"FTD" am Ende: "Wir wollen erhobenen Hauptes hier rausgehen"

Von Steffen Grimberg

Die Mitarbeiter der "FTD" sind sauer. Dass ihre Zeitung eingestellt wird, wussten sie längst. Dass der G+J-Vorstand zuerst mit anderen Medien darüber sprach, sorgt auf der Betriebsversammlung für Unmut. Wenig halfen da die Abschiedsworte des Managements: "Floskeln" seien das gewesen.

Verlustreiche Wirtschaftszeitung: Aus für die "Financial Times Deutschland" Fotos
dapd

Hamburg - Nach der Horrorwoche für die Belegschaft der "Financial Times Deutschland" ("FTD") in Hamburg hätte nur noch ein Eklat bei der Betriebsversammlung der Gruner + Jahr Wirtschaftspresse gefehlt. Anlass dazu gab es. Gleich zu Beginn sollte die eine Hälfte der Belegschaft nicht mit in den Saal dürfen, obwohl hier ihre berufliche Zukunft verkündet wurde. Die Angestellten sollten den ersten offiziellen Auftritt des G+J-Vorstands im Rahmen des "FTD"-Desasters in einem Nebenraum per Videoübertragung erleben. Der Brandschutz war angeblich schuld.

Am Ende durften dann doch alle in den Raum. Dort ging es "extrem kritisch, aber erstaunlich gesittet zu", berichtet ein Teilnehmer. "Schließlich wollen wir erhobenen Hauptes hier rausgehen".

Dass die "FTD" zum 7. Dezember eingestellt wird, wussten sie da längst alle. Die Journalistinnen und Journalisten bei der Betriebsversammlung am Freitagvormittag waren über die nun auch offiziell verkündete Einstellung entsprechend sauer. Viel wütender waren sie jedoch auf den Kommunikationsstil bei Gruner + Jahr (G+J).

Andere Medien vor der Belegschaft informiert

Schon am Dienstag hatte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ("FAZ") den Einstellungsbeschluss vermeldet. Am Donnerstag hatte G+J-Vorstandsmitglied Julia Jäkel der "FAZ" und dem "Hamburger Abendblatt" Interviews gegeben - "vor der Betriebsversammlung, auf der wir zum ersten Mal offiziell informiert wurden", sagt ein genervter Teilnehmer. Dass diese Interviews mit einer Sperrfrist versehen waren, also erst am Samstag erscheinen, sei doch "auf gut Deutsch ein Scheiß", fügte er hinzu. Das Ganze zeige eher, "dass die 'FAZ' eben wichtiger ist als die Belegschaft".

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Jäkel versuchte "so etwas wie eine Entschuldigung", berichtet ein Teilnehmer. Während sie dabei "unsicher und emotional aufgewühlt" gesprochen habe, sei ihr Mitvorstand Achim Twardy wie "ein geübter Beerdigungsredner dahergekommen, der seine Floskeln abspult".

Die konkreten Ankündigungen brachten wenig Neues: Für "Börse Online" und "Impulse" besteht noch die Möglichkeit eines Verkaufs, auch im Rahmen eines sogenannten Management-Buy-outs. "Capital" wird weiterleben, ebenso das Prestigeprojekt "Business Punk" - allerdings in Berlin. 258 Mitarbeitern wird in Hamburg gekündigt, teilte der Betriebsrat auf Anfrage mit, während drinnen am Baumwall noch die Betriebsversammlung lief. 42 müssen am Finanzplatz Frankfurt-Main gehen. Hinzu kommen noch einmal 14 Jobs in Außenbüros. Übrig bleibt eine "bislang ungenaue Zahl an Arbeitsplätzen" in der Hauptstadt.

