Aus für "Radiomultikulti" "Falsches Signal für die Integration"

Der RBB muss sparen und will Deutschlands älteste Integrationswelle schließen. Der Zeitpunkt für die Ankündigung ist mit Bedacht gewählt: Intendantin Reims hofft, dass die ARD die Gebühreneinnahmen neu verteilt. Lautstarke Proteste könnten diese Debatte neu anheizen.

Von Ferda Ataman


Hamburg - Wie es ist, als illegaler Flüchtling in Berlin zu leben, als einer, der untergetaucht ist? Die Stimme des jungen Mannes im Radio klingt sanft. "Ich muss immer bei Freunden wohnen, weil ich ja keine Wohnung anmieten kann", sagt er in einwandfreiem Deutsch. Das sei ziemlich unangenehm. Und dann gebe es knallharte Regeln für den Alltag: Niemals Schwarzfahren in der U-Bahn etwa - "erwischt werden wäre fatal". Der Interview-Partner stammt aus einem Krisengebiet in Afrika. Wenn ihn die deutschen Behörden schnappen, müsste er dahin zurück. "Das überlebe ich nicht", sagt er trocken.

Karneval der Kulturen mit Medienpartner "Radiomultikulti": Der Sender spiegelt die Vielfalt in der Gesellschaft
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Karneval der Kulturen mit Medienpartner "Radiomultikulti": Der Sender spiegelt die Vielfalt in der Gesellschaft

Ein Live-Interview mit einem untergetauchten Flüchtling findet man in deutschen Medien eher selten. Bei "Radiomultikulti" sind ausgefallene Nischenberichte dagegen alltäglich. Multikulti-Redakteurin Sibelt Balta erklärt, dass alle Journalisten beim interkulturellen Sender "besondere Kontakte" mitbringen. Die 33-jährige Psychologin hat hier vor drei Jahren angefangen - sie brachte Verbindungen in die türkische Community mit. Der Nischenfunk ebnet so vielen Quereinsteigern den Weg in den Journalismus, was der Branche sicherlich nicht schlecht tut. Inzwischen arbeitet Balta für den Fernsehsender ProSieben.

In Zukunft werden allerdings keine Quereinsteiger mehr über den Minderheitenfunk in den Journalismus finden. Am Mittwoch hat RBB-Intendantin Dagmar Reim bekanntgegeben, was die Mitarbeiter von "Radiomultikulti" schon seit Wochen befürchten - nämlich das Aus für ihren Sender. "Die finanzielle Situation des RBB lässt es leider nicht zu, alle sieben Radioprogramme zu erhalten", erklärte Reim. Außerdem soll bis Ende 2008 das Fernsehmagazin "Polylux" mit Tita von Hardenberg eingestellt werden.

Von Januar 2009 an werde auf der Frequenz von "Radiomultikulti" ein ähnliches Programm vom WDR zu hören sein, "Funkhaus Europa" - ein milder Trost für die Fans des ältesten deutschen Mehrsprachenfunks.

"Reiche Sender werden immer reicher, arme ärmer"

Der RBB hatte erst kürzlich verlautbart, dass ihm 54 Millionen Euro im Etat für die kommende Gebührenperiode ab 2009 fehlen. Grund dafür ist, dass in Berlin und Brandenburg überdurchschnittlich viele Haushalte mit Sozialhilfe auskommen müssen. 14,5 Prozent der Haushalte sind hier von Rundfunkgebühren befreit sind, so RBB-Sprecher Ralph Kotsch. Der ARD-Durchschnitt liege bei neun Prozent. Einnahmen fehlten außerdem, weil viele in der Region erst gar nicht gemeldet sind. "Der Bayrische Rundfunk könnte die Millionen Miesen locker wegstecken", so Kotsch, "der RBB aber nicht".

