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Aufruf zur Qualitätsoffensive: Rau geht mit den Medien ins Gericht

Der scheidende Bundespräsident Johannes Rau hat beim Jahrestreffen des „netzwerks recherche“ die Journalisten an ihre gesellschaftspolitische Verantwortung erinnert. Die Hysterie der Medien versetze das Land in eine Art Dauerregung.

Bundespräsident Rau: "Man muss nicht jeder Ente hinterher jagen"
DPA

Bundespräsident Rau: "Man muss nicht jeder Ente hinterher jagen"

Hamburg - "Wer im Privatleben anderer wühlt, darf sich nicht einfach auf öffentliches Interesse berufen", sagte Rau am Samstag in Hamburg vor rund 300 Journalisten. "Ich finde es abstoßend, wenn Menschen zur Belustigung anderer im Dschungel oder in heimischen Talkshows in demütigenden Situationen vorgeführt werden", sagte Rau unter Anspielung auf die RTL-Sendung "Dschungel-Camp". Auch die Veröffentlichung von Fotos toter deutscher Polizeibeamter im Irak sind für ihn nicht akzeptabel. Die Würde des Menschen müsse auch in den Medien unangetastet bleiben, forderte Rau. Dies gelte auch für Politiker.

Mit zehn Thesen erinnerte der Bundespräsident die Medienvertreter an ihre Aufgaben. Grundvoraussetzung dafür sei eine gute Ausbildung. "Junge Journalisten müssen ihr Handwerk beherrschen", sagt Rau vor der Journalistenvereinigung, die sich für die tiefgehende Recherche einsetzt. Blamabel werde es, wenn Berichterstattung über politische Themen eklatante Wissenslücken offenbart, meinte das Staatsoberhaupt. Er habe den Eindruck, dass sich die Kompetenz der Berichterstattung vielerorts deutlich verschlechtert hat.

Vor dem Hintergrund zurückgehender Anzeigenerlöse und massiven Stellenabbaus in den Redaktionen verwies der Bundespräsident darauf, dass immer weniger Journalisten immer mehr Themen bearbeiten müssen, wodurch das Fachwissen zwangsläufig abnehme. Komplexe Zusammenhänge sollten verständlich und sachgerecht dargestellt und nicht personalisiert werden, kritisierte Rau den Hang zur Boulevardisierung in den Medien.

Er griff auch die Nachrichten-Maschinerie an: "Wenn spekulative Exklusiv-Meldungen zu harten Nachrichten gemacht werden, hat das vielleicht auch etwas mit fehlender Recherche zu tun." Er betonte: "Man muss nicht jeder Ente hinterherjagen, nur weil sie einer in die Welt gesetzt hat." Mittlerweile habe sich ein verhängnisvoller Medien-Mechanismus entwickelt, der die Politik und das Land in eine Art Dauererregung versetze.

Auch in einer Podiumsdiskussion zum Kampagnenjournalismus war zuvor die härter gewordene Medienkonkurrenz ein Thema. Die beschleunigte Umlaufgeschwindigkeit von Informationen verdränge deren Wahrheitsgehalt, meinte der Chefredakteur des Deutschlandfunks, Rainer Burchardt. Welcher Journalist in Berlin nicht etwas Exklusives von einer Pressekonferenz mitbringe, habe seinen Job nicht gut gemacht, kritisierte er das im härtesten umkämpften deutschen Medienmarkt kursierende Credo. Dabei seien Präzision und Fairness entscheidend für die Auflagenentwicklung einer Zeitung, meinte der Chefredakteur der "Welt am Sonntag", Christoph Keese.

Gegen die Behinderung journalistischer Arbeit setzt sich das "netzwerk recherche" symbolisch mit seinem Kritiker-Preis "Verschlossene Auster" zur Wehr, der in diesem Jahr an die HypoVereinsbank ging. Sie erhalte den Preis stellvertretend für fast alle 30 Dax-Unternehmen. Diese untersagten es Hörfunk- und TV-Journalisten meist, bei Hauptversammlungen die Aussprache zwischen Vorstand und Aktionären mitzuschneiden. Während die Rede der Vorstandschefs gefilmt werden dürfe, würden die oft kritischen Stimmen der Aktionäre den Hörern und Zuschauern vorenthalten. Die "Verschlossene Auster" hatten in den Vorjahren Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) und der Lebensmittelkonzern Aldi erhalten.

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