Ein Restbestand an Kompetenz

Laut Jäkel soll "Capital" in Berlin "neu positioniert werden und eine stärker wirtschaftspolitische Ausrichtung erhalten". Geschehen soll dies unter der Ägide des "Stern"-Chefredakteurs Andreas Petzold. Das Konzept überzeugt in Hamburg nicht: "Das 5. 'Cicero' mit wirtschaftspolitischem Schwerpunkt braucht doch auch kein Mensch", sagt ein Redakteur. Manch einer sieht darin lediglich den Versuch, einen "Restbestand" an wirtschaftsjournalistischer Kompetenz zu behalten, weil "das Haus bis auf den 'Stern' mit seinen ganzen bunten Blättchen nicht ganz so als Heititei-Laden dastehen will".

Wie Hohn mutete vielen Mitarbeitern Julia Jäkels trotziges Bekenntnis zum Qualitätsjournalismus in einer Rundmail an. "Die Schließung der 'FTD' bedeutet nicht, dass guter Journalismus zur Disposition steht", so Jäkel. Kein anderer Verlag habe "so lange - beharrlich, gegen viele Widerstände - an einem ähnlich ambitionierten Projekt wie der 'FTD' festgehalten", schrieb sie den Journalisten zum Abschied. Man habe aber "die Entscheidung mit Blick auf die Zukunft des ganzen Hauses treffen" müssen.

Gehalt bis April oder länger

Derlei Bekenntnisse konnten die Gemüter kaum beruhigen. Immer wieder ging es um die Frage, wie es zu "dieser stümperhafte Kommunikationspolitik" kommen konnte. G+J hatte schließlich mit Brunswick eine externe Agentur ins Boot geholt - übrigens mit einem ehemaligen "Handelsblatt"-Chefredakteur als Senior Partner. Immerhin: Jäkel habe "versucht, sich zu entschuldigen und Fehler zuzugeben", sagten Teilnehmer an der Betriebsversammlung. Viele in Hamburg vermuten das Leck auch nicht am Baumwall, sondern in der Gütersloher Zentrale des Bertelsmann-Konzerns, der zu 75 Prozent an G+J beteiligt ist. "Für Bertelsmann geht es nur noch um Cash-Cows, die richtig Geld bringen", sagt ein "FTD"-Mann.

Nun wird über einen Sozialplan verhandelt. Die Kündigungen werden erst im Januar ausgesprochen, je nach Vertrag bekommen die Mitarbeiter dann noch bis mindestens April oder länger ihr Gehalt. "Natürlich haben wir auch gefragt, warum sich G+J nicht für eines der Alternativszenarien für die 'FTD' entschieden hat", berichtet ein Teilnehmer. Chefredakteur Steffen Klusmann hatte mehrere Varianten vorgelegt, die vor allem einen Ausbau des digitalen Angebots bei Reduzierung der gedruckten Zeitung zum Beispiel auf eine reine Wochenendausgabe am Freitag vorsahen. "Darauf wurde gesagt, man habe das geprüft, die Aussichten im Digitalgeschäft seien aber zu unsicher - auch weil der Konzern insgesamt in einer schwierigen Situation sei", sagt ein Redakteur.

"FTD"-Chefredakteur Klusmann versuchte sich derweil in Galgenhumor: Immerhin gebe es nach dieser Woche weltweit wohl niemanden mehr, der die "FTD" nicht kenne. Er erntete tosenden Applaus. An die Leser wandte sich Klusmann auf der Internetseite der Zeitung: Die "FTD" habe die "schöpferische Zerstörungskraft des Internets" zwar intensiv beschrieben, schrieb Klusmann. "Es ist uns allerdings nicht gelungen, darauf aufbauend ein Geschäftsmodell zu entwickeln, das unseren Anspruch an Journalismus zu finanzieren vermag."

Am 7. Dezember wird die letzte Ausgabe der "FTD" erscheinen. "Eigentlich war an dem Tag auch unsere Weihnachtsfeier geplant", sagt ein Mitarbeiter. "Jetzt wird es die Abschlussparty."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass "FTD"-Chefredakteur Steffen Klusmann noch am Relaunch von "Capital" beteiligt sein würde, bevor er ausscheide. Dieser Eindruck war aufgrund einer missverständlichen Pressemitteilung von Gruner + Jahr entstanden. Tatsächlich wird Klusmann weder an der Neuausrichtung noch an der Auswahl neuen Personals für "Capital" in Berlin beteiligt sein.

