Auschwitz-Gedenktag Kinder, wir sind am Zug!

Die Nazis deportierten Tausende Kinder mit der Bahn in die Konzentrationslager. Lea Rosh will eine Ausstellung auf deutschen Bahnhöfen. Dafür ist ihr jedes Mittel recht - auch die Allianz mit dubiosen Fürsprechern.

Von Henryk M. Broder


Am 27. Januar ist wieder Auschwitz-Gedenktag. Es wird überall im Lande Gedenkfeiern geben, und alle Redner werden betonen, dass Auschwitz sich nie wiederholen dürfe, dass man den Anfängen wehren müsse und dass Erinnerung das Geheimnis der Erlösung sei. Das geht seit Jahren so, es ist eine Routine, die sich eingespielt hat - wie die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten.

Kinder im Konzentrationslager Auschwitz (1945): PR fürs gute Gewissen
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Kinder im Konzentrationslager Auschwitz (1945): PR fürs gute Gewissen

Doch dieses Jahr kommt etwas Neues dazu. Es wird nicht nur stille Gedenkfeiern, es wird auch laute Demonstrationen geben, unter anderem in Frankfurt am Main, in Stuttgart, Weimar, Berlin und in vielen anderen Städten auf den Bahnhöfen der Deutschen Bahn. Organisiert werden die Kundgebungen vom "Förderkreis Denkmal für die ermordeten Juden Europas", dessen Vorsitzende Lea Rosh ist.

Nun gibt es das Holocaust-Mahnmal, für dessen Realisierung Lea Rosh über 15 Jahre gestritten hat, seit dem 10. Mai 2005. Es gehört, neben dem Jüdischen Museum, dem neuen Hauptbahnhof und der begehbaren Reichstagskuppel, zu den touristischen Attraktionen der Stadt. Mission erfüllt - der Förderverein könnte sich also auflösen.

Aber wie das so ist mit Institutionen und Vereinen, die einem guten Zweck dienen: Sie sind langlebiger als die Ziele, die sie verfolgen.

Lea Rosh, deren Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit auch ihre Gegner anerkennen, tritt nun gegen den Chef der Deutschen Bahn, Hartmut Mehdorn, an. Der weigert sich nämlich, eine von Beate und Serge Klarsfeld konzipierte Ausstellung auf den Bahnhöfen der DB zu zeigen, mit der an die 11.000 jüdische Kinder aus Frankreich erinnert werden soll, die mit Hilfe der Reichsbahn in verschiedene Konzentrationslager deportiert und dort ermordet worden sind. Mehdorn findet, eine solche Ausstellung gehört nicht auf Bahnsteige, zwischen Werbung für Hustensaft und Fernreisen in die Karibik, und hat Alternativen außerhalb der Bahnhöfe angeboten.

Krippendorffs krude Thesen

Lea Rosh weiß, dass man Verbündete braucht, wenn man etwas durchsetzen will. Wie es scheint, ist sie nicht besonders wählerisch. An dem Pressegespräch, das morgen im "Hauptbahnhof Berlin, Eingang Invalidenstraße" stattfinden soll, nimmt unter anderem auch Ekkehart Krippendorff im Namen der "Initiative Elftausend Kinder" teil.

Krippendorff, Professor emeritus an der FU Berlin, soll den Begriff "Außerparlamentarische Opposition" geprägt haben. Richtig berühmt-berüchtigt aber wurde er erst im Jahre 1991 mit einem Text, der in der "taz" erschienen ist. Darin stellte er die originelle These auf, die Juden hätten durch passiven Widerstand ihrem Schicksal entgehen können.

Krippendorff schrieb damals: "Man stelle sich vor, kein deutscher Jude wäre Befehlen gefolgt, sich zu Sammeltransporten bei den dafür vorgeschriebenen Sammelplätzen einzufinden – einige Dutzend, einige Hundert, einige Tausend, vielleicht auch einige Zehntausend hätte die deutsche Polizei einzeln (passiver Widerstand!) aus ihren Wohnungen gezerrt und auf Lastwagen verladen; aber Hunderttausende? ... Oder man stelle sich vor, die Kolonnen der Hunderte und Tausende auf dem Weg zu den Güterbahnhöfen hätten sich schlicht hingesetzt, 'Sitzstreik'nennen wir das heute ..."

