Arianna Huffington "Sogar unser Mode-Kanal steht für etwas"

Arianna Huffington ist eine der einflussreichsten Amerikanerinnen - und verkauft nun ihr Baby "Huffington Post" an den Online-Dinosaurier AOL. Wenige Tage vor dem spektakulären Coup sprach SPIEGEL ONLINE mit der Starautorin über den Erfolg ihrer Nachrichtenseite und den rasanten Wandel der Medienlandschaft.

Getty Images

Es ist die Mediennachricht des Tages, vielleicht sogar des Jahres: Der 1983 gegründete Internetoldie AOL, wirtschaftlich in übler Verfassung, kauft für 315 Millionen Dollar die nicht einmal sechs Jahre alte "Huffington Post", die als eine der größten Perlen unter den US-Medien gilt. Im Mai 2005 gegründet, hat die reine Online-Nachrichtenseite bereits mehr Leser im Netz als die meisten etablierten US-Zeitungen - und dürfte bald sogar die "New York Times" überholen.

Chefredakteurin der "Huffington Post" und damit eine der einflussreichsten Amerikanerinnen ist Arianna Huffington. Die 60-Jährige hat so viele verschiedene Dinge gemacht, dass diese locker mehrere Lebensläufe füllen könnten. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen in Griechenland, heiratete sie später in den USA einen Multimillionär. 13 Bücher hat die Publizistin bislang geschrieben, vom Frauenbild Picassos bis zum Abstieg Amerikas. Mal fand sie die Republikaner gut, dann favorisierte sie die Demokraten. Huffington hat sich bei einer esoterischen Religion genauso versucht wie als Kandidatin für den Gouverneursposten in Kalifornien.

Wenige Tage vor Bekanntgabe des AOL-Coups traf Sven Böll die Journalisten-Unternehmerin. In dem Gespräch pflegte sie, wie stets im Englischen, einen starken griechischen Akzent, ging ihre Kontaktlinsen wechseln ("Meine Augen sind so trocken") und war auch sonst aufgedreht - aber immer freundlich. Ein charmantes Lächeln hier, ein freundliches Nicken dort.

Zu Beginn des Interviews bestellte sie eine Cola light, dann klingelte auch schon ihr Blackberry. Trotz umfangreicher gestischer Interventionen trank sie während des Telefonats konsequent aus dem falschen Glas. Es ging in dem Gespräch um frisches Geld für das Wachstum ihrer Website. Die Worte "Börsengang" und "Investor" fielen sehr häufig.

SPIEGEL ONLINE: Frau Huffington, bei Ihnen und der "Huffington Post" scheint sich gerade einiges zu tun.

Huffington: Die "Huffington Post" war im vergangenen Jahr zum ersten Mal profitabel. Wir wollen weiter expandieren. Unsere Nachrichtenseite hat bereits 250 Mitarbeiter – davon fast 150 Redakteure. Es gibt mehrere Optionen, wie wir das Wachstum finanzieren könnten.

SPIEGEL ONLINE: Das renommierte Nachrichtenmagazin "Newsweek" wurde im vergangenen Jahr für einen Dollar verscherbelt. Um Sie scheinen sich die Investoren zu reißen. Ist das der endgültige Triumph der neuen über die alten Medien?

Huffington: Ich halte nichts von der Unterscheidung zwischen alten und neuen Medien. Wir investieren immer stärker in das traditionelle journalistische Geschäft, werben der etablierten Konkurrenz wie der "New York Times" Reporter ab. Gleichzeitig kopiert diese von uns Dinge – etwa bei den Leser-Communitys.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren Ende Januar auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Während Sie mit der globalen Elite diskutierten, musste man bei der "Huffington Post" allerdings lange nach der Veranstaltung suchen.

Huffington: Wir haben darüber berichtet, wenn auch vielleicht etwas versteckt. Aber Politik und Wirtschaft bringen deutlich weniger Klicks als Entertainment. Das ist eben so.