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Das Ende der FTD
radwal 23.11.2012
Eine wirkliche Überraschung war die nun offiziell bekannt gewordene Entscheidung wohl nicht,wenn man die wirtschaftliche 'Erfolgsbilanz'von Anbeginn sorgfältig bewertet.Nachdem auf Dauer keine überzeugende Trendwende hin zu einem möglichen Break-even herbeigeführt werden konnte,war es letztlich wohl ein Gebot der Vernunft bei G&J,das Projekt FTD aufzugeben. Bleibt zuhoffen,dass die Herausgeber den Gekündigten eine solide Abfindung bieten und die Betroffenen in ihrem Metier bald eine angemessene neue Aufgabe finden werden!
2.
seofrank 23.11.2012
Die hohe Zahl an Beiträgen auf SPON zum Ende der FTD ist schon bemerkenswert. Es liegt wohl daran, dass den Schreibern bei SPON dieses Thema besonders nahe geht, was ich natürlich nachvollziehen kann. Das deutsche Konkurrenzprodukt zum Spiegel wird schließlich auch seit Jahren massenhaft im Flugzeug verschenkt. Ehrlich gesagt dürfte das Ende der FTD vielen Lesern bei SPON aber so ziemlich an den fünf Buchstaben vorbeigehen. Ich würde es begrüßen, wenn hier nichts mehr zu dem Thema käme (das Thema ist für die meisten nicht relevanter als ein Mord oder Banküberfall). Die FTD habe ich im Flugzeug nicht mal kostenlos gelesen. Zu den Fakten, Fakten, Fakten greife ich immerhin noch gelegentlich, falls es mal keine Sportbild gibt. Kaufen tue ich aber schon seit Jahren keine Printprodukte mehr.
3. Deutschland ist eben nicht England...
AlexMoritz 23.11.2012
...Problem der Wirtschafts-Tageszeitungen ist sicherlich, dass in Deutschland die Finanzindustrie eine untergeordnete Rolle spielt. Die Deutsche Bank ist zwar auf der Weltbühne sehr präsent, doch eher mit Büros aus London und New York denn aus Frankfurt. Und auch ansonsten geht in dieser Branche nicht viel, eben kein Vergleich zu London oder New York, bei denen die Zahl der Banker bereits garantiert, dass Blätter wie die FT genügend Leser haben - und das in New York trotz Konkurrenz wie dem WSJ. Allerdings sollte man da auch nicht vergessen, dass natürlich ebenso in England und Amerika derartige Titel spezielle Nischen ausfüllen, diese schien in Deutschland einfach nicht groß genug für zwei Titel zu sein. Bleibt zu hoffen (und zu vermuten), dass das Handelsblatt viele der FTD-Leser bekommt und somit zumindest ein solider Wirtschaftstitel überlebt.
4.
Mathematiker 23.11.2012
Ich bedauere einerseits sehr die Einstellung der FTD. Aber Thomas Fricke wird mir nicht fehlen, mit seinen extrem einseitigen Betrachtungen, wo ich mich immer gefragt habe, ob er von der London City gesponsert wird...
5. Aus Sternen Sternchen gemacht
pjgudelius 23.11.2012
Der Stern nur noch ein Sternchen. Wer die Tralala-Titelgeschichte der aktuellen Ausgabe liest, weiß, was gemeint ist; billiger geht es nicht. FTD, Capital, Impulse etc. - alles ruiniert. Vielleicht sollte Bertelsmann zu Bibel-Drucken zurückkehren. Das hat groß gemacht. Koran wäre auch noch eine Möglichkeit. John Jahr und H. Nannen würden sich im Grabe umdrehen, wenn sie davon erführen. Sie erfahren es nicht mehr.
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