Maxim Gorki Theater: Stuhlkreis mit Kater

Von Johan Dehoust

Sprunghaft und fragmentarisch: Armin Petras inszeniert das von seinem Alter Ego geschriebene Stück "Demenz Depression und Revolution". Ein loses Bündel tiefsitzender gesellschaftlicher Ängste - und eine Anleitung zur Selbstreflexion.

"Demenz Depression und Revolution" am Max Gorki Theater: Abbild gesellschaftlicher Ängste Zur Großansicht
Bettina Stöß

"Demenz Depression und Revolution" am Max Gorki Theater: Abbild gesellschaftlicher Ängste

Wie beginnt man einen Text über Altersdemenz? Mit einer Aufzählung prominenter Betroffener wie Inge Meysel, Gunter Sachs oder Herbert Wehner? Vielleicht mit einer Statistik, die belegt, dass in Deutschland mehr als eine Millionen Menschen betroffen sind? Oder mit dem Schlagersänger Roberto Blanco, der sich für einen Werbespot auf ein Heavy-Metal-Konzert verirrt? Egal wie man herumprobiert: Es wirkt doch unpassend, aus diffusem Wissen einen klaren Erzählstrang zu konstruieren. Obwohl es immer mehr demente Menschen gibt, weiß man relativ wenig Konkretes über diese Krankheit. Das macht Angst, es paralysiert.

Der Autor Fritz Kater hat gar nicht erst versucht, im Umgang mit diesem Thema stringent zu sein. Im Gegenteil: Er schreibt so sprunghaft, wie die Worte aus dem Mund eines dementen Patienten kommen. Und so fragmentarisch, wie sich der Forschungsstand hierzu darstellt. In seinem Theaterstück "Demenz Depression und Revolution" geht es nicht darum, eine Diagnose zu stellen, Kater sammelt Symptome. Am kommenden Freitag, dem 5. Januar, wird "Demenz Depression und Revolution" uraufgeführt, am Berliner Maxim Gorki Theater. Regie führt Intendant Armin Petras, die - das ist mittlerweile ein offenes Geheimnis - reale Person hinter dem Pseudonym Fritz Kater.

Neben der krankhaften Vergesslichkeit behandelt der Autor in seinem Stück noch zwei weitere Mythen, über die oft rätselhaft und verdruckst geredet wird: Depression und Revolution. Warum bezeichnen Manager ihr Leiden als Burnout, wenn sie eigentlich depressiv sind? Warum geben wir so ungern zu, lieber zu Hause auf der Couch zu liegen, statt für eine große Sache auf die Straße zu gehen?

Der schwarze Hund an der Seite des Torwarts

Die drei Phänomene Demenz, Depression und Revolution stehen dramaturgisch in sich jeweils abgeschlossen hintereinander. Kater untersucht sie erzählerisch mit völlig unterschiedlichen Methoden. Im ersten Teil reihen sich die Aussagen von dementen Patienten, Angehörigen, Medizinern und Pflegern wie zufällig aneinander. Schlaglichtartige, poetische Sätze. "er gießt kaffee auf den teller brot in den kaffee zeitung wird in die limo getunkt", schreibt Kater, jegliche Groß- und Kleinschreibung sowie Satzzeichen ignorierend. Die Diskurse drehen sich um Sex, Kindheitserinnerungen und Pflegeengpässe.

Danach, im zweiten Teil, geht es vor allem um einen Torwart und seine Ehefrau. Zusammen erleben sie die Stationen seiner Karriere, vom Nachwuchstalent zur deutschen Nummer eins. Persönliche Tragödien, sportliche Rückschläge und Verletzungen führen dazu, dass an der Seite des Torwarts immer häufiger ein schwarzer Hund auftaucht: Er wird ihn erst los, als er sich auf ein Bahngleis legt. Diese Figur erinnert natürlich an den früheren Nationalmannschaftstorwart Robert Enke, der unter Depressionen litt und sich vor etwas mehr als drei Jahren das Leben nahm.

Der dritte Teil führt in die sechziger Jahre: Während sich in der tschechischen Hauptstadt der Prager Frühling anbahnt, denkt ein Drehbuchautor über seine Beziehung zu seiner Ex-Gattin und seiner Tochter nach, trinkt viel Alkohol, schläft mit zahlreichen Frauen und schreibt dabei Tagebuch. Er stellt fest: "alles geht weiter auch wenn man selber nichts macht." Der Künstler schafft es nicht, den eigenen Egoismus gegenüber anderen, allgemeineren Prozessen zu überwinden. Erst langsam merkt er, was um ihn herum passiert.

So verschieden die drei Teile des Stücks "Demenz Depression und Revolution" sind: Zusammen ergeben sie ein verstörendes Abbild tiefsitzender gesellschaftlicher Ängste. Eine Anleitung zur kollektiven Selbsterkenntnis im Theatersaal. Da Armin Petras in diesem Sommer als Intendant ans Staatstheater Stuttgart wechselt, sollte man sein therapeutisches Selbsthilfe-Angebot in Berlin unbedingt annehmen.

Übrigens: Vom 15. bis 19. Januar finden am Gorki Theater die "Kater-Tage" statt, bei denen vier weitere Stücke des Autors zu sehen sein werden - teilweise zum letzten Mal.


"Demenz Depression und Revolution", Maxim Gorki Theater, Uraufführung am 5. Januar, weitere Aufführungen u.a. am 19. Januar und 6. Februar, Kartentelefon: 030/20 22 11 15.

Die "Kater-Tage" sind vom 15. bis 19. Januar. Gezeigt werden die Stücke "Zeit zu lieben Zeit zu sterben" (15. Januar), "Keiner weiß mehr 2 oder Martin Kippenberger ist nicht tot" (16. Januar), "Heaven (zu Tristan)" (17. Januar) und "We are blood" (18. Januar).

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