Völkermord an den Armeniern "Meinen Eltern fehlten die Worte"

Die Bundesregierung distanziert sich diplomatisch von der Armenien-Resolution. Janine Altounians Eltern überlebten den Völkermord. Hier erzählt sie, wie das Trauma noch immer ihr Leben bestimmt.

Armenien-Aktivisten im Bundestag
DPA

Armenien-Aktivisten im Bundestag

Ein Interview von Margherita Bettoni


Zur Person
  • Janine Altounian wurde 1934 in Paris als Tochter von Überlebenden des armenischen Völkermordes geboren. Sie arbeitet als Essayistin und Übersetzerin und befasst sich seit über vierzig Jahren mit den psychischen Folgen des Völkermordes für die Überlebenden. Sie gehört zudem zu dem Team, das Freuds Gesamtwerk ins Französische übersetzt hat.

SPIEGEL ONLINE: Frau Altounian, im Juni verabschiedete der Deutsche Bundestag die Armenien-Resolution, die die Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord verurteilt. Nun erklärte Regierungssprecher Steffen Seibert, die Resolution sei für die Bundesregierung nicht verbindlich. Wie haben Sie diese Geste erlebt?

Altounian: Das war ein Stück weit eine Leugnung. Die Position der Bundesregierung ist realpolitisch gesteuert. Die Türkei ist ein wichtiger Partner, außerdem leben in Deutschland viele Deutschtürken. Auch Obama wollte den Völkermord an den Armeniern anerkennen, hat es aber nicht gemacht, weil Amerika Interessen in der Türkei hat. So läuft es in der Politik. Deutschland müsste aber überlegen, wie man das umgehen kann. Ich bin zwar häufig eine Pessimistin - trotzdem denke ich, dass man für die Wahrheit kämpfen muss.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Eltern haben den armenischen Völkermord überlebt. Erinnern Sie sich, wann Sie das zum ersten Mal begriffen?

Altounian: Schon als Kind hatte ich das Gefühl, dass meine Eltern einer großen Katastrophe entkommen waren. Das Leben war für sie ein wie ein großes Unglück. Doch ihnen fehlten die Worte, um den Völkermord zu beschreiben. Meine Mutter war vier Jahre alt, als sie deportiert wurde, sie war noch nicht mal eingeschult. Meine Eltern waren türkischsprachig aufgewachsen, dennoch redeten sie mit mir armenisch. Sie besaßen keine Sprache dafür, nicht die komplexen Wörter, um einen Völkermord zu erklären. Trotzdem gab es das Seufzen und den wiederkehrenden Satz meiner Großmutter: "Wir haben alles verloren, wir haben alles dort hinterlassen."

Todesmärsche: Armenier im Jahr 1915
DPA/ AP

Todesmärsche: Armenier im Jahr 1915

SPIEGEL ONLINE: Und wann haben Sie realisiert, dass die Vergangenheit Ihrer Eltern Teil eines kollektiven Geschehens war?

Altounian: Als Erwachsene habe ich angefangen, mich für einen Kreis armenischer Intellektueller zu interessieren, der in Paris lebte. Ich habe die Seminare der armenischen Historikerin Anahide Ter Minassian besucht. Sie hat mir ein Buch empfohlen: "Un génocide exemplaire" ("Ein exemplarischer Völkermord") von Jean Marie Carzou. Als ich es gelesen habe, wusste ich, dass ich die Folgen eines historischen Traumas erlebt hatte, einen armenischen Völkermord.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschäftigen sich seit über 40 Jahren mit den Folgen dieses Traumas für die Nachkommen. Warum beeinflusst etwas, das man selbst nicht erlebt hat, das eigene Leben?

