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Atomdebatte bei Illner: Geladen in der Hochspannungs-Show

Von Henryk M. Broder

Atomstrom-Befürworter und -Gegner diskutieren bei Maybrit Illner unter Hochspannung, wie die Stromkrise zu überwinden ist - und bleiben erstaunlich saft- und kraftlos. Nicht mal die einfachsten Fragen werden geklärt: Was kostet's, wohin soll der Müll, und was, wenn ein Flugzeug aufs Kraftwerk stürzt?

Würde man einen Pastor und einen Priester, einen Rabbi und einen Mullah, einen buddhistischen Mönch und einen Freidenker in ein Fernsehstudio setzen und sie über das Leben nach dem Tode diskutieren lassen, wüssten die Zuschauer am Ende der Vorstellung, was der Protestant und der Katholik, der Jude und der Moslem, der Buddhist und der Atheist über das Leben nach dem Tode denken.

Aber nicht, ob es ein Leben nach dem Tode gibt.

Trittin, Eppler bei "Maybrit Illner": "Ausstieg niet- und nagelfest machen"
ZDF

Trittin, Eppler bei "Maybrit Illner": "Ausstieg niet- und nagelfest machen"

So war es auch gestern bei Maybrit Illner. Eingeladen waren fünf Experten, um über die Renaissance der Kernkraft zu diskutieren, die inzwischen nicht mehr so bedingungslos verdammt wird wie noch vor fünf Jahren, als der Liter Super gerade einen Euro kostete.

Seitdem ist der Preis um über 50 Prozent gestiegen; auch die Gebühren für Gas und Strom haben die Schmerzgrenze überschritten, rund 800.000 Haushalte in der Bundesrepublik können sich die Energieversorgung nicht mehr leisten und wurden vom Netz abgeschnitten.

"Atomkraftgegner überwintern/mit Kerzen/und mit kalten Hintern" – witzelten früher die Freunde der Kernkraft, als jede zweite Wohnküche von ihren Bewohnern voller Stolz zu einer "atomwaffenfreien Zone" erklärt wurde. Mittlerweile aber gilt ein kalter Hintern nicht als Beleg für das richtige Öko-Bewusstsein sondern als Indiz für eine verfehlte Energiepolitik.

Hatte sich die rot-grüne Regierung auf einen "Einstieg in den Ausstieg" aus der Kernkraft verständigt, so wird heute über einen "Ausstieg aus dem Einstieg in den Ausstieg" geredet. Kernkraft ist zwar "billig", aber auch "gefährlich" - und zwischen eben diesen Positionen gilt es, die richtige Balance zu finden.

Als Warmduscher, der auf den Eisschrank, die Waschmaschine, den Toaster, den Fön, den Wasserkocher, die Mikrowelle, den Elektroherd und den Ventilator nicht verzichten will, möchte man gerne wissen, wie man die Welt vor dem Klimakollaps retten und den CO2-Ausstoß reduzieren könnte, ohne auf alle diese wunderbaren Erfindungen verzichten zu müssen. Reicht es, auf "sauberen Strom" umzusteigen? Oder sollte man, statt übers Wochenende auf die Malediven zu düsen, lieber in die Sächsische Schweiz fahren, natürlich nur mit einem Toyota Prius?

Statements wie aus der Augsburger Puppenkiste

Aber statt Antworten auf solche existenziellen Fragen gab es auch bei Illner nur die üblichen Statements, die so absehbar waren wie die Rollenverteilung bei der Augsburger Puppenkiste. Walter Hohlefelder vom Deutschen Atomforum nannte die Atomwirtschaft einen "Beitrag zum Klima- und Umweltschutz". Der Grüne Jürgen Trittin, Umweltminister unter Schröder, gab bekannt, der Anteil der Atomenergie gehe seit Jahren zurück, während immer mehr Strom aus erneuerbarer Energie gewonnen werde, inzwischen 15 Prozent, weit mehr als vorgesehen.

Erhard Eppler, seit über 50 Jahren "SPD-Vordenker", wollte den "Ausstieg niet- und nagelfest machen und das als Signal an die Welt geben", denn bei der Vorstellung, das Plutonium könnte "in die falschen Hände gelangen", werde es ihm "Angst und Bange". Damit meine er nicht den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, sondern "atomaren Terrorismus".

Um solchen Gefahren vorzubeugen, wollte Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) "Schurkenstaaten" vom Technologietransfer ausschließen und nur mit entwickelten Industriestaaten kooperieren. Eine richtige Überlegung, die nur daran krankt, dass Pakistan die Bombe schon lange hat und Iran sie möglicherweise bald haben wird. Und dann war da noch eine resolute Hausfrau aus dem Schwarzwald, die zusammen mit ihrem Mann ein privates Kraftwerk betreibt, Ökostrom verkauft "und alle glücklich macht" (Illner).

