Art Urbain Die kessen Fafinetten von Paris

Verführerisch locken sie von grauen Häuserwänden: Die unschuldig-erotischen Mädchen der Graffiti-Künstlerin Fafi sind längst über die Pariser Vororte hinaus bekannt. Die 30-Jährige träumt von einer idyllischen Traumwelt inmitten des Großstadt-Dschungels.

Von Anna Georgiev


Flüchtig huscht sie an mir vorbei, die Treppe hoch. Ihre Hose ist genau richtig, etwas zu kurz, und ihre langen Beine machen mir Hoffnung. Sie schaut verheißungsvoll zurück, spitzt die Lippen als wolle sie sagen, dass ich ihr folgen soll. Das war im Sommer 2005 auf Korsika. In Mexiko treffe ich sie wieder. Erinnert sie sich an mich? Sie lächelt kokett und errötet dabei leicht, als ob sie sich ihrer stehenden Brustwarzen mehr als bewusst ist. Die Schattierungen auf ihren Wangen ähneln kleinen Herzen.

Wieder zu Hause in Paris scheint sie bereits auf mich zu warten. In der Rue Menilmontant im 20. Arrondissement zwinkert Sie mir zu. Eigentlich ist sie überall präsent, doch nirgends greifbar. Denn die Frau, um die es sich handelt, ist nur eine Idee auf grauem Beton und langen Mauern. Entworfen hat sie Fafi, eine französische "Art Urbain"-Künstlerin.

Aufgewachsen ist die heute 30-Jährige in der südfranzösischen Stadt Toulouse, die damals eine aktive und innovative Sprayerszene beherbergte. Als junges Mädchen war sie fasziniert von der rauen Welt des Graffitis, von den Jungs, die mit ihrem Namen ihr Revier markierten und deren Schriftzug stolz verkündete: "Das ist meine Stadt und ich bin ein Teil von ihr."

Mit 18 begann sie erste eigene Versuche auf Beton zu wagen. Sie waren noch sehr skizzenhaft, nahezu plump. Fafi arbeitete hartnäckig und zielstrebig weiter. Ganze Nächte verbrachte sie über ihrem Skizzenblock oder mit Pinseln und Farbtöpfen auf Hausdächern und Hinterhöfen. Einige Male wurde sie wegen ihrer Sprühaktionen von der Polizei angehalten und in Gewahrsam genommen. Dieses Risiko ging sie jedoch bewusst ein, denn die Gefahr, erwischt zu werden, birgt einen gewissen Reiz.

Heute geht sie nicht mehr still und leise ans Werk, sondern macht aus ihrer Arbeit eine Inszenierung. An Sonntagnachmittagen zieht sie los, packt auf öffentlichen Plätzen ihre Utensilien aus und malt mit einer gespielt unschuldigen Seelenruhe. Probleme mit Passanten oder der Polizei hat sie dabei kaum. Am helllichten Tag wird kein Delikt auf öffentlicher Straße vermutet - noch dazu von einer jungen Frau. Auch die Ungewissheit, wie lange ihre Kunst bestehen mag, nimmt sie bei jedem Bild neu in Kauf. Die Garantie, dass ein neues Werk nicht kurze Zeit später mit Plakaten überklebt oder mit neuen Graffiti überschmiert wird, gibt ihr niemand. Die längste Überlebensdauer eines ihrer Werke betrug drei Jahre.

Diese Situation beschreibt Fafi liebevoll mit dem Wort "Eintagsfliegenkunst". Doch ist es für sie ein Zeichen von Respektlosigkeit und Ignoranz, mit einem schnellen Schriftzug, einem "Tag", ein Bild in Sekunden lieblos zu zerstören. Einmal hat sie zwei Sprayer erwischt, die ein Bild ihres Freundes beschädigten. Die beiden mussten sich eine erhitzte Moralpredigt anhören. Selbst Passanten blieben stehen. "Die Jungs haben sich ordentlich unwohl gefühlt. Mir hat das auf jeden Fall gut getan." erinnert sie sich.

Über die Jahre hat Fafi einen markanten Stil und spezifische Charaktere entwickelt, die sie abgeleitet von ihrem Namen auf Fafinetten getauft hat. Es sind unschuldig-erotische Mädchen. Simpel in der Aussage stehen sie als Symbol gegen die Aggressivität der Großstadt. Einigen Frauen jedoch sind die Fafinetten zu nackt und zu anzüglich. Das Bild der Frau in der Gesellschaft, lautet ihr Urteil, werde aufs Neue nur auf Äußerlichkeiten reduziert.

