Aufarbeitung der NS-Zeit "Eine Verhöhnung der Opfer"

Die Aufarbeitung der NS-Zeit verläuft zu moralisch, findet Christian Schneider. Hier erklärt der Analytiker, warum eine Überidentifikation mit den Opfern am Ende der AfD nutzt.

Holocaust-Mahnmal in Berlin
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Holocaust-Mahnmal in Berlin

Ein Interview von


  • Dieter Schwer
    Christian Schneider, Jahrgang 1951, ist Kulturwissenschaftler, Soziologe und Forschungsanalytiker. Gemeinsam mit der Historikerin Ulrike Jureit veröffentlichte er das Buch "Gefühlte Opfer. Illusionen der Vergangenheitsbewältigung". Das Buch analysiert die deutsche Auseinandersetzung mit dem Holocaust.

SPIEGEL ONLINE: Herr Schneider, Alexander Gauland hat die Nazi-Zeit als "Vogelschiss" bezeichnet. Was für ein Geschichtsverständnis spiegelt sich in solch einer Äußerung?

Schneider: Es geht hier primär gar nicht um eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, auch wenn es auf den ersten Blick so scheint. Der "Vogelschiss" ist eine Aggression gegen die, die den Holocaust durch festgeschriebene Rituale, etwa durch Mahnmale, Gedenkfeiern, festlich erinnern - damit aber auch eine moralische Überlegenheit verbinden, die Sicherheit, auf der richtigen Seite zu stehen. Und da schnappen Leute wie Gauland zu. Auf gewisse Weise kann ich ihn sogar verstehen.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Schneider: Dazu muss ich einen Rekurs in die deutsche Vergangenheitspolitik machen; die groben Linien: Nach 1945 gab es das viel beschworene große Schweigen ja wirklich, dominierend war der Kollektivwunsch nach Vergessen, alle physischen und psychischen Kräfte wurden in den Wiederaufbau gesteckt. Wenn überhaupt über die NS-Zeit gesprochen wurde, dann ging es immer um "Vergangenheitsbewältigung" - als wäre ein Gewaltakt nötig, um einen Gewaltakt ungeschehen zu machen. Das änderte sich erst durch die Kinder dieser sogenannten Tätergeneration.

SPIEGEL ONLINE: ... die 68er, die sich nicht nur mit der Schuld der Deutschen, sondern auch mit der der Eltern auseinandersetzten.

Schneider: Jeder Mensch muss sich mit seinen Eltern identifizieren. Und das war in den Sechzigern einer kritischen Elite versperrt, denn mit Mördern kann man sich nicht identifizieren. Gleichzeitig prägen die Eltern natürlich trotzdem. Untersuchungen über die 68er zeigen etwa, dass viele vermuteten, dass der Täter doch auch in ihnen steckt, ein NS-Gen gewissermaßen. Um das loszuwerden, muss man hart brechen.

SPIEGEL ONLINE: Wie das?

Schneider: Die 68er suchten eine Gegenfigur - und die, die das höchste Maß an Unschuld verkörperten, waren die Opfer. Intellektuelle Juden wie Max Horkheimer oder Theodor W. Adorno, der zur Zentralfigur der 68er wurde, wurden als Gegenväter erkoren. Für die meisten Juden war es ein Unding, zu dieser Zeit in das Land der Täter zurückzugehen. Horkheimer und Adorno kamen früh aus der Emigration zurück, schon in den späten Vierzigern - und zwar mit dem inneren Auftrag, die deutsche Jugend zum Widerstand zu erziehen. Das Programm ist aufgegangen, aber es hatte eben auch Folgen.

Theodor W. Adorno: "Gegenvater"
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Theodor W. Adorno: "Gegenvater"

SPIEGEL ONLINE: Welche?

Schneider: Die Abwehr gegen eine Abstammung von den Tätern kehrte sich bei seinen Schülern in eine Überidentifikation mit den Opfern. Es gibt in dieser Generation viele Menschen, die sich zu Juden gemacht haben. Das ist sozialpsychologisch absolut plausibel, aber es grenzt de facto an eine Verhöhnung der Opfer, weil man sich an ihre Stelle setzt.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Schneider: Besonders viele 68er haben ihren Kindern jüdische Namen gegeben: Sarah, Benjamin, Simon. Das sind natürlich unbewusste Identifizierungsprozesse. Und die gestalten bis heute die Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg.

SPIEGEL ONLINE: Setzen sie den Einfluss der 68er und die damit verknüpfte dominierende Moralisierung nicht zu hoch an? Deutsche Bundespolitik lag in den vergangenen Jahrzehnten ja nicht vor allem in den Händen ehemaliger Studentenführer.

Schneider: Dem würde ich an dieser Stelle widersprechen. 1985 hielt Richard von Weizsäcker - ein Mann, der wirklich gegen jeden 68er-Verdacht erhaben war - zum 40. Jahrestag des Kriegsendes eine legendäre Rede, die bis heute gesamtdeutsches Gedenken leitet. Weizsäcker bekannte sich darin zu einer Schuld der Deutschen, den "Völkermord an den Juden" bezeichnete er als "beispiellos in der Geschichte". Und er führte ein jüdisches Sprichwort an: "Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung."

