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Kunstmesse in Singapur: "Versuchen Sie das mal im Westen!"

Ein Interview von

Art Stage Singapore: Ein weißer Ferrari zwischen Kakerlaken Fotos
Anne Haeming

Kunstmesse ist nicht gleich Kunstmesse: Wie das Gewerbe in Südostasien funktioniert, erzählt Lorenzo Rudolf, Gründer der Art Stage Singapore. Er muss es wissen - in den Neunzigerjahren hat er bereits die Art Basel umgekrempelt.

Zur Person
  • Anne Haeming
    Lorenzo Rudolf (*1959) ist Gründer und Direktor der Art Stage Singapore. Mit Kunstmessen kennt der Schweizer sich aus: Er leitete zehn Jahre die Art Basel, launchte die Art Miami - und dann drei Jahre lang die Frankfurter Buchmesse.
SPIEGEL ONLINE: Herr Rudolf, gerade läuft die "Art Stage Singapore", die Sie 2010 gegründet haben. Wie unterscheidet sich diese Kunstmesse von einer in Europa oder Nordamerika?

Rudolf: Im Prinzip machen wir eine Kunstmesse für einen Markt, den wir selber erst aufbauen müssen, damit die Messe überhaupt funktionieren kann. Das fängt damit an, dass in einigen Ländern Künstler keine Galerie haben - weil es gar keine gibt. Heißt, ich kann Galerien also auch keinen Stand vermieten. Wir müssen uns hier komplett neu erfinden.

SPIEGEL ONLINE: Moment, keine Galerien?

Rudolf: Nehmen Sie Indonesien: Dort gibt es mit Abstand den größten Kunstmarkt Südostasiens mit Dutzenden von Top-Künstlern, Hunderten von Sammlern. Der Inlandsmarkt geht bei gewissen Künstlern in die Millionen Dollar, Galerien brauchten sie dort nie. Und nun kommen die Künstler zu mir und sagen: Wir möchten international Karriere machen - kannst du uns helfen? Wir fragten uns: Was ist eigentlich die Aufgabe einer Kunstmesse? Galerien zu protegieren? Oder eine Kunstszene zu unterstützen?

SPIEGEL ONLINE: Sie klingen wie ein Entwicklungshilfeminister.

Rudolf: Nein, es geht darum, sich Situationen anzupassen. Wir haben daher eine Schau mit den wichtigsten Künstlern Indonesiens organisiert, die Künstler selbst waren die Partner der Messe, sie haben selber verkauft. Versuchen Sie das mal im Westen! Unser Job ist, die Kunstszene hier zu unterstützen, Strukturen aufzubauen - und parallel die Bevölkerung zu erziehen, ihnen zeitgenössische Kunst nahebringen.

SPIEGEL ONLINE: Ganz schön paternalistisch.

Rudolf: Gut, "erziehen" ist vielleicht nicht das richtige Wort. Sagen wir so: Es geht darum, Leuten mit einer anderen Kultur- und Kunstgeschichte zu erklären, was zeitgenössische Kunst sein kann.

SPIEGEL ONLINE: Was ist wichtiger: den südostasiatischen Künstlern ein internationales Forum zu bieten oder den Kunstmarkt dort zu internationalisieren?

Rudolf: Das eine geht nicht ohne das andere. Aber wir haben eine Verantwortung gegenüber dem hiesigen Kunstmarkt und müssen versuchen, die Kunstszene zu promoten.

SPIEGEL ONLINE: Sie leiteten zehn Jahre die Art Basel, starteten die Art Miami. Haben die drei Städte etwas gemein?

Rudolf: Fast nichts. Um erfolgreich zu sein, müssen Sie etwas Einmaliges schaffen. Letztlich geht das überall, wenn man es richtig macht. Miami etwa war ja nicht gerade als Kulturstadt bekannt. Aber das Ambiente drumherum war attraktiv.

SPIEGEL ONLINE: Was genau?

Rudolf: Miami Beach - ein Juwel. Die Architektur ist einmalig, die größte Fußgängerzone der Welt, da ist eine lockere Partyatmosphäre möglich. Wir wussten: Der Ableger soll in Amerika sein und eben nicht Basel spiegeln. Basel ist seriöser, der neue Standort sollte mehr an Venedig erinnern, wo sich alles um Freude dreht. Heute, zehn Jahre später, ist Miami unter den zehn führenden Kulturstädten in Amerika. Mit der Kreativszene kamen die Immobilieninvestoren. Auch das kann eine Messe bewirken

SPIEGEL ONLINE: Wachstum schaffen: Auf diesen Effekt bauen Sie in Singapur?

