"Art Review"-Liste Ai Weiwei ist mächtigste Kunst-Persönlichkeit

81 Tage lang war Ai Weiwei in Haft - so brachten die Behörden den Künstler zwar zum Schweigen, doch seine weltweite Bedeutung wuchs. Nun hat das Magazin "Art Review" Ai zum einflussreichsten Menschen der Kunstwelt gewählt. Ein chinesischer Regierungssprecher protestierte bereits.

Künstler Ai Weiwei (2009): "Zeigt, wie Kunst die wirkliche Welt erreichen kann"
DPA

Künstler Ai Weiwei (2009): "Zeigt, wie Kunst die wirkliche Welt erreichen kann"


London/Peking/Hamburg - Über Listen lässt sich immer trefflich streiten. Doch dass das britische Magazin "Art Review" für die Wahl der Nummer eins seiner "Power 100"-Liste vom chinesischen Außenamtssprecher kritisiert wird, hat eine neue Qualität. Denn die alljährlich erstellte Rangfolge der 100 mächtigsten Persönlichkeiten der Kunstwelt führt in diesem Jahr Ai Weiwei an, der chinesische Künstler, der im Frühjahr wochenlang festgehalten worden war - angeblich wegen Steuervergehen.

"Art Review"-Chefredakteur Mark Rappolt erläuterte die Entscheidung für Ai Weiwei mit dem Satz: "Ai Weiwei ist ein Beispiel dafür, wie Kunst die Grenzen der Galeriemauern überwinden und die wirkliche Welt erreichen kann." In dem Magazin heißt es zur Begründung, Ais Einfluss verdanke sich der Tatsache, dass "seine Arbeit und seine Äußerungen internationale politische Debatten ausgelöst haben, die jede Nation auf dem Planeten betreffen: über Meinungsfreiheit, Nationalismus, ökonomische Macht, das Internet und die Menschenrechte."

Ai Weiwei trägt seine Kunst in die Gesellschaft - er ist ganz wesentlich ein Konzept- und Performance-Künstler. Genau das steht im Westen zurzeit hoch im Kurs. Zusammen mit seinem politischen Engagement ergab das für die Jury eine unschlagbare Mischung.

Kritiker werfen ihm dagegen vor, er habe als Künstler nicht viel zu bieten - seinen Ruhm verdanke er großenteils seinen hervorragenden Kontakten zu westlichen Medien. Für Rappolt ist das kein zündendes Gegenargument: "Alle wichtigen Künstler verdanken ihre Bedeutung bis zu einem gewissen Teil den Medien."

Um einen Kommentar zu der "Art Review"-Liste gebeten, sagte der chinesische Außenamtssprecher Liu Weimin bei einer regulären Pressekonferenz: "Es gibt in China zahlreiche Künstler, die die Fähigkeiten hätten, für das Magazin Kandidaten zu sein. Wir glauben, dass eine Auswahl, die auf politischen Vorurteilen beruht, den Prinzipien und den Ziele des Magazins widerspricht."

Ai Weiwei: "Persönliche Macht ist begrenzt"

Ai Weiwei selbst sieht in seiner Einstufung als einflussreichster Mensch der Kunstwelt eine Anerkennung freiheitlicher Werte. Es sei ein Zeichen, dass die Menschen von der Kunst erwarteten, sich frei zu äußern und eine "wichtige Rolle" in gesellschaftlichen Reformen zu spielen, sagte Ai Weiwei am Donnerstag der Nachrichtenagentur dpa in Peking. Die Auszeichnung sei eigentlich eine Würdigung bestimmter Werte.

"Ich denke, die persönliche Macht ist begrenzt", sagte Ai Weiwei. "Ein Mensch kann seinen Einfluss nur zur Geltung bringen, wenn sein Ausdruck wirksam ist. Die vorgebrachten Werte und seine Vorstellungskraft müssen von anderen geteilt werden. Insofern gehört seine Macht eigentlich all jenen, die sich mit den Werten der Kunst und der Menschlichkeit identifizieren."