SPIEGEL ONLINE: Er fasste die Wende vom Verdrängen zur Auseinandersetzung zusammen - eine gute Entwicklung.

Schneider: Sie ist historisch plausibel. Aber Weizsäcker sprach eben auch von Erlösung - er nutzte keine politische oder historische Kategorie, sondern eine theologische; er sakralisierte den Holocaust und moralisierte den Umgang mit ihm. Es gibt seitdem eine Auseinandersetzung, ja. Aber sie verhandelt auch gleichzeitig immer ein Ihr und Wir, weil es nur einen richtigen Modus gibt, um sich auseinanderzusetzen. An diesem Punkt der deutschen Vergangenheitspolitik sind wir stehengeblieben - und Alexander Gauland wehrt sich mit seinem "Vogelschiss" gegen diese Moral.

Richard von Weizsäcker 1985: "Den Holocaust sakralisiert"
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Richard von Weizsäcker 1985: "Den Holocaust sakralisiert"

SPIEGEL ONLINE: Aber nur um ein Aufbegehren gegen Moral geht es ihm doch auch nicht. Er setzt auch seine eigene Erzählung von "1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte" entgegen.

Schneider: Klar. Erstens sagt Gauland, wir scheißen auf die Geschichte, wie ihr sie uns erzählt, wir setzen eurem Wir unser eigenes Wir entgegen. Und dieses Wir ist zweitens getrieben von dem Wunsch, in einer großen, makellosen Geschichte aufzugehen - ein Zivilisationsbruch wie der Holocaust ist da unerträglich.

SPIEGEL ONLINE: Wenn das so wenig auszuhalten ist, müsste er dann nicht noch einen Schritt weitergehen - und ihn leugnen?

Schneider: Dann wäre er wohl seinen Job los. Aber unabhängig davon: Wer leugnet, erkennt eine Schuld ja gewissermaßen noch an - sie scheint sogar so fürchterlich, dass sie unbedingt abgewendet werden muss. Wer aber relativiert, öffnet auch die Möglichkeit einer Schuldumkehr - wenn alles doch nicht so schlimm war, dürfen wir Deutschen auch wieder Opfer sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Schneider: Gauland hat an anderer Stelle auch schon die NPD-Parole "Heute sind wir tolerant und morgen fremd im eigenen Land" zitiert. Er spricht hier aus einer uralten Opferidentifikation heraus, die der Zweite Weltkrieg für Deutsche unmöglich machte, und die eine Angst vor dem Fremden verknüpft mit der Angst, hilflos ausgeliefert zu sein. Wenn man es psychologisch sehr stark zuspitzt, kann man sagen, dass die Opferidentifizierung der 68er jetzt konterkariert wird durch eine zweite, die weit dahinter zurückgeht. Wenn man so will, hauen zwei Opfer aufeinander ein. Eine komplizierte Konstellation.

SPIEGEL ONLINE: Zunehmend werden in den kommenden Jahren auch Menschen Erinnerungspolitik prägen, die weniger komplex mit ihren Eltern verstrickt ist. Was können sie tun, damit eine Geschichtsdeutung wie die von Gauland nicht immer mehr Raum einnimmt?

Schneider: Sinnvoll wäre, eine grundlegende Ambiguität der Geschichte und des Gedenkens anzuerkennen. Ich erinnere mich noch, als die Tragikomödie "Das Leben ist schön" herauskam. Ich sah sie auf einer Tagung mit vielen älteren Menschen, die es unmöglich fanden, dass hier in einem KZ gelacht wird. Aber solche Perspektiven erweitern den Blick auf die eigene Vergangenheit und die eigene Schuld; und wenn hier kein freies Denken ermöglicht wird, werden künftig immer mehr Gauländereien die Bühnen beherrschen. Auch würde ich den Holocaust in einen internationalen Kontext stellen, überlegen, was war noch? Was ist passiert unter Stalin, unter Mao? Wie ist das etwa in der Türkei, in der der Genozid an den Armeniern einfach geleugnet wird?

SPIEGEL ONLINE: Solche Vergleiche klingen nach Relativierung.

Schneider: Es gibt Leute, die ihre Identität sehr stark um die Singularität des Holocausts bauen, der Philosoph Hermann Lübbe hat das "Sündenstolz" genannt: Sowas wie den Holocaust, das muss man erstmal hinkriegen, wir sind sozusagen auch da die besten Ingenieure der Welt. Die werden natürlich immer den Vorwurf der Verharmlosung erheben. Das ist aber Blödsinn. Solange es nicht darum geht, sich aus der Verantwortung zu stehlen, bildet sich immer ein vielfältiges Bild, wenn man in weltpolitische Kontexte einordnet.

Video: Protest-Aktion: Herr Höcke und sein Holocaust-Mahnmal

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