Ausnahme-Fotografin Schulze Eldowy "Berlin ist hart zu seinen Bewohnern"

Sie zeigte, was nicht sein durfte: Gundula Schulze Eldowy fotografierte mit großem Feingefühl schmutzige Ecken und gebrochene Menschen in der DDR. Zwei Ausstellungen in Berlin zeigen nun das Werk der herausragenden Chronistin - die sich längst fremd in der Hauptstadt fühlt.

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Gundula Schulze Eldowy lebt hier nicht mehr. Das Berlin, das sie einst zu einer Ausnahmefotografin machte, ist für sie ein "fortgewehter Ort" - einer, dem der Wind der Wende die letzten Spuren des Milieus austrieb, das sie einst so liebte.

Hier in Berlin hat sie zwar noch immer eine Atelierwohnung. Hier ist sie von Zeit zu Zeit, sichtet Fotos, schreibt Geschichten und Gedichte. Und hier - in der C/O Galerie Berlin und im Kunstraum des Deutschen Bundestags - werden jetzt zentrale Bildreihen ihres Werks gezeigt. Mit dem Herzen aber ist sie längst woanders. Und fotografieren will sie hier schon gar nicht mehr.

1954 in Erfurt geboren, hat sie im Ostberlin der späten siebziger und achtziger Jahren das abgelichtet, was es in der DDR offiziell gar nicht geben durfte: die ärmliche Welt von Arbeitern, kleinen Angestellten und Rentnern nördlich des Alexanderplatzes, im Scheunenviertel und am Prenzlauer Berg.

Ihre Kamera hielt fest, was zwischen den Ruinen des Zweiten Weltkriegs noch stand und im Windschatten des sozialistischen Aufbaus langsam zerfiel. Sie spürte auf, was im Rauch und Bulettendunst der Kellerkneipen noch übrig war vom Geist des Bohème- und Kleingaunermilieus der zwanziger Jahre. Sie porträtierte die Menschen, die in ihren Ein- oder Zweiraumwohnungen mit Toilette auf dem Treppenabsatz fast nichts hatten außer zu viel Alkohol, Einsamkeit und Vergangenheit.

Geschichten voller Krieg und Verlust

Und doch: "Schnoddrig, direkt, etwas ordinär, aber voller Witz", so sagt sie, seien die Menschen gewesen. Sie lernte sie kennen, in den grauen Straßen rund um den heute so properen Kollwitzplatz, in einfachen Restaurants wie dem Fengler. Sie, die hübsche, blonde junge Frau mit ihren vollen Wangen und runden Augen, ging zu auf die Eigenbrötler, die Freaks, die Verzweifelten, sprach nächtelang mit ihnen, entlockte ihnen Geschichten, die voll waren von Krieg und Verlust, aber auch von verrückten Zärtlichkeiten und liebevollen Überschwängen.

Da ist der Mann, der seinen Hund in einer Basttasche sorgsam an sich drückt und es mit der Kreatur offenbar wesentlich besser meint, als es das Leben mit ihm gemeint hat. Oder Margarete Dietrich, die im Fengler die alten Lieder singt: Das Porträtfoto zeigt, wie sie aus tief verschatteten Augen auf die Ballerina ihrer Spieluhr blickt, die sich für sie dreht im Abglanz besserer Zeiten.

Und da sind Horst und Ulla: Bei ihrer Hochzeit hat es für ein vernünftiges Foto nicht gereicht. Also organisiert Gundula Schulze Eldowy nachträglich ein paar Rosen, die stattliche Braut setzt ihre Perücke auf, der schmächtige Bräutigam bindet sich die Krawatte und drunten im Hof wird das Trauungsfoto nachinszeniert.

Die Fotografin sagt es heute so: "Ich bin damals in Berlin durch meine eigenen Schatten gegangen. Und die Fotografie hat mir dabei geholfen." In diesen Jahren bezeugte sie ihren "Abstieg in die Unterwelt" vor allem mit Schwarzweiß-Bildern. Als es sie aber in der Endphase der DDR nach Dresden, in die Stadt mit dem südlicheren Licht zieht, fotografiert sie in Farbe: im Stahlwerk, im Kreißsaal, im Schlachthof. Diese Bilder spießen auf, sind drastisch, schrill, überhitzt und belichten die Unerträglichkeiten einer Welt, die kurz vor dem Bersten steht. Ihr kritischer Fokus wird nicht - wie bei den hypnotisierend verdichteten Geschichten von ihrem "Berliner Milieu" - ausbalanciert von dem Zauber der Menschen und der in ihren Gesichtern akkumulierten Geschichte.

Der genaue Blick weicht der Suche nach Schönheit

Schon 1985 hatte Schulze Eldowy in Ostberlin den großen amerikanischen Fotografen Robert Frank kennengelernt, der beeindruckt war von den tief in Leben und Leid eintauchenden Bildern der jungen Frau. Mit ihm hält sie auf inoffiziellen Postwegen Kontakt, was ihr die Nachstellungen der Stasi einträgt und, um ein Haar, die Verhaftung. Doch dann kollabiert die DDR, Schulze Eldowy entkommt und geht 1990 nach New York.

