DDR und Vietnam "Ich wollte die Welt sehen und landete in der Fabrik"

Ganz nebenbei ein hartnäckiges Vorurteil widerlegen: Aufschlussreich erzählt der Theaterautor Thomas Köck in seiner Kalter-Krieg-Familiengeschichte zwischen DDR und Vietnam von der Gegenwart.

Rolf Arnold/ Schauspiel Leipzig

Von Christine Wahl


Der Regisseur Claus Peymann, bis vor Kurzem Intendant des Berliner Ensembles und zumindest jenseits der Bühne immer ein Garant für erstklassige Unterhaltung, hat jungen Theaterautoren mal ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt. Was er da lese, sei die "reine Flucht ins Private", stöhnte der mittlerweile 81-Jährige in einem Interview. Es ginge nur um Probleme, die "die Autoren mit ihrer Großmutter haben oder dem Papi oder ihrem Pimmel".

Dass diese Diagnose schon ein paar Jahre alt ist, tut für viele nichts zur Sache. Sie wird trotzdem gern wiederholt. Der Befund klingt dort nur ein bisschen stärker um Diskursfitness bemüht. Neuen Theatertexten fehle es, sofern sie nicht gerade von Elfriede Jelinek stammten, an "Welthaltigkeit", heißt es dann zum Beispiel. Die Autorinnen und Autoren betrieben reine "Nabelschau".

Liest und sieht man tatsächlich regelmäßig neue Theaterstücke, kann man das bestenfalls als leicht ignorante Ferndiagnose verbuchen. Offenbar wurde der vermeintliche Patient schon länger nicht mehr wirklich in Augenschein genommen.

Kind vietnamesischer Vertragsarbeiter

Das Schauspiel Leipzig jedenfalls hat mit "atlas" gerade wieder ein Stück uraufgeführt, das tatsächlich kaum "welthaltiger" sein könnte. Es fächert eine über drei Generationen reichende Familiengeschichte auf, zwischen Ost- und Westdeutschland, Nord- und Südvietnam, Kaltem Krieg und ewig zeitlosen Großflughäfen. Und erzählt ganz nebenbei, völlig unpädagogisch und moralinsäurefrei, ziemlich aufschlussreich über unsere Gegenwart. Geschrieben hat diese exemplarische Familiengeschichte der 31 Jahre alte Thomas Köck.

"atlas" beginnt am Tan Son Nhat International Airport, Vietnams größtem Flughafen. Also dort, wo die ewig gleichen Toblerone-Pyramiden und Parfümschriftzüge den Charme vollkommener Orts-, Zeit-, Geschichts- und Gesichtslosigkeit versprühen.

An diesem Flughafen sitzt eine namenlose Tochter fest. Sie ist auf dem Weg zu ihrer Großmutter, die sie nicht kennt. Und entpuppt sich im Laufe des Abends als Kind vietnamesischer Vertragsarbeiter, die in den späten Siebzigerjahren nach Leipzig delegiert wurden. Ins "Bruderland" DDR, wie das auf Realsozialistisch hieß.

Unbekanntes Terrain

Das Regierungsabkommen zwischen der DDR und der Sozialistischen Republik Vietnam, das Thomas Köck hier behandelt und das unter dem angemessen hölzernen Motto "Solidarität durch Ausbildung" Tausende solcher "Vertragsarbeiter" nach Ostdeutschland führte, gilt in der Bühnenkunst bisher als ziemlich unbekanntes Terrain.

Lediglich die Dokumentartheatertruppe Rimini Protokoll ließ Betroffene vor zehn Jahren am Staatsschauspiel Dresden schon einmal sehr einprägsam darüber erzählen, wie hart die Hoffnungen der jungen Vietnamesinnen und Vietnamesen de facto mit der DDR-Realität kollidierten.

