Ausgrenzung durch Sprache: Deutsche und Döner

Die Politik sorgt sich wegen des Nazi-Terrors um den guten Ruf des Landes - mit Recht: Ausländerfeindlichkeit und Rassismus sitzen tief in der deutschen Gesellschaft. Das zeigt nicht zuletzt der unselige Begriff von den "Döner-Morden", meint Stefan Kuzmany.

Polizeibeamte vor dem Tatort in Kassel, April 2006: Allzu nahe liegende Täter-Theorie Zur Großansicht
dapd

Polizeibeamte vor dem Tatort in Kassel, April 2006: Allzu nahe liegende Täter-Theorie

Was war Deutschland doch für ein glückliches Land! Unverkrampft. Herzlich. Aufgeschlossen gegenüber den Menschen aus der ganzen Welt, die sich "zu Gast bei Freunden" fühlen sollten. Endlich schien es überwunden, das Image der Ausländerfeindlichkeit. Das war im Sommer 2006, zur Fußballweltmeisterschaft in Deutschland.

Zwei Monate vor Beginn der Freundlichkeitsfestspiele in Schwarz-Rot-Gold war Halit Y. in seinem Internet-Café in Kassel ermordet worden, hingerichtet mit zwei Kopfschüssen. Mit Fremdenhass mochte das damals niemand in Verbindung bringen - kein Ermittler, kein Politiker, kein Journalist.

Auch nach diesem neunten Mord fehlte damals von den Tätern jede Spur. Die Opfer waren Schneider, Kioskbesitzer, betrieben einen Schlüsseldienst oder einen Gemüsehandel, nur zwei Opfer arbeiteten in einem Döner-Laden, doch namensgebend für die Mordserie war der türkische Imbiss dennoch: "Döner-Morde" wurden und werden sie genannt - auch auf SPIEGEL ONLINE.

Herablassend, klischeebeladen und ausgrenzend

Der Begriff "Döner-Morde" ist ein trauriger Beweis für den latenten Rassismus der deutschen Gesellschaft - auf drei Ebenen. Zunächst bedeuten "Döner-Morde" eine herablassende Gleichsetzung und Entmenschlichung: Die Opfer werden allesamt zum "Döner" gemacht, als hätten sie keine Namen, als hätten sie keine Berufe. Man stelle sich eine ähnliche Mordserie mit vornehmlich italienischen Opfern vor - würden wir sie dann "Spaghetti-Morde" nennen? Und welch Aufschrei ginge durch Politik und Presse, würden in der Türkei serienmäßig deutsche Staatsbürger ermordet und man spräche dort von "Kartoffel-" oder "Sauerkraut-Morden"? Kaum auszudenken.

Zum Zweiten bedient der Begriff das Klischee der Ausländerkriminalität. Mit der Aufklärung der Mordserie beschäftigt war eine Polizeikommission unter dem bezeichnenden Namen "Bosporus", und deren lange gehegte Täter-Theorie, wie auch die der Presse, war vermeintlich naheliegend: Irgendwelche organisierten Kriminellen aus der Türkei oder sonst woher hätten da wohl ihre Schutzgeld- und/oder Drogenstreitigkeiten blutig ausgetragen. Die Opfer seien irgendwie in finstere Machenschaften verwickelt gewesen, und dass man dieses Netz finsterer Machenschaften nicht zu identifizieren vermochte, sprach allzu lange nicht gegen dessen Existenz, sondern eher für die heimtückische Tarnung dieses phantasierten Netzwerks von kriminellen Zuwanderern.

Die dritte Ebene des Begriffs "Döner-Morde" ist die damit zusammenhängende, aber noch viel tiefer reichende Ausgrenzung von Zuwanderern: Den deutschen Zeitungsleser konnte es wohlig gruseln, las er im Sonntagsblatt von der Mordserie, so wie die beiden Bürger, die Johann Wolfgang von Goethe in seinem "Faust" über ihre liebste Wochenendbeschäftigung sprechen lässt: "Wenn hinten, weit, in der Türkei/ Die Völker aufeinander schlagen/ Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus/ Und sieht den Fluss hinab die bunten Schiffe gleiten;/ Dann kehrt man abends froh nach Haus,/ Und segnet Fried' und Friedenszeiten." Alles so schön weit weg. Das war ungemein beruhigend für die deutsche Mehrheitsgesellschaft. Sollen sich die doch gegenseitig umbringen, sie gehören ja sowieso nicht zu uns, also ist uns das Morden eigentlich egal. Wir haben nichts damit zu tun: "Sie mögen sich die Köpfe spalten,/ Mag alles durcheinander gehn;/ Doch nur zu Hause bleib's beim alten."