Sie rechnete nach, dass Atomstrom teurer ist als Öko-Strom, wenn man alle Neben- und Folgekosten mitrechnet, worauf Minister Glos sich mit einer Gegenrechnung bedankte: Es gebe "Wohlstandsbürger", die sich den teuren Ökostrom leisten könnten, man müsse aber auch an den "Industriearbeiter" denken, der Angst um seinen Arbeitsplatz habe, wenn die Energiekosten weiter steigen. Er, der Minister, habe jedenfalls "alles getan", um die Strompreise stabilzuhalten und Wettbewerb zu garantieren. "Unsinn!", konterte da Trittin, "Sie vertreten die Interessen von vier Konzernen!"

Da fiel es dem offiziellen Vertreter der Atomwirtschaft leicht, Kernkraft mit menschlichem Antlitz zu demonstrieren. Er versicherte: "Ich liebe nicht die Kernenergie, ich liebe meine Frau!" und: "Klimaschutz geht uns alle an!" Aber dann überlegte er es sich anders. Das Thema sei "viel zu ernst", um es im Wahlkampf zu verheizen.

Kamerad Ohnemichel will sauber bleiben

Es gibt derzeit 17 AKWs in der Bundesrepublik, die rund 22 Prozent der Energie liefern. Sogar dann, wenn alle abgeschaltet würden, käme immer noch Atomstrom aus der Steckdose, nämlich der, den die Versorger im Ausland dazukaufen, um die Nachfrage zu befriedigen. Die Situation ist ähnlich absurd wie bei der Stammzellenforschung: Kamerad Ohnemichel will unbedingt sauber bleiben und lässt andere die Drecksarbeit erledigen.

Von solchen Phänomenen der Arbeitsteilung abgesehen scheint es in der Atomdebatte noch nicht einmal möglich, sich auf ein paar überschaubare Fakten zu einigen. Ist Kernkraft nun teurer oder billiger als konventionell hergestellte Energie? Was ist mit der Entsorgung? Und was passiert, wenn ein Flugzeug auf ein Kernkraftwerk stürzt, das für einen solchen Fall nicht ausgelegt wurde?

Als Laie, dem es eigentlich wurscht ist, wie der Strom erzeugt wird, möchte man doch Antworten auf solche Fragen bekommen. Oder wenigstens eine Orientierungshilfe. Am besten von Experten, die in der Materie zu Hause sind. Aber die sind dazu offenbar am allerwenigsten in der Lage. Im Prinzip läuft die Diskussion über Atomkraft und die möglichen Alternativen so wie der alte Streit zwischen den Befürwortern von Butter und von Margarine. Mal haben die einen die Nase vorn, mal die anderen, je nachdem, ob gerade die Milch oder der Raps auf dem Markt billiger zu haben ist.

Am Ende der streckenweise heftig geführten Diskussion sagte Maybrit Illner: "Man hat das Gefühl, es hätte noch eine Stunde weitergehen können."

