Aus für die "Neue Revue" Die Anti-Aging-Creme hat versagt

Busenblatt, Qualitätsillustrierte, Männermagazin und Frauenzeitschrift: Die "Neue Revue" hatte in den 62 Jahren ihres Bestehens viele Gesichter. Zum faltenfreien People-Heft ließ sich das ältliche Blatt aber nicht mehr umoperieren - im Juli erscheint die letzte Ausgabe.

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Die "Praline" lag bei Opa immer versteckt im Keller, die "Neue Revue" aber offen auf dem Fernsehtischchen. Wer als Junge in den Siebzigern etwas über das andere Geschlecht oder zumindest über dessen Physiognomie lernen wollte, konnte sich auf diese beiden Quellen recht gut verlassen. Hier sah man Ingrid Steeger und ein Heer namenloser junger Frauen oben ohne, in späteren Jahren wurde sich netterweise auch untenrum freigemacht. Weshalb die "Praline" den Ruch des Verbotenen hatte, während die "Neue Revue" als angesehene Informationslektüre durchging, erschloss sich einem als junger Mensch nicht.

Rückblickend ahnt man: Es hatte wohl irgendetwas mit der wechselvollen Geschichte der "Neuen Revue" zu tun, die in den 62 Jahren ihres Bestehens so ziemlich alles gewesen ist: Qualitätsillustrierte und Busenblatt, Männermagazin und Frauenzeitschrift, Krawallblättchen für die Kukidentgeneration und People-Postille für die Bauch-Beine-Po-Fraktion.

So freizügig, so lästerlich oder so altbacken vorne auf dem Cover auch posiert wurde (je nach Zeit und Ausrichtung) – es umwehte die "Neue Revue" stets ein klitzekleiner Hauch des Seriösen. Schließlich erschien die Zeitschrift erstmals 1946 als "Revue – die Weltillustrierte" im Verlag Kindler und Schiemeyer mit einem eleganten Titelblatt im Stil traditionsreicher angelsächsischer Weeklies.

1966 kaufte dann der Heinrich Bauer Verlag die "Revue" auf und verschmolz sie mit der "Neuen Illustrierten", schon bald wurde die Ausrichtung geändert. Man entdeckte – Oswalt Kolle sei dank – die Vereinbarkeit von Aufklärung und Verkäuflichkeit und expandierte mit nackten Tatsachen (und gelegentlich auch Erfundenem) zu einer der führenden deutschen Illustrierten. Zeitweise setzte das Magazin über zwei Millionen Exemplare ab, mehr also als ehedem "Stern" oder "Bunte". Doch nach den Siebzigern ging es mit der Auflage der "Neuen Revue" als eine unter vielen Erotikpostillen kontinuierlich bergab. Die Nacktmodels blieben zwar jung, die Werbung im Heft aber richtete sich zusehends an die Viagra-Klientel.

Trotzdem war die "Neue Revue" nie leicht einzuordnen. Zwischendurch versuchte man es zum Beispiel mit betont unerotischen Aufregern. So schrie ausgerechnet Jutta Ditfurth 1999 für eine Abrechnung mit ihren Ex-Freunden bei den Grünen vom Cover: "Zahltag, Junker Joschka!"

Das Ganze war Teil eines bizarren Selbstfindungskurses beim Bauer-Verlag – dessen schwierigster Teil ab dem Jahr 2000 von Peter Bartels absolviert wurde. Der sollte das Blatt sukzessive von der Klolektüre für ältere Herren zu einem People-Magazin für die Frau unter 60 umbauen. Nach und nach schmiss man die "Mädchen von nebenan" aus dem Heft und holte dafür mehr oder weniger authentifizierte Neuigkeiten über die oberen Zehntausend rein. Wenn die Promis mal weniger bekleidet waren – auch okay. Das Ziel, auflagentechnisch wieder auf Augenhöhe mit der "Bunten" zu kommen, verfehlte der Verlag allerdings grandios.

Uschi Glas für die Hausmütterchenfraktion

Vor drei Jahren wollte man dann das Blatt endgültig zum qualitätsträchtig daherkommenden Promi-Magazin umoperieren. Nicht ganz unschuldig daran mag das sogenannte "Caroline-Urteil" aus dem Jahr 2004 gewesen sein, also jener Richterspruch des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Straßburg, durch den die Berichterstattung über das Privatleben von Berühmt- und Halbberühmtheiten drastisch erschwert wurde. Sauberer People-Journalismus statt dreckiger Yellow Press hieß deshalb fortan auch bei Bauer die Devise.

Der Titel wurde auf "Revue" verkürzt, Druck und Papier verbessert, und schließlich gewann man sogar die Edel-Bussi-Reporterin Nina Ruge als Kolumnistin und Botschafterin für das Blatt. Doch auch der seit 2006 amtierende Chefredakteur Norbert Lewandowski, der zuvor Textchef bei "Bunte" gewesen war und als Autor von kulinarischen Führern wie "Die Weine der Toskana" für gehobenen Lifestyle steht, konnte das Ruder nicht rumreißen.

Der stetige Auflagenschwund der "Revue" (zuletzt waren es laut IVW nur noch 208.470) hat wohl auch hausinterne Gründe. So brachte man bei Bauer 2005 mit "InTouch" ein höchst erfolgreiches und extrem sparsam produziertes People-Magazin auf den Markt, dem vor kurzem - dem allgemeinen Markttrend folgend - das Schwesterblättchen "Life & Style" folgte. Gleichzeitig durften die "Revue"-Macher aber offensichtlich nicht die von "InTouch" bediente junge Klientel ins Visier nehmen. Das aktuelle Heft jedenfalls richtet sich an die Hausmütterchenfraktion: Auf der Titelseite kündigt Uschi Glas Männergeschichten an, auf der Rückseite wird für eine Anti-Knitter-Creme geworben. Motto: "Falten füllen, Haut straffen!"

Das Anti-Aging-Programm für die "Revue" hat Bauer gründlich vergeigt. Nachdem der Verlag schon 2006 seinen Traditionstitel "Praline" beerdigt hat, wird im Juli nun zum letzten Mal eine Ausgabe des Traditionstitels "Revue" erscheinen.

Opa, der die beiden einstigen Busenblätter gleichermaßen schätzte, dreht sich bei der Nachricht wohl im Grabe um. Ansonsten hält sich die Trauer in Grenzen.



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