"Bis zur letzten Patrone"

Verdrängen, wegschauen und ablenken, das war und ist das Mittel der Wahl, wenn sich in Deutschland der Rassismus zeigt. Niemand sagt etwas, wenn in Greifswald eine Frau im Supermarkt angespuckt wird, weil sie asiatisch aussieht. Wenn sich an der Feinkosttheke mitten in Berlin eine andere ausländisch aussehende Frau versehentlich von der falschen Seite anstellt, dann nicken die gutsituierten Kunden zustimmend, wenn die Verkäuferinnen in einen demonstrativen Dialog darüber eintreten, dass es sich "bei uns" gehöre, ordentlich zu warten, in "anderen Ländern" sei das "wohl anders". Und wenn sich in Bayern eine Frau darüber beschwert, die Post sei schon wieder so spät eingetroffen, weil die seit neuestem "ein Neger" austrage, dann wundert sie sich, wenn man sie rassistisch nennt - und weist es weit von sich.

Nach einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung von 2010 hegt etwa ein Drittel der deutschen Bevölkerung die Vorstellung, das Land sei "durch die vielen Ausländer in gefährlichem Maße überfremdet". Man solle, wenn die Arbeitsplätze knapp werden, "die Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken" - welche ja sowieso nur hierher gekommen seien, "um unseren Sozialstaat auszunutzen". Angela Merkel spricht angesichts der Nazi-Mordserie von einer "Schande" für Deutschland. Recht hat sie. Eine Schande ist es aber auch, dass sie mit einer Partei koaliert, deren Vorsitzender Horst Seehofer noch im März dieses Jahres seinen Anhängern zurief: "Wir werden uns gegen Zuwanderung in deutsche Sozialsysteme wehren - bis zur letzten Patrone."

Sprache bestimmt das Denken, und aus dem Denken entstehen Taten. Darum sind gedankenlose Worte gefährlich. Wir wissen jetzt, wer die neun Männer aus der Türkei und Griechenland umgebracht hat: es waren Deutsche, ihr Motiv war Ausländerhass. Nennen wir ihre Taten beim richtigen Namen.