Dass Ai Weiwei die "Art Review"-Liste anführt, ist noch aus einem Grund bemerkenswert - und dieser erscheint zunächst paradox: Ai ist ein Künstler - und diese stehen auf der Liste fast nie oben. Vor ihm hat das überhaupt nur ein anderer Künstler jemals geschafft: der Brit-Art-Star Damien Hirst (2005 und 2008). Unter den Top Ten 2011 rangiert nur noch eine weitere Künstlerin - die US-Fotografin Cindy Sherman auf Platz sieben. Die meisten Persönlichkeiten auf der Liste sind dagegen Sammler, Galeristen, Kuratoren und vor allem Manager des Kulturbetriebs.

So steht auf Platz neun der in New York ansässige deutsche Kunsthändler David Zwirner, der dieses Jahr zusammen mit dem Schauspieler Ben Stiller ("Nachts im Museum") eine Kunstauktion zugunsten der Erdbebenopfer in Haiti organisierte. Das stattliche Ergebnis: 13,7 Millionen Dollar. Direkt hinter Zwirner folgt die Deutsche Beatrix Ruf, die als Direktorin der Kunsthalle Zürich viel beachtete Ausstellungen organisiert. Zwirner und Ruf kommen auf der Liste noch vor dem Maler Gerhard Richter (Platz 11).

In ihre Kategorie fällt auch ein weiterer Deutscher, Klaus Biesenbach (Platz 16). Der 45-Jährige leitet eine eigens für ihn gegründete Abteilung im Museum of Modern Art (MoMA) in New York. Ebenfalls als Großmeister des Vernetzens gilt der Schweizer Hans Ulrich Obrist, Direktor der sehr überschaubaren, aber gleichzeitig sehr relevanten Serpentine Gallery im Hyde Park in London (Platz 2).

"Die Kunstwelt setzt sich zusammen aus einer großen Zahl von Netzwerken und sozialen Kontakten", erläutert Rappolt. "Es geht nicht einfach darum, wer der beste Künstler ist. Die Liste spiegelt eine komplexe Wechselwirkung von sozialen, finanziellen und gelegentlich auch politischen Interessen. Sie ist ein Versuch, das transparenter zu machen." Die romantische Vorstellung vom verschrobenen, menschenscheuen Künstler, der sich in sein Atelier zurückzieht, hat mit der heutigen Wirklichkeit meist wenig zu tun.

