Paris-Fotograf Brassaï: Die Bars und Clubs, die Stripper und Zocker

Von Ingeborg Wiensowski

Flaneur und Fotograf Brassaï: Der Zeitbeleuchter Fotos
Estate Brassaï, RMN-GP/ courtesy Schirmer/Mosel

Er zog durch Tanzlokale und Stundenhotels, sein Buch mit Bildern vom zwielichtigen Pariser Nachtleben war ein Bestseller - es machte den Fotografen Brassaï 1932 schlagartig berühmt. Jetzt erscheinen die alten Aufnahmen in einem neuen prachtvollen Band.

Niemand hatte vor ihm Paris bei Nacht so fotografiert wie Brassaï. Dabei war der 25-jährige Ungar Gyula Halász (wie er bürgerlich hieß) gar kein Fotograf, als er 1924 nach Paris ging. Malerei und Bildhauerei hatte er vorher studiert, in Budapest und Berlin. Und als Zeichner hatte er eigentlich auch das Nachtleben der Halbwelt, das Milieu der Bars und der Prostituierten festhalten wollen, das ihn faszinierte. Aber sein Stift war dafür zu langsam, und als ihm sein Freund André Kertész riet, es mit der Fotografie zu versuchen, lernte er von ihm den Umgang mit der Kamera und stürzte sich begeistert in das Pariser Nachtleben.

Ohne Scheu und mit großer Vertrautheit beobachtet er auf der Straße, in Bars, Clubs, Tanzlokalen und Stundenhotels, im Zirkus und in Varietés Prostituierte und Tänzerinnen, Schwule und Transvestiten, die Halbwelt der Spieler und Ganoven und zärtliche Paare. Und er fotografiert sie alle, immer nah dran, immer intim. Außerdem lichtete er die nächtlichen leeren Straßen ab. Damit wurde Brassaï in wenigen Jahren zum "Auge von Paris", so jedenfalls nannte ihn sein Freund Henry Miller. Und er wurde schlagartig berühmt, als 1932 eine Auswahl seiner Fotografien im Buch "Paris de Nuit" erschienen.

Schlüsselwerke der Nacht

Jetzt hat der Schirme/Mosel Verlag einen großen Fotoband herausgegeben, der Brassaïs Nachtaufnahmen auf rund 300 Seiten versammelt. "Brassaï. Flaneur durch das nächtliche Paris" heißt er, und zu sehen sind die Schlüsselwerke, die Anfang der dreißiger Jahre auch fototechnisch eine spektakuläre Meisterleistung waren. Sie werden von zwei längeren fachkundigen und verständlichen Texten begleitet, die die Entwicklung von Brassaïs Erstlingserfolg 1932 und den nachfolgenden Veröffentlichungen bis zu dem 1976 erschienenen Buch "Le Paris secret des années 30" erzählen und zum Beispiel seine Vernetzung in der Kunstszene oder die Vorbilder seiner Bild-Kompositionen schildern.

Reproduktionen der Originalkontaktbögen ergänzen die Texte, genau wie Abbildungen der veröffentlichten Bücher in Illustrierten der dreißiger Jahre. Das Buch sei "das Ergebnis aktuellster Forschungen", so der Verlag, und deshalb zeige der Band auch bislang unveröffentlichtes Bild- und Dokumentationsmaterial aus der wissenschaftlichen Arbeit der beiden Autoren Sylvie Aubenas von der Bibliothèque nationale de France und Quentin Bajac vom Centre Pompidou.

Beide erzählen gemeinsam in einem einführenden Text die Geschichte der Veröffentlichungen und des Erfolgs Brassaïs und porträtieren ihn, der sich immer sicher war, dass seine Fotos die besten Aufnahmen des nächtlichen Paris sind. Mit Zitaten aus privaten Briefen belegen sie, dass er offensichtlich nie an seinem Erfolg gezweifelt hatte. So schreibt er schon vor Erscheinen seines Buches am 4. Dezember 1931 an seine Eltern: "Mir scheint, ich habe den Erfolg nicht überschätzt, ganz im Gegenteil, er wird noch größer sein, als von mir erwartet."

Stinkende Orte und ein Paris mit Seele

In seine Arbeit bezog Brassaï auch Orte ein, zu denen er einen unmittelbaren persönlichen Bezug hatte. Bilder seiner täglichen Wegstrecken gehören dazu, vorbei an Gefängnismauern der Santé oder durch einen "finsteren Tunnel" des Boulevard Edgar-Quiner. Und Fotografien vom Pissoir, jenem "stinkenden Ort", den sein Freund Henry Miller so sehr liebte, dass er 1956 ein Foto davon - und dazu andere von Brassaï - als Aufmacherbild seines autobiografischen Roman "Stille Tage in Clichy" verwendete. Und unter den Abbildungen zu den Texten finden sich sogar einigen Zeichnungen, mit denen Brassaï seine Fotos für den Dummy seines Buches mit blauen Stiften skizziert hat.