Altounian: Weil man spürt, dass es den Eltern nicht gut geht. Ich ahnte, dass meine Mutter kein wahres Lebensglück erlebt hatte. Und das hinderte mich daran, selbst eine zufriedene Frau zu werden. Weil mir daheim das ersehnte Frauenvorbild fehlte, war es am Ende die Schule, die mich rettete. Ich bin später Deutschlehrerin geworden, weil meine Lehrerinnen für mich das Bild zufriedener, intelligenter Frauen verkörperten. Darin liegt auch eine gewisse Tragik: Wenn man so will, habe ich mein Leben nicht ausgelebt. All das, was ich gemacht und geschrieben habe, habe ich getan, um meiner Familie das zurückzugeben, was sie verloren hatte.

Eine Gruppe armenischer Flüchtlinge sitzt 1915 in Syrien auf dem Boden.
DPA/ Library of Congress

Eine Gruppe armenischer Flüchtlinge sitzt 1915 in Syrien auf dem Boden.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Vater verfasste 1920 ein Tagebuch über seine Deportation. 1978 haben Sie es übersetzen lassen und später veröffentlicht. Was hat dieses Dokument in Ihnen ausgelöst?

Altounian: Mein Vater ist 1970 gestorben. Erst nach seinem Tod ist mir eingefallen, dass meine Mutter einmal von einem Manuskript geredet hatte. Mein Vater hatte es "Tout ce que j'ai enduré de 1915 à 1919" ("Alles, was mir zwischen 1915 und 1919 widerfahren ist") genannt. Es war auf Türkisch verfasst, nutzte aber das armenische Alphabet. Ich habe es übersetzen lassen, und beim Lesen bekam ich einen großen Schock. Da stand Schwarz auf Weiß, was meine Eltern nie verbalisieren konnten, was ich aber ständig in meiner Kindheit gespürt hatte. Ich hatte schon eine erste Psychotherapie hinter mir. Aber das Tagebuch meines Vaters war für mich ein solcher Schlag, dass ich eine zweite Therapie anfangen musste.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Armenier durch den Völkermord verloren?

Altounian: Vor allem Bindungen. Die Bindung zum Land, das einmal ihre Heimat war. Dann ihre Kultur. Ich bin armenischsprachig aufgewachsen, kann aber komplexe Verhältnisse in meiner Muttersprache nicht ausdrücken. Oft denke ich, dass ich an meinem Armenisch arbeiten müsste. Aber ich tue es nicht, weil das heißen würde, in einer Melancholie zu ertrinken. In einer Melancholie, die durch Zerstörung entstand, weil durch den Völkermord die Fähigkeit verloren ging, Gedanken auf Armenisch zu artikulieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind der Meinung, dass erst die zweite oder dritte Generation die Wörter findet, um über ein kollektives traumatisches Erlebnis zu berichten. Wieso?

Altounian: Die Generation der Überlebenden ist hilflos: Sie besitzt weder die Kultur, noch die Sprache, das Geld, oder die Beziehungen, um ein Trauma aufzuarbeiten. Ich musste mir zunächst die Sprache meines Gastlandes, also Französisch und die französische Kultur aneignen, um Wörter zu finden, die die Komplexität dieses Völkermordes wiedergaben. Deswegen braucht Aufarbeitung zumindest eine Generation - und ein Gastland, das bereit ist, diese Geschichte aufzunehmen.

Armenier in einem Camp in Syrien, undatiertes Foto
REUTERS

Armenier in einem Camp in Syrien, undatiertes Foto

SPIEGEL ONLINE: Gilt das auch für die Täterseite?

Altounian: Ich glaube schon. Der Enkel von Cemal Pascha, einem der Hauptverantwortlichen des Völkermordes, hat ein Buch über seinen Großvater geschrieben. Eine türkische Menschenrechtlerin, Fethiye Cetin, hat im Buch "Meine Großmutter" die Geschichte ihrer Oma erzählt, die kurz vor dem Tod zugegeben hatte, Armenierin zu sein. Nach der Veröffentlichung des Buches bekam Cetin unzählige Briefe, von Türken, die ihr ähnliche Geschichten erzählten. Es waren die Nachkommen jener Frauen, die während des Völkermordes vergewaltigt oder zwangsverheiratet worden waren. Was für ein Glück, dass diese Frauen ihre Kinder trotzdem geboren haben! Sie trugen sozusagen eine politische Bombe in ihrem Leib - die aber erst später wirkte. Denn die Kinder können jetzt diese Geschichte erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihr persönliches Trauma durch Psychoanalyse und durch Ihre Bücher aufarbeitet. Ist es möglich, am Ende zu einer Heilung zu kommen?