Drei Jahre später zieht es sie nach Ägypten. Heute lebt sie auf einer Hacienda in Peru, verheiratet mit einem indigenen Keramikkünstler. Ihre Fotozyklen gehen nach 1990 nicht mehr so nah ran an die Menschen. Gerade als sie in die USA zog, verblasste der Einfluss der nüchtern-direkten amerikanischen Fotografie: der von Paul Strand etwa, den sie 1975 bei einer Ausstellung in Ostberlin entdeckt hatte. Oder der von Diane Arbus' Außenseiter-Porträts, die Schulze Eldowy während ihres Studiums in Berlin und Leipzig in den Bibliotheken aufgespürt hatte.

Nach 1990 macht sie eher Bilder von Bildern: Ihre New York-Serie lässt Ikonen der Malereigeschichte mit Straßenszenen verschmelzen. Und im winterlichen Moskau entstehen Aufnahmen von verwitterten, überfrorenen Porträtfotos auf Grabsteinen. Bei diesen Arbeiten - ihrem "spirituellen Werk", wie sie sagt - ist die Suche nach künstlerischer Form und Schönheit stärker als der genaue Blick auf die Zumutungen der Realität.

Schade. Auch dem heutigen Berlin täte eine Chronistin, wie sie es war, gut. Schließlich kennt sie die Stadt noch immer. Im fernen Peru schrieb sie vor einigen Monaten: "Berlin ist hart im Umgang mit seinen Bewohnern. Berlin ist keine Stadt, die einsäuselt. Berlin fasziniert durch das Zurückgeworfensein auf sich selbst."


"Die frühen Jahre. Fotografien 1977 bis 1990" bei C/O Berlin, www.co-berlin.com; "Verwandlungen" im Kunst-Raum im Deutschen Bundestag, www.kunst-im-bundestag.de. Beide Ausstellungen bis 26. Februar 2012.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
edehac 13.12.2011
1. Gelddruckmaschinen-Thema: "negative DDR"
Zitat von sysopSie zeigte, was nicht sein durfte: Gundula Schulze Eldowy fotografierte mit großen Feingefühl schmutzige Ecken und gebrochene Menschen in der DDR. Zwei Ausstellungen in Berlin zeigen nun das Werk der herausragenden Chronistin - die sich längst fremd in der Hauptstadt fühlt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,803139,00.html
Das ist fuer Kuenstler und Schriftsteller, die die Darstellung der "negativen" Seiten der ex-DDR als Geschaeftsmodell fuer ihre Produkte benutzen, eine quasi garantierte Geldquelle - aehnlich (leider) wie es mit und um den Holocaust geschieht.
wiwi 13.12.2011
2. Das ist nicht wahr
Zitat von edehacDas ist fuer Kuenstler und Schriftsteller, die die Darstellung der "negativen" Seiten der ex-DDR als Geschaeftsmodell fuer ihre Produkte benutzen, eine quasi garantierte Geldquelle - aehnlich (leider) wie es mit und um den Holocaust geschieht.
Als die Fotografin auf eigene Kosten ihre wichtigsten Fotografien herstellte, tat sie es nicht, um eine Geldquelle zu erschließen, sondern weil sie aus innerem Antrieb heraus das fotografieren musste, was von der damaligen Gesellschaft verdrängt wurde.
jayred 13.12.2011
3. da hat wohl einer...
Zitat von edehacDas ist fuer Kuenstler und Schriftsteller, die die Darstellung der "negativen" Seiten der ex-DDR als Geschaeftsmodell fuer ihre Produkte benutzen, eine quasi garantierte Geldquelle - aehnlich (leider) wie es mit und um den Holocaust geschieht.
-...aber auch nicht ein einziges foto der besagten künstlerin betrachtet. was soll an den bildern "negative ddr" sein? wie der artikel es schon sagt zeigen die bilder reste vom milieu, keine auswüchse des stalinistisch gefärbten sozialismus. aber kunstbashing scheint ja en vogue zu sein, egal ob man nun was davon versteht oder nicht...
lilly51 13.12.2011
4.
Zitat von sysopSie zeigte, was nicht sein durfte: Gundula Schulze Eldowy fotografierte mit großen Feingefühl schmutzige Ecken und gebrochene Menschen in der DDR. Zwei Ausstellungen in Berlin zeigen nun das Werk der herausragenden Chronistin - die sich längst fremd in der Hauptstadt fühlt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,803139,00.html
Das Sich-Fremd-Fühlen teilt die Fotografin mit den Protagonisten ihrer Bilder: Menschen, über die die Veränderungen der letzten 20 Jahre wie eine Flut hereingebrochen sind, Menschen, die mit ihrem Leben schon früher schwer zurechtkamen und jetzt oftmals völlig überfordert sind. Wenn man heute durch den Prenzlauer Berg geht, erkennt man kaum etwas wieder: alles fremd, die Häuser, die Menschen, die Geschichten. Oder, wie es der Journalist und Schriftsteller Alexander Osang formulierte, als er aus New York wieder in den Ostteil Berlins zog: Es ist, als würde einem seine Stadt unter dem Arsch weggezogen. Veränderungen gehören zum Leben. Sie bieten Chancen. Aber sie müssen, um genutzt zu werden, auch auf Menschen treffen, die die Mittel und Möglichkeiten dazu haben.
wiwi 13.12.2011
5. Geschichte und Natur
Aber sie müssen, um genutzt zu werden, auch auf Menschen treffen, die die Mittel und Möglichkeiten dazu haben.[/QUOTE] Geschichte fragt nicht danach. Sie geschieht als Teil der Natur.
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