Künstlerin Fafi: "Feministinnen hassen mich"
Fafi

Künstlerin Fafi: "Feministinnen hassen mich"

"Das sind Feministinnen, die hassen mich", sagt Fafi lachend. Getroffen fühlt sie sich von der Kritik nicht. Es gehe ihr nicht darum, körperlich-perfekte Frauen darzustellen. Vielmehr träumt sie davon eine Gemeinschaft zu kreieren, in der sich jene Mädchen unter vielen anderen Geschöpfen bewegen. Ein solcher Wegbegleiter ist Hmilo, ein traurig-treues Geschöpf ähnlich einem Wal. Fafi hatte ihn auf einer Zugfahrt von Marseille nach Toulouse entworfen. Er bürstet den Mädchen mit seinen Zähnen die Haare und erlaubt ihnen, auf seinem Rücken zu reiten.

Es gibt noch weitere solcher Gefährten, sie heißen Birtak oder Birdili. Verfolgt man die Arbeit Fafis von ihren Ursprüngen an, beobachtet man die Entstehung einer zunehmend komplexen Phantasiewelt. Die bestehenden Charaktere werden über die Jahre immer ausdrucksstärker, neue Wesen erweitern den Kosmos. Eine fafinette Welt ist im Entstehen, die sich zunehmend in den Großstädten Frankreichs ausbreitet. Die meisten Artworks der Künstlerin finden sich im Pariser Raum. Fafi hat jedoch aufzahlreichen Reisen ihre Spuren hinterlassen, so dass man ihren Fafinetten auf nahezu allen Kontinenten begegnet. Auch auf der Berliner Mauer hat sie sich verewigt - mit einem Mädchen mit schwarz-rot-goldenem Haar.

Inzwischen sind die Fafinetten auch von ihren grauen Wänden herabgestiegen und sind in Ausstellungen in New York und Paris unterwegs oder erkunden die Textilindustrie. Auf Fafis Internetseite findet sich neben zahlreichem Grafikmaterial und Fotoserien ein Shop, in dem man Accessoires und Kleidung mit Fafinetten-Motiven kaufen kann.

Doch mittlerweile geht es auch um andere Größenordnungen. Der Sportartikelhersteller Adidas produziert eine eigene Fafi-Linie in rosa, Coca Cola gibt ebenfalls eine Sonderedition heraus. Der Erfolg kommt nicht von ungefähr: Fafis Geschöpfe besitzen genau die Eigenschaften, die heute in der Werbebranche gefragt sind. Die Figuren sind hip, jugendlich und propagieren ein friedliches Miteinander im Großstadt-Dschungel. "Art Urbain" vermarktet sich gut, die Stimmen der Kritiker größtenteils verstummt.

Manche Graffiti-Künstler werfen Fafi dennoch vor, dass sie sich kommerzialisieren lasse. Die Grundzüge der "Art Urbain"-Bewegung basieren nicht wie der konventionelle Kunstmarkt auf dem Prinzip der Vermarktung, sondern auf der freien Zugänglichkeit für jeden. Verkauf und Ausstellung gelten bei manchen folglich als Verrat. Der Brite Banksy, Übervater der Szene, ist dogmatisch in seinen Moralvorstellungen: "Ich verkaufe keine T-Shirts. Ich käme mir dabei vor, als ob ich Guerillamarketing für ein Fashionlabel machen würde".

Doch solch ideologischen Kriegsschauplätzen scheint Fafi komplett entrückt zu sein. In einem Manifest, das sie auf ihrer Website veröffentlicht hat, träumt sie von einem "chef d'œuvre", einem Meisterwerk der Kunst. Ihre versponnene Welt soll sich in alle Himmelsrichtungen ausbreiten und einen geheimnisvollen Raum erschaffen. Eine Mischung aus Videoprojektor und Nebelmaschine, stellt sie sich vor, soll ihre Bilder auf feinen Dampf projizieren, der sich dann im Raum fortbewegt und die Grenzen zwischen Abstraktion und Realität verschwimmen lässt. Die Idee ist gut, die Welt vielleicht noch nicht bereit.



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