Altounian: Heilung bedeutet mir nicht viel. Das Trauma, das ein Völkermord hinterlässt, ist nicht heilbar. Aber ja: Je älter ich werde, desto mehr empfinde ich mein Erbe als Reichtum. Durch die Vergangenheit meiner Eltern habe ich zum Beispiel die Überlebenskunst erlernt - die Fähigkeit, aus wenig das Beste zu machen. Wenn ich mit Menschen spreche, die ein solches Trauma nicht erlebt haben, denke ich, dass ich das Leben eigentlich besser kenne. Ich habe gelernt, mein Erbe zu lieben.

SPIEGEL ONLINE: 2013 sind Sie zum ersten Mal in die Türkei gereist und haben in Bursa das armenische Viertel besucht, wo das Haus ihrer Großmutter stand.

Altounian: Ich wollte unbedingt die Orte sehen, von denen meine Großmutter sprach. Orte, von denen ich ahnte, dass sie dort glücklich gewesen war. Doch als ich im armenischen Viertel stand und die verfallenen Häuser sah, brach ich zusammen. Ich habe zum ersten Mal physisch verstanden, was es heißt, deportiert zu werden. Ich bin gleich abgereist - weil ich sonst verrückt geworden wäre.

SPIEGEL ONLINE: Die türkische Regierung weigert sich nach wie vor, von "Völkermord" zu sprechen.

Altounian: Auch wegen der aktuellen Repressionen unter Erdogan werde ich vor meinem Tod wohl nicht mehr in die Türkei reisen. Trotzdem war dieses Land einmal meine Heimat. Wenn die Türkei den Völkermord an den Armeniern zugeben würde, könnte so viel passieren: Man würde Verbindungen schaffen, man könnte einen kulturellen Austausch in Gang setzen. Mein Traum wäre es, armenische Repräsentanten im türkischen Parlament zu sehen.