Das stimmt, aber auch danach wäre man nicht schlauer gewesen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 180 Beiträge
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1. fd
bcdb 11.07.2008
Zitat von sysopAtomstrom-Befürworter und Gegner diskutierten bei Maybrit Illner unter Hochspannung, wie die Stromkrise zu überwinden ist - und blieben erstaunlich saft- und kraftlos. Nicht mal die einfachsten Fragen wurden geklärt: Was kostet's, wohin soll der Müll, und was, wenn ein Flugzeug aufs Kraftwerk stürzt? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,565215,00.html
Dabei sind die Antworten doch so einfach: - Was kostet's: € 3000/kw - Wohin mit dem Müll: China. Fällt dort nicht weiter auf. - Was, wenn ein Flugzeug aufs Kraftwerk stürzt: Flugzeug kaputt, Insassen tot, Kraftwerk beschädigt, Umgebung verstrahlt. Warum werde ich eigentlich nie zu Maybrit Illner eingeladen?
2. Wen interessiert das überhaupt ?
Gehirnstein, 11.07.2008
Ohhh man, jede Woche die gleiche Leier. Jede Woche nur holes Gelaber in der Talkshow. Jede Woche die Feststellung das niemand was wichtiges sagt. Was muss das für ein armes Leben sein wenn man sich den Gammel jede Woche trotzdem wieder ansieht.
3. Atomstrom ist teuer, hochgefährlich und umweltschädlich
kellitom, 11.07.2008
Bisher gab es einen Supergau in Tschernobyl mit tausenden von Toten und Krebskranken, einen Fast-Supergau in Harrisburg und Forsmark, sowie in Japan, dauernde Störfälle wie in Biblis, Brunsbüttel, Neckarwestheim usw.. Zudem ist Atomstrom ist hochsubvetiooniert ( von uns Steuerzahlern ), in die Erforschung der Atomenergie wurden bereits 1000 Milliarden € gesteckt. Trotz Atomstrom sind die Strompreise hier nicht gesunken, sondern gestiegen, wiel sich der Strompreis an der manipulierten Leipziger Börse nach dem teuersten Kraftwerk richtet. Last but not least ist Atomstrom umweltschädlich. Beim Abbau von Uran wird Umweltraubbau im großen Stil betrieben, die Herstellung der Brennstäbe ist sehr CO 2 schädlich und bei Störfällen tritt zwar kein CO 2 aus, aber die viel tödlichere radioaktive Strahlung. Und ganz zum Schluß ist das Problem der Endlagerung nach wie vor ungelöst, wie die radioaktive Salzlauge in Asse beweist. Es gibt keine Alternative zum Ausstieg aus dieser hochgefährlichen, antiquierten, hochsubventierten und umweltvernichtenden Atomenergie!
4. http://forum.spiegel.de/showthread.php?p=2474033#post2474033
volkmargrombein 11.07.2008
Zitat von sysopAtomstrom-Befürworter und Gegner diskutierten bei Maybrit Illner unter Hochspannung, wie die Stromkrise zu überwinden ist - und blieben erstaunlich saft- und kraftlos. Nicht mal die einfachsten Fragen wurden geklärt: Was kostet's, wohin soll der Müll, und was, wenn ein Flugzeug aufs Kraftwerk stürzt? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,565215,00.html
Bemerkenswert war auch , dass der Bundeswirtschaftsminister außer seit Jahren immer wieder benutzten Phrasen auch nicht auf den neuesten Stand gebracht hat. Immerhin, war Tritin gut vorbereitet und konnte die Beführworter mit Fakten überhäufen. Frau Illner ihrerseits hatte es nicht nötig, darauf hinzuweisen, dass der Herr des Atom-Forums schlicht und ergreifend einer der emsigsten Lobbyisten in der Szene ist. Leider war über die wahren Ausmaße über die Kosten und die Endlagerung keine vernünftige Antwort zu bekommen. das liegt zum Teil auch daran, dass es kaum unabhängige Wissenschaftler gibt, die einigermaßen glaubhaft sind. Es schwingt immer im Hinterkopf die frage mit: Wer bezahlt die oder den. Allerdings ist auch bekannt, dass die Atom-Lobby reihenweise Personen ihrer eigenen Klientel in viele Foren einschleust, um erstens falsche Zahlen zu nennen, zweitens dass Problem zu verharmlosen und, wenn es zur Nagelprobe kommt, wichtige Details nicht erwähnt. Weitewrhin ist gerade aus der Stromwirtschaft bekannt, dass es eine neue, subtile Art von Korruption gibt, die als solche schwer zu erkennen ist.
5. system
heretiker 11.07.2008
Herr Broder hat doch ganz recht. Es scheint mir es zieht sich systematisch durch alle möglichen Themen daß wir Deutschen uns nicht die hände dreckig machen wollen. Atomkraft, nein danke, aber wenn andere Ihn produziert haben kaufen wir Ihn notgedrungen trotzdem. Stammzellen - niemals selber an der Schöpfung versündigen, lieber importieren, Forschung auslagern, meinetwegen vom medizinischen nutzen auch profitieren. Freiheit am Hindukusch gegen die Taliban und andere Nazi-gleiche(von der Einstellung her und den Ansichten) Islamisten verteidigen ? Bitte, das können doch auch die militaristischen USA für uns alleine besorgen, die machen doch so gerne Krieg. Muss ich von Atomwaffen anfangen die im Rahmen der Nato letztendlich immer noch uns deutsche mitverteidigen und verhindern daß Moskau oder Teheran oder Peking uns allzusehr über den Tisch ziehen wie es Ihnen beliebt ???! Langsam nervt mich dieses Warmduschertum und inkonsequente Waschlappengeheul ganz ausserordentlich und verlange von uns deutschen daß wir uns mal ändern was das angeht. Ja, trotz unserer Vergangenheit. Und wenn es ganz schlimm kommt und es eine art 4. Reich gibt, dann wird es wenigstens ein transatlantisches sein...
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