Von Reinhard Mohr
Tag für Tag werden in unserer total vernetzten Welt zahllose und ungeheuerliche Verbrechen begangen: Massenvergewaltigungen, politische Morde, Verstümmelungen und Steinigungen, verheerende Bombenattentate, gnadenlose Ausbeutung und blutige Unterdrückung. Aber wenn es sich nicht gerade um eine besonders spektakuläre oder verabscheuungswürdige und in den Massenmedien auch optisch gut vermittelbare Tat handelt, wird nicht allzu viel Aufhebens darum gemacht. Das große Nachrichtenrauschen saugt alles auf und macht alles gleich. Die nächste Katastrophe wartet schon.
Für ein Ausrufezeichen im dahinrasenden Nachrichtenticker kann allerdings sorgen, wer sich auf religiöse Gegensätze, auf das Spannungsfeld zwischen christlicher und islamischer Welt kapriziert. So gelang es einem Gemeindepastor aus dem amerikanischen Provinznest Gainesville, die Alarmbereitschaft der global community allein mit der Ankündigung einer Tat zu entzünden.
Pünktlich zum Jahrestag der mörderischen Luftattacken fanatischer Islamisten auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington am 11. September 2001 wollte der christliche Fundamentalist Terry Jones vor seinem Gemeindehaus im US-Bundesstaat Florida Hunderte Exemplare des Koran verbrennen. Es sollte ein Fanal sein gegen die als bedrohlich empfundene Ausbreitung des Islam - und wäre doch nur ein idiotischer und barbarischer Akt, ein symbolischer Rückfall ins Mittelalter der Religionskriege. Nach einer Woche immer größer und grotesker werdender Hysterie hat sich Jones nun, Gott oder Allah sei Dank, anscheinend entschieden, seinen Plan fallen zu lassen.
Teufelskreis der Angst
Tief sitzt die Furcht vor der scheinbar jederzeit mobilisierbaren Kränkungsbereitschaft der radikalfundamentalistischen Muslime in der islamischen Welt, die Bilder von wütenden Mobs und brennenden europäischen Flaggen nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen vor fünf Jahren haben sich tief ins Gedächtnis der westlichen Gesellschaften eingegraben. Eine derartige Eskalation der Ereignisse sollte sich um Himmels Willen nicht wiederholen.
Doch es half nicht viel. Wie in einem Teufelskreis führte womöglich erst das Anschwellen der weltweiten Berichterstattung über Jones dazu, dass die befürchteten Gewaltreaktionen überhaupt erst provoziert wurden. So griffen am Freitag Hunderte erboste Afghanen das Bundeswehrcamp in Faizabad an. Auch durch intensive Gespräche waren sie nicht zu beruhigen und darüber aufzuklären, dass die deutschen Soldaten mit dem irren Geistlichen von Gainesville nichts zu tun haben.
Es ist ein absurdes Schauspiel auf großer Weltbühne: Wie ein Spiegelbild der von ihm so gefürchteten Radikal-Muslime führt sich der in seinem christlichen Glauben nicht minder vernagelte Pastor Jones auf, dessen stärkster Verbündeter ausgerechnet die internationale Medienöffentlichkeit ist. Dank ihr konnte es ihm gelingen, gleichsam die gesamte Weltpolitik zur Geisel seiner vermeintlich göttlichen Mission zu machen - und dies just in dem Moment, da der Streit über den geplanten Bau eines islamischen Gemeindezentrums unweit von Ground Zero die Gemüter Amerikas ohnehin schon erhitzt.
Blitzschnell vermischt sich alles im Kuddelmuddel der Echtzeit-Kommunikation: die Erinnerung an den Schock des 11. September, die leidige Debatte um den US-Präsidenten Barack "Hussein" Obama, den rechte Republikaner für einen verkappten Muslim halten, der deutsche Streit um die kruden Thesen Thilo Sarrazins, die umstrittene Ehrung des dänischen Mohammed-Karikaturisten Kurt Westergaard durch die deutsche Bundeskanzlerin (Grünen-Fraktionschef Trittin sieht darin ein "falsches Signal") und die hitzige Feuilleton-Diskussion über Islamophobie, Fremdenfeindlichkeit und den "Kampf der Kulturen".
Niemand muss sich vor radikalen Christen fürchten
In diesem Klima fortgeschrittener Verwirrung versteigt sich der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Ayyub Axel Köhler, zu der Behauptung, Bundeskanzlerin Angela Merkel gebe mit ihrer Ehrung Westergaards der "Islamfeindlichkeit", ebenso wie Thilo Sarrazin, "neue Nahrung". Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, vermisst gar die "interkulturelle Kompetenz" in den Reihen der Bundesregierung.
Das ist immerhin ein gutes Stichwort. Man kann es postwendend zurückgeben. Denn ein Gedanke drängt sich auf, eine erkenntnisleitende Frage: Wie sähen die weltweiten Reaktionen wohl aus, wenn ein fanatischer Mullah irgendwo in der arabischen Welt ankündigen würde, er wolle einen Haufen Bibeln verbrennen?
Man könnte sich jedenfalls darauf verlassen, dass keine christlichen Selbstmordkommandos losziehen würden. Es gäbe keine Massendemonstrationen wütender Gläubiger, keine Botschaften würden gestürmt und keine Flaggen verbrannt. Es gäbe auch keine Boykottaufrufe und keine Fatwa. Niemand müsste sich fürchten vor den Gewalttaten radikaler Christen.
Die nahezu panische Angst des Westens vor den Reaktionen fundamentalislamistischer Muslime, sobald irgendwo auf der Welt tatsächlich oder nur scheinbar ihre Religion verunglimpft wird, wirft ein grelles Licht auf den Kern der Problematik: Es geht nicht um Glauben, auch nicht um Gene - es geht um Kultur. Um die Kultur von Freiheit und Demokratie, die Kultur der Aufklärung und der Befreiung des Individuums von kollektiv-archaischen Herrschafts- und Zwangsverhältnissen, nicht zuletzt: um die Kultur von Kritik und Selbstkritik. Erst mit und durch sie kann sich jene Toleranz entwickeln, die es dem Einzelnen ermöglicht, zuweilen bis an die individuelle Schmerzgrenze zu gehen, um die Überzeugungen und Verhaltensweisen der anderen auszuhalten.
"Interkulturelle Kompetenz" hieße deshalb für alle Beteiligten nichts anderes, als endlich zu begreifen, dass Kritik, und sei sie auch noch so polemisch und provokativ, nichts mit einem bösartigen Vernichtungswillen zu tun hat. In den freiheitlichen Demokratien ist der harte, zuweilen sogar beleidigende Streit mit Worten und Gesten eine alltägliche Übung, eine pure Selbstverständlichkeit, und man müsste Hunderttausende von Büchern, Zeitschriften, Filmen und Kunstwerken aller Art umgehend einstampfen, wollte man diese Errungenschaft der europäischen Aufklärung aufgeben.
Ein interkultureller Brandstifter wie Terry Jones steht seinen vermeintlichen Todfeinden viel näher, als er glauben mag: Seine Predigten sind eine Kriegserklärung, und seine Worte zielen auf Vernichtung der anderen. Deshalb ist er ein Feind von Demokratie und Aufklärung. Hassprediger wie ihn darf man ebenso wenig mit übertriebener Furcht adeln wie seine islamistischen Wiedergänger. Man muss sie mit den Mitteln der Aufklärung in die Obskurität verweisen - und die globale Medienöffentlichkeit nutzen, um Gelassenheit statt Hysterie zu verbreiten.
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