Zu dieser Zeit war Krippendorff, der auch gerne erzählt, dass er eine Jüdin geheiratet hat, noch nicht emeritiert, und dass er nach diesem Text von seinen Kollegen nicht aus dem Amt gelacht wurde, sagt alles über das Ausmaß der Solidarität der Knalltüten im akademischen Milieu aus. Wie viele in seinem Gewerbe redet auch Krippendorff gerne von einer "mächtigen und einflussreichen jüdischen Lobby in den USA", und wenn die Rede auf Israel kommt, fällt ihm der Begriff "Perversion der Auserwähltheit" ein. Irgendwie hat er ein Problem mit lebenden Juden, während die toten Juden sich seines Mitgefühls nicht erwehren können – zumal wenn es "unschuldige" Kinder sind.

Also greift er zu, wenn ihm die Gelegenheit geboten wird, diese Liebe zu den toten Juden zu demonstrieren, wie ein Schnäppchenjäger im Winterschlussverkauf.

Lea Rosh weiß genau, mit wem sie es zu tun hat. Auf die Anfrage von SPIEGEL ONLINE, ob sie keine Probleme hätte, zusammen mit Krippendorff aufzutreten, antwortete sie: "Der ist mir von den Bürgerinitiativen als ihr Sprecher genannt worden. Ich werde ihn kurz halten mit der Ansprache."

Wenn er denn überhaupt zum Reden kommt. Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, der morgen ebenfalls an der Pressekonferenz teilnehmen sollte, hat Lea Rosh vor die Alternative gestellt: "Entweder Krippendorff oder ich."

Engagement zum Nulltarif

Letztlich ändert aber auch Joffes Teilnahme nichts an einer entscheidenden Tatsache: In der Sache hat Mehdorn recht. Die Idee, Bilder von Kindern, die dem Tod entgegen rollen, auf Bahnsteigen zu präsentieren, zeugt von einer voyeuristischen Obsession, die an Geschmacklosigkeit nicht mehr zu überbieten ist. (Es sei denn, man würde auch noch den letzten Augenblick im Leben und Leiden dieser Kinder zur Schau stellen.)

Der Erkenntnisgewinn einer solchen Ausstellung ist minimal, der Imagegewinn der Organisatoren umso größer. Denn wer würde es schon wagen, ermordeten Kindern das Mitgefühl zu verweigern? Es ist Engagement zum Nulltarif. Und dem DB-Chef fällt in dieser makabren Gutmenschenposse die Rolle des Bösewichts vom Dienst zu. Er will nicht an das Los der Kinder erinnert werden! Er will nicht an das Los der Kinder erinnern lassen! Kurzum: Er bringt die Kinder zum zweiten Mal um!

Nun hat die Reichsbahn in den Jahren von 1941 bis 1945 etwa drei Millionen Menschen aus ganz Europa in Konzentrations- und Vernichtungslager transportiert. Die Züge fuhren nach Plan, für größere Transporte gab es Gruppenrabatt. Wer wissen will, wie ein Massenmord bürokratisch abgewickelt wird, der braucht nur die Fahrpläne der Reichsbahn zu studieren. Warum soll nun an 11.000 deportierte jüdische Kinder aus Frankreich erinnert werden, warum nicht an alle drei Millionen Menschen, meist Juden, die von der Reichsbahn auf ihre letzte Reise geschickt worden sind?

Massenmord als PR-Vorteil

So wird ein Massenmord zur PR-Kampagne fürs gute Gewissen und zu einem Art Kräftemessen in der öffentlichen Arena. Denn Mehdorn, der Bösewicht, ist nicht grundsätzlich gegen eine Ausstellung zur Erinnerung an die deportierten Kinder - er will sie nur nicht in den Bahnhöfen zeigen. Und er will eine eigene Ausstellung konzipieren lassen, statt die französische zu übernehmen.

Lea Rosh und ihre Mitstreiter dagegen fordern nicht nur "eine Ausstellung über die Deportationszüge in die Todeslager", sie fordern eine Ausstellung "in zentralen Bereichen der Bahnhöfe", eine Ausstellung, an der "Beate und Serge Klarsfeld und die deutschen Bürgerinitiativen beteiligt sind", und die "nicht erst 2008, sondern sofort" anlaufen soll. Die Sache duldet offenbar keinen Aufschub.

Man könnte meinen, am Ende geht es nicht um die deportierten und ermordeten jüdischen Kinder, sondern um Lea Rosh, Beate und Serge Klarsfeld und ihre Verbündeten, die um einen Platz in der Hall of Fame der Erinnerung kämpfen.



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