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insgesamt 357 Beiträge
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1. .
Olaf 16.11.2011
Zitat von sysopDie Politik sorgt sich wegen des Nazi-Terrors um den guten Ruf des Landes - mit Recht: Ausländerfeindlichkeit und Rassismus sitzen tief in der deutschen Gesellschaft. Das zeigt nicht*zuletzt*der unselige Begriff von den "Döner-Morden", meint Stefan Kuzmany. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,798209,00.html
Dann geht mal als führendes, deutsches Nachrichtenmagazin mit gutem Beispiel voran und hört auf den Begriff "Döner-Morde" selber zu verwenden. Den ich übrigens auch nicht besonders passend finde.
2. Was zu erwarten war!
Heinz-und-Kunz 16.11.2011
Zitat von sysopDie Politik sorgt sich wegen des Nazi-Terrors um den guten Ruf des Landes - mit Recht: Ausländerfeindlichkeit und Rassismus sitzen tief in der deutschen Gesellschaft. Das zeigt nicht*zuletzt*der unselige Begriff von den "Döner-Morden", meint Stefan Kuzmany. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,798209,00.html
Jetzt wird mal wieder die ganze deutsche Gesellschaft für die Taten Einzelner verantwortlich gemacht. Und das auch noch von denen, die sich sonst nicht nur ständig gegen Kollektivhaftung aussprechen(Einzelfall), sondern den Begriff 'Döner-Morde' selbst geprägt haben. Also liebe Medien, fasst euch an die eigene Nase, statt die Schuld auf uns abzuwälzen!
3. Wie kann man sowas schreiben
Umbriel 16.11.2011
Zitat von sysopDie Politik sorgt sich wegen des Nazi-Terrors um den guten Ruf des Landes - mit Recht: Ausländerfeindlichkeit und Rassismus sitzen tief in der deutschen Gesellschaft. Das zeigt nicht*zuletzt*der unselige Begriff von den "Döner-Morden", meint Stefan Kuzmany. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,798209,00.html
Es ist wirklich schlimm, wie die Medien "wie auf Bestellung" immer wieder aufs Neue eine nicht vorhandene Feindschaft zwischen Deutschen und verschiedenen Südeuropäern auf grotesk überzeichnete Art und Weise herbeischreiben. Ich fordere dringend eine genaue Untersuchung dieser Vorgänge. Wer stößt diese Agenden und Kampagnen an? Wer ist das? Die pluralistische Gesellschaft hat ein dringendes Recht, das sofort zu erfahren! Wer sich an der Verschleierung der Urheber des Kampagnenjournalismus beteiligt, versündigt sich erheblich an freiheitlichen Grundwerten! Manches der Aufregerei mag in die Kategorie "freiwillige Selbstzensur und Selbstbezichtigung" bestimmter "Multiplikatoren" fallen. Aber das reicht nicht aus um diese stets nach ähnlichem Muster laufenden Hasskampagnen zu erklären. Wir sollten das sauber aufarbeiten! So kann es nicht weitergehen. Irgendwelche boshaften Hetzer versuchen ständig, Haß innerhalb Deutschlands zu säen!
4. Den Deutschen nur wieder einmal..
Endlager 16.11.2011
...eine allgemeine Ausländerfeindlichkeit und Rassismus zu unterstellen, ist falsch und boshaft. In nur wenigen anderen Länder der Welt leben Ausländer so sicher wie in Deutschland, und werden genauso rundherum vom Staat versorgt. Deutschland ist das Land mit den meisten Ausländern in Europa, relativ gesehen. Sie würden nicht bleiben, bzw. kommen, ginge es ihnen schlecht. "Türken" sind außerdem kein Synonym für "Ausländer", daher ist jedwede Verallgemeinerung unangebracht. PS: Politische Korrektheit, aka Neusprech, ist eine Ideologie, kein Maßstab für Rassismus und Ausländerfeindlichkeit.
5. tralala
derivo 16.11.2011
der beitrag wirkt durch die teaser daneben (gleich 4! mal doener-morde) etwas absurd...
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Fotostrecke
Neue Spuren: Döner-Morde - Spur im rechtsextremen Milieu
Neonazi-Mordserie
9. September 2000 - Enver S.
Das erste Opfer war der Blumenhändler Enver S., 38, aus dem hessischen Schlüchtern. Er stand mit seinem Verkaufswagen am Vormittag des 9. September 2000 an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. S. vertrat einen Kollegen, der an diesem Tag Urlaub genommen hatte. Am Nachmittag fand man S. im Transporter, von Kugeln durchsiebt.
13. Juni 2001 - Abdurrahim Ö.
Neun Monate später starb Abdurrahim Ö. Der geschiedene 49-Jährige, der in Nürnberg-Steinbühl wohnte, war Schneider, seit vielen Jahren in Deutschland. Tagsüber stand er bei Siemens am Band, abends besserte er für ein paar Euro Kleider aus. Am Nachmittag des 13. Juni 2001 hörten Nachbarn einen Streit, angeblich waren zwei osteuropäisch wirkende Männer bei Ö. Wenig später lag dieser tot auf dem fleckigen PVC-Boden hinter dem Schaufenster, mit zwei Kugeln im Kopf.
27. Juni 2001 - Süleyman T.
Süleyman T., 31, wurde nur wenige Tage später, am 27. Juni 2001, von seinem Vater gefunden. Der Obst- und Gemüsehändler arbeitete im eigenen Laden in Hamburg-Bahrenfeld. Kurz hintereinander hatte man ihm mit zwei Waffen - eine war die Ceska - dreimal in den Kopf geschossen.
29. August 2001 - Habil K.
Am 29. August 2001 starb Habil K. durch zwei Kopfschüsse in seinem Gemüsegeschäft in München-Ramersdorf. Passanten glauben, sie hätten einen ausländisch aussehenden Mann mit Schnurrbart weglaufen und in ein dunkles Auto steigen sehen. Er wurde nie gefunden.
25. Februar 2004 - Yunus T.
Am Morgen des 25. Februar 2004 bekam der 25-jährige Yunus T. in einem Rostocker Dönerstand Besuch. Wieder war es ein Kopfschuss, wieder aus der Ceska. Bis heute ist unklar, ob T. verwechselt wurde. Er lebte erst seit ein paar Tagen in Rostock und war an diesem Morgen zufällig als Erster an der Bude.
9. Juni 2005 - Ismail Y.
Am 9. Juni 2005 wurde Ismail Y., 50, mit gezielten Schüssen in seinem Dönerstand an der Scharrerstraße in Nürnberg getötet. Bauarbeiter sahen zwei Männer: Sie stellten ihre Fahrräder direkt vor Y.s Stand ab, gingen hinein, kamen rasch zurück und steckten eilig einen Gegenstand in den Rucksack. Das Duo wurde nie gefunden.
15. Juni 2005 - Theodorus B.
Am 15. Juni 2005 erschoss ein Unbekannter im Münchner Westend den Griechen Theodorus B., 41, der gerade einen Schlüsseldienst eröffnet hatte.
4. April 2006 - Mehmet K.
Mehmet K., 39, hörte am 4. April 2006 wohl noch die Türglocke seines Kiosks an der belebten Dortmunder Mallinckrodtstraße bimmeln, dann fielen die Schüsse.
6. April 2006 - Halit Y.
Bei der vorerst letzten Bluttat in Kassel am 6. April 2006 ging der Killer ein hohes Risiko ein: Er betrat das Internetcafé an der Holländischen Straße, obwohl sich dort mindestens drei Gäste aufhielten. Kurz nach 17 Uhr starb der 21-jährige Halit Y. durch zwei Schüsse aus der Ceska, beide in den Kopf.