Intendantin Reim hatte sich im Vorfeld innerhalb der ARD für eine neue Verteilung der Gebühren eingesetzt, eine Art Länderfinanzausgleich beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. "Denn im Moment werden die reichen Sender immer reicher, die ärmeren immer ärmer", sagt ihr Sprecher.

Möglicherweise ist der Zeitpunkt für die Verkündung der Schließung daher kein Zufall: Am kommenden Wochenende veranstaltet der RBB seinen "Tag der offenen Tür", auch "Radiomultikulti" stellt sich vor. Für die Veranstaltung wurden bereits Proteste angekündigt. Insider schließen nicht aus, dass Reim darauf spekuliert, dass die Aufregung um die Schließung des Integrationsprogramms für eine neue Diskussion über den Finanzausgleich in der ARD sorgt.

Denn bereits vor Verkündung der Hiobsbotschaft war das Thema zu einem Politikum geworden. Eine besorgte Gruppe von "Radiomultikulti"-Journalisten hatte eine Unterschriftenaktion gestartet. "Nur 'Radiomultikulti' bildet die Vielfalt unserer Gesellschaft ab", schrieben sie und: "Es muss bleiben!". Der Rundbrief sorgte für mächtig Furore.

Politiker aller Couleur äußerten sich: "Keine Ausländer-raus-Politik beim RBB" forderten Bilkay Öney und Alice Ströver polemisch, die eine migrations- und die andere medienpolitische Sprecherin bei den Grünen.

Die Staatsministerin für Integration Maria Böhmer (CDU) hat sich ebenfalls eingeschaltet und meint, eine Schließung des Senders wäre "aus integrationspolitischer Sicht das falsche Signal."

Der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening (SPD) findet es wiederum "völlig unverständlich, wie in Zeiten, in denen andere öffentlich-rechtliche Sender darüber nachdenken, ihr mehrsprachiges Angebot auszubauen, dieses Angebot eingestellt werden soll". Der Dachverband "Türkische Gemeinde Deutschland" will daran sogar die "Glaubwürdigkeit des nationalen Integrationsplans" messen.

Niedrige Quoten, wenig Geld

Mit einer Quote von 0,8 Prozent, also 38.000 Zuhörern am Tag, war der Sender eher von symbolischem Wert für die Rundfunkanstalt. Doch RBB-Sprecher Kotsch versicherte gegenüber SPIEGEL ONLINE, die niedrigen Quoten seien nicht der Grund für die Kürzungen.

Nach seiner Gründung 1994 wurde das Modellprojekt "Radiomultikulti" noch mitfinanziert vom Bundesministerium für Arbeit- und Sozialordnung. Doch die Zuschüsse gibt es längst nicht mehr. Auch der RBB habe den Sender finanziell "nur mit dem Nötigsten" ausgestattet, sagen Mitarbeiter. Daher war "Radiomultikulti" regelmäßig ein Wackelkandidat bei Kürzungen. Bisher hatte ihn seine Sonderstellung als Integrationsfunk immer wieder retten können. Diesmal hat das wohl nicht mehr gereicht.

Mit dem Aus für "Radiomultikulti" stirbt auch eine spezielle Sparte des Gastarbeiter-Hörfunks. Denn hier können Einwanderer abends ihre Nachrichten auf Kurdisch, Mazedonisch, Russisch oder Vietnamesisch hören. Je nach Wochentag. Tagsüber kündigen Moderatoren in fließendem Deutsch - manche mit Akzent - Kulturangebote und Musik aus aller Welt an.

Die Beiträge stammen von Journalisten wie Sibel Balta. Sie rapportierte zuletzt über die Beziehungen türkischer Mädchen zu ihren Familien. "Minderheitenthemen stehen bei Multikulti eben im Zentrum", sagt Balta. Deshalb wollte sie neben ihrem ProSieben-Job auch weiterhin für die Einwandererwelle arbeiten. "Der Sender ist eben anders, als die anderen", sagt sie. Nun wird sie wohl sagen müssen: "Er war eben anders".



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