Aus für "France-Soir" Das Boulevardblatt, für das Sartre schrieb

Tod einer Institution: Mit Starautoren, einer bestens ausgestatteten Redaktion und sensationeller Aktualität schrieb die Pariser Tageszeitung "France-Soir" in der Nachkriegszeit Pressegeschichte. Nun stellt das Blatt seine Printausgabe ein - ein Opfer des digitalen Zeitalters.

AP

Von , Paris


Am Ende reichte es nur für eine Beerdigung zweiter Klasse: Die letzte Ausgabe der Pariser Tageszeitung "France-Soir", geplant für Mittwochmorgen durfte nicht mehr an den Kiosk. "Wir haben entschieden das Erscheinen der Papierversion einzustellen, weil Räume und Personal von 'France-Soir' Ziel einer gewalttätigen Kommandoaktion waren", teilte der russische Besitzer Alexander Pugatschew in einem dürren Kommuniqué mit. Der Moskauer Geschäftsmann meinte damit Protestaktionen mit denen sich die gewerkschaftlich organisierten Betriebsangehörigen gegen die Schließung des Traditionsblattes gewehrt hatten, das auf eine Geschichte von 67 Jahren zurückblicken kann.

Es ist das Ende eines Mythos. Die Zeitung, zum ersten Mal am 7. November 1944 unter dem programmatischen Namen "France-Soir - Défense de la France" erschienen, war aus einer Untergrundpostille der Résistance hervorgegangen, die die Journalisten und Widerstandskämpfer Robert Salmon und Philippe Viannay zwei Jahre zuvor gegründet hatten. Nach Kriegsende durchlief das Blatt mehrere Fusionen, bevor es ab 1952 unter seinem legendären langjährigen Chef Pierre Lazareff zum Erfolgstitel aufstieg. Lazareff, während des Zweiten Weltkriegs im US-Exil, hatte das journalistische Handwerk im Office of War Information, wo die Alliierten Radio-Sendungen für das besetzte Europa herstellten; unter seiner Führung überschritt die Auflage von "France-Soir" schon 1953 die Millionengrenze.

Sein Erfolgsrezept: Große Fotos, breite Titelzeilen, Exklusiv-Geschichten, Karikaturen und Fortsetzungsromane. Lazareff herrschte, umgeben von sechs Sekretärinnen, über 400 Journalisten, unter ihnen die Edelfedern der Fünften Republik. Der Kriegsberichterstatter Lucien Bonard, der Philosoph und Schriftsteller Jean-Paul Sartre, der Historiker Max Gallo oder der Autor Joseph Kessel sorgten mit ihren Reportagen und Kommentaren für das intellektuelle Renommée der Zeitung, die trotz Boulevard-Anmutung über Jahrzehnte den Standard für journalistische Qualität in Frankreich vorgab.

Wagenpark mit 24 Autos

Zudem war "France-Soir" für damalige Zeiten von sensationeller Aktualität. Die Zeitung erschien in sieben Auflagen täglich, von einer Crew rund um die Uhr schaffender Redakteure stets auf den neusten Stand gebracht und versorgt von rasenden Reportern, für die ein Wagenpark von 24 Autos bereit stand - Chauffeure inklusive.

Sein weiteste Verbreitung und seinen größten Einfluss erreichte "France-Soir" während des Algerienkrieges Anfang der sechziger Jahre. Bald danach geriet der Höhenflug unter dem Konkurrenzdruck von Fernsehen und Privatfunk ins Trudeln, wobei das Blatt immer noch respektable 800.000 Exemplare täglich an die Kioske brachte. Als der visionäre Lazareff 1972 starb - dem Jahr als "France-Soir" zum Tod von General Charles de Gaulle noch einmal eine Rekordauflage von zwei Millionen erreichte - trudelte das Blatt in eine erste Krise. Es begann ein Wechsel von Chefredakteuren, Verlagsmanagern und Besitzern, ein Zick-Zack-Kurs von redaktioneller und politischer Ausrichtung, der die Zeitung Schritt für Schritt in die Verlustzone trieb.

Ende der achtziger Jahre, die Auflage war auf 300.000 Exemplare gefallen, versuchte der damalige Eigentümer Robert Hersant ein Revirement: Eine durch Entlassungen verkleinerte Redaktion, der Verkauf des historischen Gebäudes in der Pariser Rue Réaumur, die Umstellung auf Computertechnik in der Redaktion und ein kleineres Format sollten der Zeitung neuen Elan einhauchen. Trotz der Anstrengungen, auch mit einer kostenfreien Wochenendausgabe neue Leser zu gewinnen, blieb das Blatt in den roten Zahlen - bei weiter sinkender Auflage.

Relaunch ohne Erfolg

Ein weiterer Verkauf endete 2005 vorübergehend mit der Einstellung der Gehälter und Streiks. "France-Soir" wechselte noch ein halbes Dutzend Mal die Führung, bis 2009 der junge Moskauer Milliardär Pugatschew das kränkelnde Blatt übernahm. Seine Investition von 75 Millionen Euro hebelte die Auflage noch einmal kurz von 20.000 auf 80.000 Exemplare. Doch auch die grafischen Runderneuerungen (die letzte, Anfang Januar 2011, sollte für eine "klarere, luftigere und modernere" Aufmachung sorgen) blieben ohne Erfolg. Die Umgestaltung nach dem Vorbild angelsächsischer Sensationsblätter vertrieb mehr Traditionsleser, als dass sie junge Leserkreise eroberte. Nach 67 Jahren einer "außerordentlichen Geschichte" - so das Lob der Kollegen von der Nachrichtenagentur AFP - ist "France-Soir" am 13. Dezember 2011 am Ende.

Jedenfalls in der gedruckten Form. Die Redaktion, nach 89 Entlassungen auf gut drei Dutzend Mitarbeiter verringert, soll den Titel als Internet-Zeitung weiterführen - mit ungewisser Zukunft. Denn auch die anderen französischen Tageszeitungen leiden, trotz staatlicher Zuschüsse, seit Jahren unter steigenden Kosten, bröckelnder Auflage und dem Vormarsch der elektronischen Konkurrenz.

"Das ist traurig" klagte ein Fan über den Verlust seines Blattes. "Jede Zeitung weniger bedeutet auch ein bisschen weniger Demokratie." Der Kommentar, unterschrieben mit dem Kürzel Vitrolles13127, erschien nicht als gedruckter Leserbrief - sondern als Tweet.



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