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pragmat 11.09.2016
1. Distanzierung
Dass sich die Bundesregierung von dem anderen Verfassungsorgan, dem Bundestag, distanziert, ist an sich keine Neuheit. Etliche Regierungen vor Merkel haben gemacht was sie wollten und den Bundestag reden lassen. Bemerkenswert ist die öffentliche Distanzierung aber doch, denn sie ist durchaus gewollt. Die verfolgt zwei Ziele. Zum Ersten wird der Türkei signaliert, dass die Politik der Kaiserzeit Wilhelm II uangefochten weiterläuft, mit der die Türken den Völkermord erst begehen konnten. Die Deutschen waren wie bekannt die Verbündeten und die Armenier waren die Verbündeten Russlands im 1. Weltkrieg. Die Vernichtung der Armenier war die Blaupause für den Vernichtungskrieg ab 1941 in Russland. Zweitens wird den Türken signaliert, dass der Völkermord keine rechtlichen Folgen wie der Mord an den Juden, der Holocaust, haben wird. Wer den Völkermord an den Armeniern leugnet, wird nicht strafrechtlich verfolgt, es wird keine Gutmachung geben, die Opfer können keine Schadensersatz geltend machen usw. Das ist eben die Wortklauberei der Bundesregierung im 21. Jahrhundert wert. Sie nimmt die Türken und Deutschen aus der Verantwortung, dank Frau Merkel.
spon_3419369 11.09.2016
2. Die Doppelzüngigkeit der Union
Herr Seibert eiert rum wie gewohnt. Doch was er diesmal zu sagen hat (so er je etwas zu sagen haben sollte) grenzt an das, was man eine infame Lüge bezeichnen würde. Er "distanziert sich in keiner Weise" von dem BT Referendum i.S. Armenier und Völkermord, gleichzeitig stellt er aber ausdrücklich fest, was ohnehin jeder wußte: Das Referendum ist eh "nicht rechtsverblindlich". Ein solcher Zungensalto ist wohl zuletzt zu Zeiten Adenauer geleistet worden.... was geht mich mein Geschwätz von vor 10 Sekunden an? Deutschland bleibt eben Deutschland!
Heitgitsche 11.09.2016
3. Heimat?
Auch deutsche Vertriebene fühlen ähnlich. Der Begriff Heimat ist in diesem Land so negativ besetzt, dass die Empathie mit Vertriebenen generell fehlt. Die Welt ist globalisiert, Rückkehr in die Heimat wird als Abschiebung bezeichnet, Heimat ist "ewig-gestrig" und reaktionär. Nur die menschliche Seele spielt häufig nicht mit. Die Armenier sind ein großes Vorbild.
r.brinkmann.1978 11.09.2016
4.
Schade, das die Bundesregierung bei der Abstimmung nicht anwesend war und abgestimmt hatte. Kein anderes Land, so wie die BRD für seine Vergangenheit gebüßt. Bis Heute. Das Umbringen von Menschen und das in Massen, ist ein Völkermord. Fast jedes Land, hat Minderheiten und Menschen umbringen lassen. Entweder auf diese oder auf eine andere Weise. Stalin, tat dies, in dem er MEnschen verhungern ließ um seine Armee zu modernisieren. Italien unter MUssolini tat es in Lybien und pferchte die Araber in Lager ein. So auch die Engländer, Menschen wohl als 1. Land in Lager einsperrte beim Buren Aufstand in Südafrika. DIe US Amerikaner, haben ganze Indianerstämme ausgerottet....Und haben kein furcht, Atomwaffen einzusetzen oder Kampfpanzer in den Krieg zu schicken. Nur, die deutschen Bundesregierungen, Klassifizieren Fregatten zu Fregatten obwohl es Kreuzer wären. Warum, knickt Frau Merkel vor HErrn Erdogan ein!? Weil man angeblich auf Herrn Erdogan angewiesen ist. Obwohl mindestens noch einen 2. Weg aus der Misere gäbe. Den 3. Weg, haben die US Amerikaner vor Jahren verspielt. Und die Alliierten direkt nach dem Weltkrieg I, als man Grenzen willkürlich zog und Franzosen, wie auch Engländer ihre Interessen schützten. Der 2. Weg wäre, wenn man das Königreich Jordanien um unterstützung bitten würde, damit man dort Flugzeuge stationeren könnte. Jordanien, müsste mehr finanzielle Mittel geben, damit sie die Flüchtlinge besser unterbringen und versorgen könnten. Und....Es muss bereits darüber diskutiert werden, wie Syrien wieder aufgebaut werden muss. Leider, hat Frau Merkel kein vernünftiges Rückgrat. Wie viele Politiker keines mehr haben. Müssen wir einem Despoten, namens Erdogan den Roten Teppich ausrollen und vor ihm auf die Knie gehen? Muss bei einem diplomatischem Empfang, die türkische Fahne 4 mal größer sein als die anderen? Die Türkei, muss sich seiner Vergangenheit stellen. In Deutschland, war und ist es nicht einfach. Aber man hat sich der Vergangenheit gestellt und man ist mit Israel enger befreundet als denn je. Nur mit dem Unterschied, das die Türkei Mitglied der NATO ist. Und verhält sich eigentlich kein Verbündeter...
julian_b 11.09.2016
5. Die Erklärung
der Bundesregierung über den Beschluss des Bundestags ist mehr als peinlich und eine Verleugnung eines Genozids mit 1,5 Mio. Toten. Darüber regt sich SPON interessanterweise aber weniger auf, als über die Tatsache, ob eine Frau Dr. Petry den Begriff 'völkisch' verwendet oder nicht. Also doch ein Sprachrohr der Regierung?
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