Aufklärungs-TV: "Die schöne Unbekannte"

Von Henryk M. Broder

Während auf RTL die "Schulmädchen" der siebziger Jahre reaktiviert werden, erzählt ARTE die Kulturgeschichte der Klitoris. So kommt Aufklärung unter die Leute und "Licht in die Vagina".

Szene aus "Die Lust der Frauen": Morchel im weichen Boden
arte-France

Szene aus "Die Lust der Frauen": Morchel im weichen Boden

Eine gute Programmplanung ist beim Fernsehen die halbe Quote. Was bei einem Unternehmen der "Cash-Flow", das ist beim Fernsehen der "Audience-Flow". Es kommt darauf an, möglichst viele Zuschauer zu "übernehmen". Diese Technik kommt vor allem schwächeren Sendungen zugute, die von einem beliebten Format profitieren, das vorher läuft. So war es auch gestern Abend.

Zuerst lief auf RTL der Pilot-Film zu der neuen Serie "Schulmädchen" und direkt danach gab es auf ARTE die Dokumentation "Klitoris, die schöne Unbekannte". Es war nicht nur ein perfektes Timing, es war auch ein schönes Beispiel dafür, wie das duale System funktionieren kann, wenn die Macher kooperieren. Denn RTL, das ist das Programm, das alle gucken und kaum jemand gut findet, und ARTE, das ist das Programm, das kaum jemand guckt aber alle unheimlich gut und wichtig finden. Eine informelle Zusammenarbeit bietet sich also an.

Die "Schulmädchen" sind die deutsche Antwort auf die US-Serie "Sex And The City", die Fortsetzung der endlosen "Schulmädchenreporte" aus den siebziger Jahren, als auch Heimatfilme mit Titeln wie "Unterm Dirndl wird gejodelt" die Leute ins Kino lockten. Heute geht es um vier junge Frauen, die alle so aussehen wie die Schlampen, die am späten Abend auf "tvberlin" die Anrufe notgeiler Männer entgegennehmen. Da sie in der Schule vorankommen wollen, ohne viel zu arbeiten, muss ein Lehrer auf Kreuz gelegt werden.

Szene aus "Schulmädchen": "Reiben Sie nicht weiter die Wunden!"
RTL

Szene aus "Schulmädchen": "Reiben Sie nicht weiter die Wunden!"

Es ist der Referendar für Englisch, er heißt Ewan Matthews und sieht aus wie der jüngere Bruder von Arnold Schwarzenegger. Ein echter "Sportrammler", Lena opfert sich, damit ihre Freundin ins Lehrerzimmer einbrechen und die Klausur-Fragen klauen kann. Daraus ergeben sich allerlei Verwicklungen, die den Unterhaltungswert der Handlung bestimmen. Am Ende ist Mr. Matthews rehabilitiert, und die Schuldirektorin, die so aussieht und redet wie eine alte Jungfer, die sich noch nie geopfert hat, sagt den Satz: "Reiben Sie nicht weiter die Wunden!"

Die Bedeutung dieser kryptischen Worte erschließt sich dann in der ARTE-Dokumentation über die "Klitoris, die schöne Unbekannte", denn dies ist, sagt eine Schriftstellerin, "der einzige Körperteil, der dem Vergnügen dient". Dann klagt ein Arzt darüber, wie wenig Männer über die Frauen wissen. "Die Frau bleibt die große Unbekannte." Das hat schon Oswalt Kolle vor über 30 Jahren verkündet ("Die Frau, das unbekannte Wesen") und seitdem hat sich an diesem Missstand, aller Aufklärung zum Trotz, offenbar wenig geändert.

Aber während Kolle zu seiner Zeit nur Männer und Frauen zeigte, die so taten, als würden sie sich vereinigen, geht es auf ARTE heute in die Vollen. Um dem allgemeinen Unwissen abzuhelfen, gibt es Close ups, wie man sie im Öffentlich-Rechtlichen noch nie gesehen hat, denn die schöne Unbekannte versteckt sich und muss wie eine Morchel im weichen Boden gesucht werden. Außerdem hat sie "mehr Nervenenden als die Zunge" und gleicht einem "Maschinengewehr", währen der Penis eher einer "Schrotflinte" ähnelt, die nur einmal abgefeuert werden kann. Die Schöne und das Biest, sozusagen.

Das alles ist hoch interessant und auch von hohem praktischen Gebrauchswert, denn seit der italienische Forscher Renato Colombo im Jahre 1559 die Klitoris entdeckt hat, ist das kleine aber wichtige Organ weitgehend in Vergessenheit oder Verruf geraten. Es kann also nicht schaden, auch die Angehörigen der gebildeten Stände, die sich sonst am liebsten tibetanische Filme in der Originalfassung ansehen, über die relevanten Dinge des Lebens zu informieren. Und die Irrwege der Medizin.

"Schulmädchen"-Darstellerinnen: Sex ist ein Austausch
RTL

"Schulmädchen"-Darstellerinnen: Sex ist ein Austausch

Der alte Hippokrates glaubte, Frauen würden auch Spermien produzieren, der Arzt Dr. Grafenberg bot eine Alternative an: den so genannten G-Punkt, von dem man bis heute nicht weiß, ob er wirklich existiert. Die Klitoris war immer "ein Opfer der Diskriminierung" und wurde für den "Ursprung allen Übels" gehalten, weswegen Ärzte oft ihre operative Entfernung empfahlen.

Dass die Kontrolle der weiblichen Sexualität immer auch ein Mittel der Repression war, ist keine neue Erkenntnis, aber eine, die man immer wieder in Erinnerung rufen muss. Dass die Entfesselung der Sexualität nicht automatisch Freiheit und Selbstbestimmung mit sich bringt, ebenso. Das macht die ARTE-Dokumentation, eine dänisch-französisch-australische Koproduktion, an einem anschaulichen Beispiel klar.

Leider geht dem Film, wie dem "Sportrammler" bei den RTL-Schulmädchen, auf halber Strecke die Puste aus. In der Abfolge von "Erregung, Plateau, Orgasmus und Rückbildung" setzt schon bald Ermattung ein. Um den filmischen Akt über die Runden zu bringen, erzählen drei junge Mädchen, wie unbeholfen sich Jungs anstellen, eine Tochter führt ein investigatives Gespräch mit ihrer Mutter: "Wie war es bei Dir beim ersten Mal?" Ältere Damen berichten, wie sie gelernt haben, sich Lust zu bereiten. Und dann gibt es noch die unvermeidlichen Forscher mit ihren raffinierten Versuchsanordnungen, die "Licht in die Vagina" bringen und mit Sensoren die Blutzirkukation in der Scheide messen, während sich die Probantinnen erotische Filme ansehen.

Was recht witzig begann, endet mit Selbsterfahrungs-Weisheiten wie "Sex ist ein Austausch, ein Geben und Nehmen" und "Man muss sich aktiv beteiligen, sonst hat man nicht den Spaß, den man haben möchte." Das meinen auch die "Schulmädchen" bei RTL.

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