ARD-Zweiteiler "Paparazzo" Geheimsache Schneideraum

Drei Jahre vergingen zwischen Dreh und Ausstrahlung des ARD-Zweiteilers "Paparazzo". Höhepunkt des zähen Zoffs: Der Original-Regisseur zog seinen Namen vom Projekt zurück. Ist der Film also ein kolossaler Flop? SPIEGEL ONLINE-Autor Peter Luley sah genauer hin.


Wenn als Regisseur eines Films Alan Smithee angegeben wird, ist das für Kinokenner erst mal ein Warnsignal: Das Pseudonym, das sich als Anagramm von "The alias Men" lesen lässt, wird in Hollywood seit Dekaden eingesetzt, wenn Regisseur und Auftraggeber sich überworfen haben, der Filmemacher also nicht mehr mit seinem Namen für das Endprodukt einstehen möchte. Zu den Regisseuren, die sich seit 1969 hinter dem Platzhalter versteckt haben, gehören Kaliber wie Don Siegel, John Frankenheimer und Dennis Hopper – und meist hatten sie leicht nachvollziehbare Gründe für die Distanzierung.

Dass Sündenbock Smithee bei einem deutschen Fernsehfilm zum Einsatz kommt, ist dagegen neu und weckt allein schon ein gewisses Grundinteresse für das Werk: "Paparazzo", ein zweimal 90-minütiges Thriller-Drama, das die ARD heute und morgen als TV-Premiere ins Sommerloch versendet. Es handelt sich um eine 3,5 Millionen Euro schwere Auftragsproduktion der streitbaren WDR-Filmredaktion ("Wut", "Contergan – Eine einzige Tablette"), realisiert von der Produktionsfirma Müller & Seelig, deren Teilhaber Matthias Seelig zugleich das Drehbuch schrieb. Seelig kann auf eine lange Zusammenarbeit mit dem Kölner Sender zurückblicken: Bereits vor 30 Jahren lieferte er das Skript für "Aufforderung zum Tanz" (Regie: Peter F. Bringmann) mit Marius Müller-Westernhagen, auch "Theo gegen den Rest der Welt" und die Winkelmann-Werke "Der Leibwächter" und "Der letzte Kurier" gehören zu seinen Autoren-Credits.

Wer dann noch – und es reicht ein wenig Googeln – das "Geheimnis" gelüftet hat, dass zunächst die Regisseurin Connie Walther engagiert worden war, bevor man sich zerstritt und Stephan Wagner mit dem Stoff betraut wurde, bevor man sich nach Drehschluss auch mit ihm zerstritt, muss noch neugieriger werden: Schließlich ist Grimme-Preisträger Wagner wiederum für so hervorragende Filme wie "Der Stich des Skorpion" und "In Sachen Kaminski" verantwortlich.

Sado-Maso-Spiele mit dem Bruder

Der Exposition gelingt es trefflich, den Suspense zu schüren: "Paparazzo" beginnt stylisch, rau, rasant. Wir erleben die beiden Protagonisten Gonzo (David Rott) und Lazlo (Sascha Göpel) in Ausübung ihres Berufs als Sensationsfotografen; wir sehen, wie sie in gut geöltem Zusammenspiel einen prominenten Schauspieler, der betrunken einen Unfall gebaut hat, im Knast "abschießen", was ihnen gelingt, indem sie eine Schlägerei anzetteln, um in das Gefängnis zu gelangen. Wir lernen: Diese Jungs sind skrupellos und tough, gleichwohl in ihrer smarten Kumpelhaftigkeit nicht gänzlich umsympathisch. Der Ton ist glaubhaft, die Umsetzung state of the art.

Dann hebt die Geschichte noch mal neu an. Die beiden fahren nach Cannes, um bei den dortigen Filmfestspielen womöglich eine mysteriöse Aktrice vor die Linse zu bekommen, die seit Jahren von der Bildfläche verschwunden ist und über deren Comeback allenthalben spekuliert wird: Li Ronstedt (verkörpert von der polnischen Entdeckung Agata Buzek), die insbesondere Gonzo seit früher Jugend verehrt. Tatsächlich häufen sich die Hinweise, Li könnte den neuen Film ihres Bruders Carl (Florian Stetter) mitpräsentieren – an dessen Fersen sich Gonzo und Lazlo in der Folge heften.