Rudolf: Nun, ganz Südostasien ist im Wachstum begriffen. Der Vorteil von Singapur: Es ist das Zentrum dieser Region, es ist multikulturell, politisch stabil, reich, hat eine Infrastruktur. Und eben noch keine so dominante Kunstszene, dass daneben keine andere Platz hat.

SPIEGEL ONLINE: Und was spräche gegen Hongkong oder Kuala Lumpur?

Rudolf: Hongkong wäre die andere Möglichkeit. Als Tor zu China, dem Markt der Zukunft, umgeben von Ländern wie Japan, Taiwan, Korea. Die einzigen der Region, die während des Kalten Krieges auf der Seite des Westens standen, was bedeutet: Die kunstgeschichtliche Entwicklung hat dort parallel zum Westen stattgefunden.

SPIEGEL ONLINE: Und trotzdem sind Sie in Singapur.

Rudolf: Mir geht es nicht darum, die größte Messe der Welt zu machen und den Erfolg nur zu verwalten. Mir gefällt, dass ich hier vor einer Herausforderung stehe. Wir sind mehr als eine Messe, sondern Teil der Entwicklung einer Region. Diese Stadt möchte zum Zentrum für zeitgenössische Kunst werden.

SPIEGEL ONLINE: Gegen Singapur heute muss Basel 1991, als Sie dort anfingen, erst Recht verschnarcht gewirkt haben.

Rudolf: Aber Basel hatte eine lange Geschichte als Kunststadt. Und das Bewusstsein für Kunst. In den Sechzigerjahren bewirkte eine Volksinitiative, dass die Stadt dem Museum Geld für zwei Picassos gab, damit es nichts aus der Sammlung verkaufen musste. So etwas ist einmalig. Trotzdem: Hätten wir die Messe nicht radikal umgekrempelt, wäre Basel nicht zu einer solchen Marke geworden.

SPIEGEL ONLINE: Was ist der größte Unterschied zwischen Kunstmessen damals und heute?

Rudolf: Früher war man eigentlich nur Vermieter von irgendwelchen Flächen. Mit der Kunstmarktkrise der Neunzigerjahre haben wir bewusst den Sammler, nicht den Galeristen in den Mittelpunkt gestellt. In anderen Branchen muss man Messen besuchen, um die neuesten Trends zu kennen. Das ist bei Kunst nicht so. Also machten wir ein Social Event draus. Dazu kommt: Der Kunstmarkt ist ein Spiegelbild einer gewissen Gesellschaftsschicht. Die hat sich geändert - und zwar massiv.

SPIEGEL ONLINE: Weil Kunst nun als Investment gilt und nicht nur als Liebhaberei?

Rudolf: Ja, in den Achtzigern ging es null ums Investment. Anders als damals sammelt man heute nicht mehr mit Konzept, geht nicht zu Galerie X in Wuppertal und Galerie Y in Verona, weil die "meine" Künstler vertreten. Auf der Messe gibt es alles auf einmal, gekauft wird, was im Trend ist. Und das Sehen-und-Gesehen-Werden gehört auch dazu. Dass sich eine Kluft zwischen Reich und Arm auftut und die Mittelschicht kleiner wird, zeigt sich auch bei uns.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist der Markt nicht auch offener?

Rudolf: Natürlich erleben wir eine Demokratisierung. Man kann heute in zeitgenössische Kunst ohne einen Rucksack an Wissen einsteigen. Sammler heute sind die mit dem neuen Geld, die sich den Spaß gönnen. Kunst ist ein Lifestyle, der Kunstmarkt ähnelt dem Luxusgütermarkt.

SPIEGEL ONLINE: Nervt Sie das?

Rudolf: Das ist irrelevant. Aber wir sind heute an einem Punkt, an dem wir wieder mehr Inhalt in der Kunstwelt brauchen. Schauen Sie sich in den Medien um: Wo finden Sie noch richtig tiefgehende Kunstkritiken? Liest ja auch keiner mehr. Heute gibt es Rankings: die beste Galerie, der einflussreichste Kurator, der teuerste Künstler. Aber nur mit dem Blick auf die Zahlen kann es nicht mehr weitergehen. Kunst ist ein Kulturgut. Und keine Rolex.

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