feb/dpa/Reuters/AP

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insgesamt 9 Beiträge
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janne2109 13.10.2011
1. ??
das halte ich für stark übertrieben, kann nur ein Kunst-Ahnungsloser geschrieben haben und solange mir nicht jemand erklärt wo er seine im Ausland erhaltene Kohle versteuert hat sind die Vorwürfe Chinas auch nicht entkräftet.
king_pakal 13.10.2011
2. --
Zitat von janne2109das halte ich für stark übertrieben, kann nur ein Kunst-Ahnungsloser geschrieben haben und solange mir nicht jemand erklärt wo er seine im Ausland erhaltene Kohle versteuert hat sind die Vorwürfe Chinas auch nicht entkräftet.
Diese Nachricht kann man getrost als Teil der Propaganda gegen China beurteilen.
artpate 13.10.2011
3. Der Sinn von Rankings und Listen, ist welcher?
Diese Jahr für Jahr erscheinende Liste erschließt sich mir immer noch nicht. In den letzten Jahren tauchten im ranking auch die Banken UBS, Deutsche Bank und die Suchmaschine Google auf. Außer das man erkennt wer eigentlich das Sagen im Kunstmarkt hat, ist die Aussagekraft gleich Null. Das Ai Weiwei auf Platz 1 erscheint, ist ein geschickter PR-Schachzug. Denn nun sind beide Seiten, der Künstler selbst und das Magazin weltweit im Gespräch. War ja schon fast zu ruhig um den chinesischen Künstler geworden. Die Top-100 kann man sich hier komplett ansehen: http://www.artinfo24.com/shop/artikel.php?id=818
BrunoGlas 13.10.2011
4. Ai Weiwei's Kunst als Ideenlawine.
Alles ist leicht verständlich, wenn auch der letzte Kritiker akzeptiert, dass mit dem Begriff Kunst nicht das gerahmte Bild in klassischer Komposition und Goldrahmen an der Wand gemeint ist. Dies ist schon lange, spätestens seit den Zeiten Marcel Duchamps, vorbei. Letztlich geht es um Kunst als Kumulation von Ideen und als gesteuerter Impuls von Gedanken, die auf die Wirklichkeit losgelassen werden. Entscheidend dabei ist, ob eine anfangs nur homöopathisch schwach angereicherte Idee sich fortan immer stärker Bahn quer durch die Medienlandschaft verschafft. Kunst sozusagen als hohe Schule der Kommunikation, und dies im Weltmaßstab. Aber im Grunde war dies immer schon so. Auch die Gemälde des berühmten Rembrandt funktionieren über die in seinen Bildern eingebauten subtilen Metainformationen, die uns gefühlsmäßig erfassen, aber nicht bewusst sind, bzw. nur schwer rational erklärbar sind, oder sich einer methodischen Auslegung ganz widersetzen. Berühmtheit als Ergebnis des Widerspruchs mit sich selbst. Diese nur schwer vermittelbare persönliche Ergriffenheit und menschliche Präsenz des künstlerischen Ausdrucks liegt auch dem Werk Ai Wie Wei's zugrunde. Letztlich lenkt er unseren Blick immer zuerst auf das kleine subtile Element, z. b. das einzelne Reiskorn aus gebranntem Ton, das dann zur Ideenlawine wird, als Metainformation für Freiheit und für Kommunikation schlechthin. Angesichts seines Hintergrundes und im Widerspruch zur politischen Wirklichkeit seines Landes, rauschen seine Ideen natürlich durch die westlichen Medien, Preissteigerung auf den Kunstmärkten inklusive. Aus Ideen werden ökonomische Werte und umgekehrt, je widersprüchlicher, umso besser. Bruno Toussaint
NeZ 18.10.2011
5. "nicht verstanden"
Zitat von BrunoGlasAlles ist leicht verständlich, wenn auch der letzte Kritiker akzeptiert, dass mit dem Begriff Kunst nicht das gerahmte Bild in klassischer Komposition und Goldrahmen an der Wand gemeint ist. Dies ist schon lange, spätestens seit den Zeiten Marcel Duchamps, vorbei. Letztlich geht es um Kunst als Kumulation von Ideen und als gesteuerter Impuls von Gedanken, die auf die Wirklichkeit losgelassen werden. Entscheidend dabei ist, ob eine anfangs nur homöopathisch schwach angereicherte Idee sich fortan immer stärker Bahn quer durch die Medienlandschaft verschafft. Kunst sozusagen als hohe Schule der Kommunikation, und dies im Weltmaßstab. Aber im Grunde war dies immer schon so. Auch die Gemälde des berühmten Rembrandt funktionieren über die in seinen Bildern eingebauten subtilen Metainformationen, die uns gefühlsmäßig erfassen, aber nicht bewusst sind, bzw. nur schwer rational erklärbar sind, oder sich einer methodischen Auslegung ganz widersetzen. Berühmtheit als Ergebnis des Widerspruchs mit sich selbst. Diese nur schwer vermittelbare persönliche Ergriffenheit und menschliche Präsenz des künstlerischen Ausdrucks liegt auch dem Werk Ai Wie Wei's zugrunde. Letztlich lenkt er unseren Blick immer zuerst auf das kleine subtile Element, z. b. das einzelne Reiskorn aus gebranntem Ton, das dann zur Ideenlawine wird, als Metainformation für Freiheit und für Kommunikation schlechthin. Angesichts seines Hintergrundes und im Widerspruch zur politischen Wirklichkeit seines Landes, rauschen seine Ideen natürlich durch die westlichen Medien, Preissteigerung auf den Kunstmärkten inklusive. Aus Ideen werden ökonomische Werte und umgekehrt, je widersprüchlicher, umso besser. Bruno Toussaint
Mehr habe ich von Ihrem Beitrag nicht verstanden. (Ich glaube, dieses Forum ist der falsche Ort für soviel Niveau.)
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