Großartig ist die lange Fotostrecke, sie beginnt mit dem einseitig gedruckten Bild "Der Gaslaternenanzünder, Place de la Concorde", es folgen Fotos von Arbeitern der Müllabfuhr, Bäckern, Nachtwächtern, Clochards, Lumpensammlern und Liebespaaren auf Straßenbänken, die Bilder der Zirkuswelt und der Tanzsäle, Fotos vom "Tuntenschwoof", von Gigolos und Huren, die den Fotografen direkt anblicken oder die auf Freier warten. Manche Bilder sind wie alte Bekannte, berühmt wie das von "Bijou" oder das eines Liebespaares im Café. Am Ende der Fotostrecke kommen Bilder vom nächtlichen, stillen und leeren Paris, das hell im Dunkeln leuchtet - eine Stadtlandschaft mit Seele, die der nächtliche Flaneur Brassaï sogar an den klassischen touristischen Zentren wie dem Eiffelturm oder dem Arc de Triomphe fand.

Ein wunderbares Buch ist es, mit dem man Brassaï durch das nächtliche Paris zwischen den Weltkriegen begleitet. "Es werden nie die Soziologen sein, die ihre Zeit beleuchten, sondern die Photographen unseres Schlags, diese Beobachter im Herzen ihrer Epoche", hat er gesagt. Und unter denen war Brassaï einer der ganz Großen.


Sylvie Aubenas/Quentin Bajac: Brassaï. Flaneur durch das nächtliche Paris. Schirmer/Mosel Verlag, München; 300 Tafeln und Abbildungen, 312 Seiten; 68 Euro.

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Wunderschöne Fotos!
chickenkiller 20.08.2013
Hätte SpOn gerne ein-zwei-drei mehr als Teaser verwenden dürfen! Irgendwie fühle ich mich ein wenig frustriert, denn mit der heutigen digitalen Photoshopzauberei, ist niemand mehr in der Lage wirkliche Realität einzufangen. Schon der Bildschirm an sich verfremdet, je nach seiner Einstellung. Aber was soll's ... das "Verruchte" gibt's ja auch nicht mehr. Und wenn, dann bezweifle ich, dass in hundert Jahren ein Swingerclub- oder Laufhaus-oder SM-Studio- (oder, oder, oder) Fotoband gedruckt werden würde ;-)
2. Mehr Bilder, bitte
parisien 20.08.2013
Da wir in der Nähe des Bv. Edgar - Quinet gewohnt haben,hätten wir uns natürlich über ein paar mehr Bilder aus der alten Zeit gefreut ( Henry Miller hat dort in seinen schlechtesten Zeiten gelebt , später auch Sartre etc, alle in Nebenstraßen ). Heute muss man sehr viel Phantasie aufbringen, um sich das alles vorstellen zu können, obwohl Paris zum Glück vom Krieg weitgehend verschont geblieben ist.
3.
qvoice 20.08.2013
Zitat von chickenkillerIrgendwie fühle ich mich ein wenig frustriert, denn mit der heutigen digitalen Photoshopzauberei, ist niemand mehr in der Lage wirkliche Realität einzufangen. Schon der Bildschirm an sich verfremdet, je nach seiner Einstellung.
Die Bilder haben auch deshalb eine so grosse Wirkung, weil viel Nostalgie mitschwingt. Die selben Motive, der selbe Fotograf in Bochum im Jahr 2013 würde sicher nicht so viel Gefühle wecken.
4. Ich bin sicher...
tweet4fun 20.08.2013
...daß Toulouse-Lautrec seine helle Freude an den Bildern gehabt hätte. Die drei Fotos alleine zeigen Parallelen in der Betrachtungsweise beider Künstler.
5.
pfzt 20.08.2013
Zitat von qvoiceDie Bilder haben auch deshalb eine so grosse Wirkung, weil viel Nostalgie mitschwingt. Die selben Motive, der selbe Fotograf in Bochum im Jahr 2013 würde sicher nicht so viel Gefühle wecken.
Den Aspekt finde ich auch sehr interessant. Man stelle sich vor ein Fotograf geht rum und fotografiert in trostlosen Wohnsiedlungen Arbeitslose. Nichts anderes haben die großen Meister von früher gemacht. Das Feedback wäre aber ein anderes. Es ist sehr spannend wie die Historisierung der Rezeption in die Hände spielt. Schon Bilder der 80er Jahre haben auf mich eine ganz andere Wirkung als heutige Bilder und ich war in den 80ern dabei, kenne also die Zeit. Kurz gefasst: Bilder von heutigem Elend -> pfui Bilder vom Elend von vor 20 Jahren -> Kunst ;)
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Sylvie Aubenas/Quentin Bajac:
Brassaï.

Flaneur durch das nächtliche Paris.

Schirmer/Mosel Verlag, München; 300 Tafeln und Abbildungen, 312 Seiten; 68 Euro.




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