"Aufklärer der Nation" Oswalt Kolle ist tot

Eine ganze Nation ließ sich von ihm "Das Wunder der Liebe" erklären - mit Filmen, Büchern und Zeitungsartikeln brachte es Oswalt Kolle zum "Aufklärer der Nation". Jetzt ist er im Alter von 81 Jahren gestorben.

DPA

Hamburg/Amsterdam - Mit Büchern wie "Dein Mann, das unbekannte Wesen" und "Deine Frau, das unbekannte Wesen" wurde Oswalt Kolle in den sechziger Jahren zum "Aufklärer der Nation". Wegen seiner Serie "Das Wunder der Liebe" wurde die "Neue Revue" 1967 indiziert. 1968 folgte ein Film unter gleichem Titel.

Den Begriff Sexuelle Revolution allerdings lehnte er ab: "Schon in den sechziger Jahren war das keine Revolution, sondern eine Evolution. Es war eine notwendige und gute Entwicklung, die mit Übertreibungen, Experimenten und Rückschlägen verbunden war", sagte Kolle noch 2009 in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE.

Oswalt Kolle wurde 1928 in Kiel geboren. Sein Vater war Psychiater. Für ihn übersetzte er 1948 Teile des ersten Kinsey-Reports "Sexualität des Mannes" - das Thema sollte ihn ein Leben lang begleiten.

Ab 1949 arbeitete Kolle als Journalist. Schon in den fünfziger Jahren begann er für Tageszeitungen, für Illustrierte wie "Quick" und "Neue Revue" Aufklärungsserien zu schreiben und wurde so in den sechziger Jahren zu einer der Symbolfiguren der Sexwelle - gerade, weil er das Thema für ein breites bürgerliches Publikum aufbereitete, das durch die sexuellen Provokationen der Achtundsechziger eher irritiert war.

Seinen eigenen Durchbruch zum "Aufklärer der Nation" schrieb Kolle in einem Bericht auf seiner Homepage einem Zufall zu: Die Frau des Chefredakteurs der "Quick" erwartete ein Kind und beklagte sich, dass die vorhandenen Bücher über Schwangerschaft und Kinderentwicklung mehr vernebeln als erklären. Kolle verfasste "Dein Kind, das unbekannte Wesen" - eine Serie über die Entwicklung von Kindern. Dabei beschäftigte er sich auch mit Kindersexualität.

Ärger mit dem Staatsanwalt

"Der Chefredakteur war begeistert, es wurde gedruckt, er bekam aber daraufhin von Adenauers langjährigem Familienminister Franz-Josef Wuermeling einen Brief mit folgender sinngemäßer Aussage: 'Wenn solche schweinischen Sachen noch einmal in der Quick erscheinen, wird die Zeitschrift verboten'", berichtete Kolle.

Später erschienen seine Publikationen in zwölf Sprachen, darunter auch in Chinesisch. Sein Film "Das Wunder der Liebe - Sexualität in der Ehe" hatte im Januar 1968 Premiere in den deutschen Kinos und wurde in ganz Europa ein Erfolg.

Im Herbst 1968 kam Teil zwei mit dem Titel "Sexualität in der Partnerschaft" in die Kinos, den rund drei Millionen Besucher in der Bundesrepublik sahen. 1969 schrieb Kolle die Drehbücher zu "Deine Frau, das unbekannte Wesen" und "Zum Beispiel Ehebruch". Letzteren Film gab die Freiwillige Selbstkontrolle der deutschen Filmwirtschaft erst nach längeren Auseinandersetzungen frei. 1970 hatten "Dein Mann, das unbekannte Wesen" und "Dein Kind, das unbekannte Wesen" Kinopremiere, 1971 "Was ist eigentlich Pornografie?" und 1972 "Liebe als Gesellschaftsspiel". Diesen Film beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft München vorübergehend, gab ihn dann aber ohne Schnitte frei.

Kolle schrieb zudem Unterhaltungsromane wie "Der Psychiater", "Der Clan" und "Sylter Sommer", überarbeitete die Drehbücher seiner früheren Aufklärungsfilme, die RTL 1997 mit Erfolg wiederholte und entwickelte für den Privatsender RTL die Idee zur Unterhaltungsserie "Sylter Geschichten."

Für die ARD verfilmte Susanne Zanke 2001 das Leben von Kolle unter dem Titel "Kolle - ein Leben für Liebe und Sex" nach einem Drehbuch von Eva und Volker Zahn und mit Sylvester Groth als Hauptdarsteller.

Am 24. September ist Owalt Kolle in Amsterdam gestorben. Er wurde 81 Jahre alt.

sha



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