SPIEGEL ONLINE: Vor kurzem hat Ihre Zeitung sogar eine Rubrik "Scheidung" gegründet.

Huffington: Wir haben mal mit Politik angefangen, jetzt ist "Scheidung" unsere 26. Rubrik. Und sie läuft phantastisch, ich bin selbst überrascht.

SPIEGEL ONLINE: Verändert sich Journalismus dadurch, dass Angelina Jolie und Brad Pitt besser klicken als Angela Merkel und Barack Obama?

Huffington: Wir haben pro Monat weit über 25 Millionen unterschiedliche Besucher auf unserer Seite. 20 Prozent davon interessieren sich für Politik, das ist doch viel.

SPIEGEL ONLINE: Man könnte auch sagen: Es ist nur jeder Fünfte.

Huffington: Das Entscheidende ist doch: Wir wählen Geschichten nicht danach aus, ob sie gut klicken oder nicht, sondern ob sie eine gute oder schlechte Story sind. Wir veröffentlichen sehr viele Artikel zum Krieg in Afghanistan, obwohl sich das Interesse der Leser in Grenzen hält. Aber wir finden, es ist ein wichtiges Thema.

SPIEGEL ONLINE: Wenn eine Geschichte bei Ihnen neu auf die Homepage kommt, testen Sie zunächst verschiedene Überschriften. Diejenige, die sich besser klickt, wird später genommen. Das klingt nicht gerade danach, als würden Klicks keine Rolle spielen.

Huffington: Je mehr Leser eine Geschichte hat, desto besser ist es doch. Viele gedruckte Magazine testen ja auch ihre Titel, bevor sie an den Kiosk kommen. Da sehe ich keinen Unterschied.

SPIEGEL ONLINE: Die "Huffington Post" ist gerade einmal fünfeinhalb Jahre alt, aber schon jetzt eine der einflussreichsten Publikationen in den USA. Sind Sie nicht selbst von dem Erfolg überrascht?

Huffington: Einerseits schon. Andererseits kann ich ihn erklären: Wir haben eine eindeutige Identität, die uns unverwechselbar macht. Das geht soweit, dass sogar unser Mode-Kanal für etwas steht - bequeme Kleidung. Und in unserer Medizin-Rubrik schreiben wir regelmäßig darüber, wie wichtig Schlaf ist.

SPIEGEL ONLINE: Bei aller Bedeutung von bequemer Kleidung und von Schlaf - politisch ist die "Huffington Post" auch unverwechselbar?

Huffington: Die Amerikaner sind die ewigen politischen Flügelkämpfe zwischen links und rechts Leid. Wir schreiben jenseits dieser Gegensätze.

SPIEGEL ONLINE: Der berühmte dritte Weg – jetzt auch im Journalismus?

Huffington: So kann man es nennen.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie denn die Hauptdefizite in Ihrem Metier?

Huffington: Journalisten definieren Objektivität sehr häufig als Mittelweg zwischen zwei Positionen. Doch dieser "Sowohl-als-auch"-Journalismus verfehlt den eigentlichen Zweck unserer Branche, die Wahrheit herauszufinden.

SPIEGEL ONLINE: Woran machen Sie diese Verfehlungen fest?

Huffington: Gucken Sie sich den Irak-Krieg oder die Finanzkrise an. Es gibt rühmliche Ausnahmen, aber die meisten Redaktionen haben nicht hinterfragt, ob der Irak wirklich Massenvernichtungswaffen hat. Und sie waren mehr Cheerleader des Turbo-Kapitalismus als Kritiker.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Huffington: Es gibt eine korrumpierende Macht des Zugangs zu den Wichtigen der Welt. Journalisten wollen immer ganz nah dran sein und biedern sich deshalb auch schon mal an.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie die "Huffington Post" an der Spitze der unabhängigen Aufklärer?

Huffington: Wir hatten von Anfang an kein Problem damit, zu sagen, dass der Krieg in Afghanistan unmoralisch und nicht zu gewinnen ist. Und wir pushen auch nicht den Wissenschaftler, der behauptet, es gebe keinen Klimawandel. Denn er ist garantiert von der Industrie bezahlt.

