Täter als Menschen zu keinem Zeitpunkt Relativismus betrieben.

Ungeschönt nimmt die grausame Liebesgeschichte 1985 ihren Anfang: Da sitzt die junge Dissidentin Bettina (Claudia Michelsen) zum ersten Mal vor dem Verhörspezialisten Jan (Devid Striesow). Acht Monate lang wird er ihr einziger regelmäßiger menschlicher Kontakt sein. Bald stellt sich jedoch eine sonderbare Vertrautheit ein; Bettina sehnt sich nach jeder Sitzung, obwohl der Mann auf der anderen Seite des Tisches ihr doch feindlich gesonnen ist.

Während Jan bis in den Morgen die Protokolle abtippt, findet die ansonsten schlaflose Bettina ihm gegenüber in einem unbequemen Stahlsessel ein bisschen Ruhe. Statt Berührungen werden Zigaretten ausgetauscht. Auch eine Art eine verbotene Verbindung aufzubauen: Jan gewöhnt sich wieder das Rauchen an, um der Gefangenen nahe zu sein.

Dass dieses absurde Tête-à-tête nicht verharmlosend wirkt, ist vor allem den beiden Hauptdarstellern zu verdanken. Wie die durch die Isolationshaft in eine Art Angststarre verfallene Bettina ausgerechnet in ihrem Peiniger Hoffnung auf Erlösung findet, spielt Claudia Michelsen mit beängstigender Feinnervigkeit. Und Devid Striesow hält seinen dienst- und liebesbeflissenen Stasi-Aufsteiger über weite Strecken im Schwebezustand. Sind seine Annäherungsversuche Teil einer besonders perfiden Verhörtaktik – oder Zeichen echter Zuneigung? Bitter: Sie sind wohl beides. Striesow verleiht dem Lover und Biedermann eine unglaubliche Doppelbödigkeit.

Liebe als Motor des Erkennens

Connie Walther (Regie) und Scarlett Kleint (Buch) haben "12 heißt: Ich liebe Dich" nach einer wahren Geschichte in Szene gesetzt. Einige Szenen verstören, andere bleiben seltsam unaufgelöst, das Rückblendengeflecht kommt arg ungeschmeidig daher. Die Filmemacherinnen wollten sich wohl nicht dem Vorwurf aussetzen, romantisches Kapital der heiklen Story zu schlagen. Zumal ihr Film fast so was wie ein happy end hat.

Denn knapp zehn Jahre später stöbert Bettina ihren geliebten Peiniger wieder auf, die beiden sind mehr denn je auf gespenstische Weise von einander angezogen. Erst wird wieder nur rauchend die gemeinsame Sehnsucht sublimiert, dann kommt es zu einer alle Konventionen brechenden Vereinigung: Jan verlässt Frau und Kind, Bettina löst sich aus ihrer Verbindung, und die beiden sind dabei offensichtlich auch noch glücklich.

Wo bleibt da denn die höhere Gerechtigkeit? So mögen die Vertreter der Opferverbände fragen. Tatsächlich: Hier wird niemand abgestraft. Als Erbauungsdrama zur DDR-Vergangenheit taugt "12 heißt: Ich liebe dich" nicht. Dafür wird die Liebe zum Motor des Erkennens – des Erkennens der eigenen Schuld.

Vielleicht braucht es diesen dramatischen Kunstgriff, auf dass ein Stasi-Scherge endlich einmal bedingungslos über das eigene moralische Versagen Auskunft gibt. Wer etwas über die böse Banalität totalitärer Systeme lernen will, muss das aushalten.


"12 heißt: Ich liebe Dich", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD



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