In einer abgelegenen Villa geschieht dann bald Unglaubliches: Der über den Zaun des Anwesens gekletterte Gonzo meint Li bei Sado-Maso-Sexspielen mit Carl gefilmt zu haben – und Lazlo wittert den ganz großen Scoop. Doch statt den möglichen lukrativen Deal abzuschließen, plagen Gonzo plötzlich Zweifel. Es entspinnt sich ein teilweise "Blow-Up"-artiges Bilderrätsel, das mit Robert-Capa-Zitaten garniert wird ("Die Wahrheit ist das beste Bild") und in dessen Verlauf die beiden Schnappschussjäger sich gezwungen sehen, ihre Einstellung zu überdenken.

Die Sache mit dem Schnitt

Dabei bewahrt sich "Paparazzo", gedreht in Köln, Cannes, New York und auf Mallorca, über die gesamte Strecke seine Aura – sogar die eigens hergestellten Doku-Einsprengsel vom Festivalbetrieb an der Côte d’Azur fügen sich stimmig in die Handlung ein. Dazu kommen eindrucksvolle Darstellerleistungen und ein experimenteller, cooler Score vom Altmeister der Filmmusik, Irmin Schmidt. Erst im zweiten Teil wirkt das zwischen Milieustudie, Thriller und Lovestory oszillierende Stück allmählich selbst ein wenig "blown-up" – aufgeblasen. Die Krimistory enthält schon mal ein "totes Gleis", und die Auflösung lässt mancherlei im Ungefähren – so dass der Zuschauer sich nach 180 Minuten fragt, was ihm denn hier nun eigentlich erzählt werden sollte. Anders gesagt: Man kann "Paparazzo" vorwerfen, dass er das Versprechen des furiosen Beginns nicht ganz einlöst – aber ein klarer Fall für Alan Smithee ist er keineswegs.

Zur Frage, worin denn nun der Knackpunkt für das Zerwürfnis lag, ist Stephan Wagner kein Sterbenswörtchen und Produzentin Jutta Müller nur das Allernötigste zu entlocken: Beide Parteien haben sich vor Gericht getroffen und Stillschweigen vereinbart – daher auch die lange Spanne zwischen Dreh (2004) und Ausstrahlung. Lediglich, dass der Konflikt erst im Schneideraum aufgetreten sei, erklärt Müller. Wagner habe den Film von A bis Z in Szene gesetzt, aber hernach eine Schnittfassung erstellt, in der die Produzenten das Drehbuch nicht mehr wiedererkannt hätten. So verständigte man sich nach erbitterten Auseinandersetzungen auf die Smithee-Lösung, und Müller & Seelig beauftragte die Cutterin Dora Vajda mit dem Neuschnitt.

Denkbar hart war die fast dreijährige Zeit der Ungewissheit und des Wartens auch für die in dem Punkt einflusslosen Schauspieler – die nun verständlicherweise vor allem froh sind, dass ihre Arbeit endlich zu sehen ist. "Für mich war 'Paparazzo' immerhin das wichtigste Projekt 2004", sagt Sascha Göpel ("Das Wunder von Bern"), und Agata Buzek ("Valerie") schildert schaudernd, wie sie sich in Warschau sorgte, was wohl mit dem Material passieren würde: "Ich habe so harte Szenen gedreht, die hätten ja alles damit machen können." Mit dem Endergebnis sind nun beide zufrieden – und geben an, ihre Figuren durchaus im Film wiederzufinden. Schade nur, dass keiner Stephan Wagners Fassung kennt – wer weiß, was unter seinen Händen aus der Story hätte werden können? Bleibt nur die vage Hoffnung, dass eines Tages mal jemand eine längst fällige Retrospektive auf die Beine stellt: die große Alan-Smithee-Werkschau mit den wahren, nie gezeigten Filmen.


"Paparazzo", Mi., 8.8. und Do., 9.8., 20.15 Uhr, ARD



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