SPIEGEL ONLINE: Qualitätsjournalismus ist teuer. Gleichzeitig verdienen Verlage im Internet nicht gerade üppig Geld. Wie wollen Sie dieses Problem lösen?

Huffington: Wir haben viel investiert, junge und erfahrene Journalisten eingestellt. Zusammen bilden sie tolle Teams, denn die Nachwuchsredakteure können von den älteren lernen.

SPIEGEL ONLINE: Verdient ein Journalist bei Ihnen so viel wie bei etablierten Medien?

Huffington: Ja. Das Ziel ist es, guten Journalismus zu machen. Und der ist teuer.

SPIEGEL ONLINE: Die "Huffington Post" verlinkt viel auf andere Seiten, fast die Hälfte der Inhalte kommt von Dritten.

Huffington: Dass wir auf andere Seiten verweisen, ist keine Frage von teurem oder günstigem Journalismus, sondern ein Service für den Leser. Wir wollen der One-stop-shop für alles Mögliche im Internet sein. Wir bekommen täglich Hunderte "Bitte verlinkt meinen Text"-Anfragen.

SPIEGEL ONLINE: Verlage diskutieren viel über Paid Content, also Bezahlinhalte, im Netz. Wie sieht Ihr Geschäftsmodell für die Zukunft aus?

Huffington: Wir werden Inhalte immer kostenlos bereitstellen und über Werbung finanzieren.

SPIEGEL ONLINE: Wo wird die "Huffington Post", abgesehen von der Finanzierung und den künftigen Eigentümern, in fünf Jahren stehen?

Huffington: Wenn ich so täte, als wüsste ich die Antwort darauf, wäre ich eine schlechte Chefredakteurin. Wir müssen offen sein für alle Sachen, die noch kommen. Und ich garantiere Ihnen, dass wir beide überrascht sein werden, wie die Welt des Journalismus 2016 aussieht.

Das Interview führte Sven Böll



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hollo43 07.02.2011
1. Danke, für das interessante Interview...
Zitat von sysopArianna Huffington*ist eine der einflussreichsten Amerikanerinnen - und*verkauft nun ihr Baby "Huffington Post" an den Online-Dinosaurier AOL. Wenige Tage vor dem spektakulären Coup sprach*SPIEGEL ONLINE mit der*Starautorin über den Erfolg ihrer Website und den rasanten Wandel der Medienlandschaft. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,743905,00.html
...würde mich interessieren, welche Lehren SPON daraus zieht. Ist das "Anbiedern" der Printversion geschuldet?
Nikolai C.C. 07.02.2011
2. Wo bleibt der SPON?
"Journalisten definieren Objektivität sehr häufig als Mittelweg zwischen zwei Positionen. Doch dieser "Sowohl-als-auch"-Journalismus verfehlt den eigentlichen Zweck unserer Branche, die Wahrheit herauszufinden." In dem Videobeitrag http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,743592,00.html fehlt die Idee, dass die ganze Aktion von der Pharmaindustrie bezahlt sein könne. Etwas Googlen und die Leser in Österreich kommen sofort darauf. Ist es schon die Vorarbeit für die öffentlichen Stimmung für das "EU Verbot für Heilpflanzen ab April 2011"?
Pacolito, 07.02.2011
3. Hmm...
Sehr schade. Immer eine sehr gute Seite, um sich über die US Politik zu informieren. Viele gute Artikel und kluge Köpfe, die dort ungeschminkt veröffentlicht haben. Arianna Huffington selber hat mir in ihren öffentlichen Auftritten auch immer gut gefallen. Man wird politisch wohl zahmer und beliebiger werden und dafür den Boulavard-Teil noch weiter aufwerten. Naja, hoffentlich nicht. Wenn ja: Schade. Aber gut, wer würde zu so einer Summe Nein sagen...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.