"Ich wollte die Welt sehen", heißt es auch bei Köck, "und landete in der Fabrik". Und anschließend, nach Schichtende, in einem Vierbettzimmer im Plattenbau, mit vorgeschriebenem Tagesablauf und ellenlangem Verbotskatalog. "Schwangerschaften, aber das nur am Rande, führen zum Vertragsbruch und damit zur Heimreise; genauso wie Verletzung oder andere produktivkraftmindernde Anlässe". Die Szene, in der die privat-verzweifelten und oft tödlich endenden Schwangerschaftsabbrüche mit Kleiderbügeln beschrieben werden, gehört zu den härtesten des Abends.

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"atlas"-Uraufführung in Leipzig: Die bittere Aktualität

In Köcks Stück setzen sich zumindest zwei Figuren - "eine Vertragsarbeiterin" und "ein Übersetzer" - über das Familiengründungsverbot hinweg. Sie halten die Tochter geheim und fallen schließlich aus allen Kontexten heraus, als sich 1989 auf den Straßen dieses deutsche "Wir" zu artikulieren beginnt.

Die Migrations- und Fremdheitserfahrung wiederholt sich in der Geschichte, die die Tochter von ihrer schließlich gefundenen Großmutter erfährt: Sie gehörte zu den Boatpeople, die in Köcks Stück ohne didaktischen Zeigefinger tagesaktuelle Flüchtendenbilder heraufbeschwören.

DDR und BRD, Nord- und Südvietnam, Tochter, Mutter und Großmutter bespiegeln sich stets gegenseitig in Thomas Köcks "atlas". Und entwickeln so, völlig unaufdringlich, eine kluge Reflexion über historische Bedingungen und Wiederholungsstrukturen. Darüber, wie Zeiten - und ihre Protagonistinnen und Protagonisten - Menschen einfach auszuschließen scheinen aus ihren Geschichtsläufen.

Bühne ist wichtigster Akteur

Weil Köcks Stück zudem auch sprachlich hochklassig ist, tut der Leipziger Uraufführungsregisseur Philipp Preuss gut daran, ihn weitgehend eingriffsfrei wirken zu lassen. Neben den Schauspielerinnen Ellen Hellwig, Sophie Hottinger und Marie Rathscheck sowie dem Schauspieler Denis Petkovic ist die wichtigste Akteurin die Bühne selbst.

Gespielt wird in der sogenannten Diskothek des Leipziger Schauspielhauses: Einer ebenerdigen Spielstätte mit Fensterfront zur Straße und damit direktem (Blick-)Kontakt zum realen Großstadtleben. Die Darstellerinnen und Darsteller entschwinden oft mit dicken weißen Jacken in den eisigen Winterabend hinaus, manchmal sogar noch über die vierspurige Straße hinweg, um - der Tontechnik sei Dank - sich aus weiter Ferne ins Geschehen einzumischen.

Plakative Regieeinfälle

Dass Leipzig selbst via Hauptstraße nicht direkt internationales Großflughafenflair entwickelt: geschenkt. Die Distanz und Weitläufigkeit und gleichzeitig die Verortung der Geschichte unmittelbar vor der Haustür, um die es hier ja auch geht, transportieren sich trotzdem.

Dass aufs Stichwort 1989 vor der Fensterfront ein blauer Trabi vorfährt, gehört zu den eher plakativen Regieideen des Abends. Genau wie die Kutsche, die am Schluss - bespannt mit zwei Schimmeln - in genüsslichem Wirkungsbewusstsein vor der Fensterfront parkt. Bis das Ensemble - von wegen Zeit, Historie, Zeitschleifen und gelegentliche Wiederholungsstrukturen - final in ihr entschwindet wie die Aristokratie aus dem vorletzten Jahrhundert.

Macht aber nichts. Gut sieht's allemal aus. Und der Gegenwartskommentar, den Thomas Köck hier über den Umweg exemplarischer Vergangenheitsbiografien gibt, gehört sowieso zu den erhellendsten seines Genres.


"atlas". Nächste Vorstellungen am 10. und 23. Februar im Schauspiel Leipzig.

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