Aussagen zur Nazi-Politik Frauenrechtlerinnen begrüßen Hermans NDR-Rauswurf

Umstrittene Äußerungen zur Nazi-Zeit haben NDR-Moderatorin Herman den Job gekostet - auch weil es dem Sender zufolge nicht das erste "Missverständnis" ist. Frauenpolitikerinnen begrüßen die Kündigung und geißeln Hermans Geschichtsklitterung.


Frankfurt am Main/Hamburg - Am Sonntagmittag zog der Norddeutsche Rundfunk die Notbremse: "Frau Hermans schriftstellerische Tätigkeit ist aus unserer Sicht nicht länger vereinbar mit ihrer Rolle als Fernsehmoderatorin und Talk-Gastgeberin", ließ der NDR-Programmdirektor Volker Herres in einer Erklärung verbreiten. Der Sender reagierte damit nach drei Tagen auf Eva Hermans umstrittene Äußerungen über die NS-Zeit. Die fast 20 Jahre währende Zusammenarbeit wurde "mit sofortiger Wirkung" beendet.

Herman hatte sich Teilnehmern zufolge bei der Vorstellung ihres neuen Buches "Das Prinzip Arche Noah - warum wir die Familie retten müssen" am Donnerstag in Berlin über die Wertschätzung der Mütter und Familien auch im Nationalsozialismus und über die Abschaffung solcher Werte in der 68er Bewegung ausgelassen. Der NDR erklärte, Herman habe im Gespräch ihre in der "Bild am Sonntag" zitierte Erklärung bestätigt, wonach "Werte wie Familie, Kinder und das Mutterdasein, die auch im Dritten Reich gefördert wurden, anschließend durch die 68er abgeschafft wurden".

Auch TV-Moderatorin Bettina Tietjen rückte von ihrer Talk-Partnerin Eva Herman ab. "Ich kann die Entscheidung des NDR verstehen. Ich distanziere mich von den Äußerungen Eva Hermans", sagte sie am Rande einer Benefizgala in Hamburg. "Ich finde es traurig, dass es so weit kommen musste." Mit Herman selbst habe sie noch nicht gesprochen. Sie werde auf jeden Fall am kommenden Freitag die nächste Ausgabe
der Talkshow "Herman und Tietjen" moderieren. Wer dann an
der Seite von Tietjen sitzt, will der NDR kurzfristig klären.

"Unerträgliche Geschichtsklitterung"

Frauenpolitikerinnen begrüßten die Entscheidung des NDR. "Bei Eva Herman wünscht man sich selbst als Frauenrechtlerin, sie möge doch bitte heim an den Herd gehen", sagte die Grünen-Fraktionschefin Renate Künast "Bild.de". Hermans Geschichtsklitterung sei unerträglich.

Die Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen, Elke Ferner, erinnerte an das Schicksal jüdischer Familien und anderer Verfolgter während der NS-Zeit. Aber auch anderen Frauen "wurde in dieser Zeit der verquasten Mütterideologie das passive Wahlrecht genommen, sie wurden aus den Universitäten getrieben", erklärte sie.

Hermans Äußerungen hatten auch bei NDR-Gremienmitgliedern für Entrüstung gesorgt. NDR-Rundfunkrätin Sara-Ruth Schumann, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Oldenburg, sagte, von einer "intelligenten Moderatorin erwarte ich, dass sie sauber formuliert". Für jüdische Mütter und Frauen, die mit jüdischen Männern verheiratet gewesen seien, habe das damals alles nicht gegolten. Verwaltungsratsmitglied Michael Fürst, zugleich Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Hannover, sagte: "Wenn sie diesen verquasten Unsinn so gesagt hat, spricht das für ein sehr schlichtes Gemüt und ist historisch unverantwortlich."

Herman dagegen verteidigte ihre Äußerungen und wies eine Rechtslastigkeit entschieden zurück. "Es ist völlig absurd und bösartig, mich in die rechte Ecke zu stellen", sagte Herman der "Bild am Sonntag". Sie habe auch in ihrem Buch geschrieben, dass sie sich von allen links- und rechtsradikalen Gruppen distanziere. In "Das Prinzip Arche Noah" bekräftigt sie ihre Kritik am Feminismus und plädiert für mehr Zusammenhalt in der Familie. Voraussetzung dafür ist ihrer Meinung nach, dass Männer und Frauen zu traditionellem Rollenverständnis zurückfinden.

Auf Eva Hermans Website verweist ein Link zur Kampagne "Laut gegen Nazis", im Rahmen derer sich die Autorin mit anderen bekannten Persönlichkeiten in einer Hörbuchreihe gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus engagiert.

"Nicht der erste Vorfall dieser Art"

NDR-Programmdirektor Herres betonte allerdings, Hermans Verbalentgleisung sei nicht der erste Vorfall dieser Art gewesen. "Auch Frau Hermans geplanter Auftritt bei einer Unterorganisation der rechtspopulistischen FPÖ, den sie erst nach Intervention absagte, war ein solches Missverständnis."

Anlässlich dieses Beinahe-Auftritts habe der Sender die Moderatorin im März eindringlich gebeten, alle Handlungen und Äußerungen zu unterlassen, die geeignet seien, ihr öffentliches Bild als Talk-Moderatorin und damit auch das des NDR zu beschädigen. Zugleich sei Herman darauf hingewiesen worden, dass eine klare Trennung zwischen ihrer Arbeit als Talk-Moderatorin und als Buchautorin unabdingbar sei, sagte Herres.

Stattdessen kam es jedoch nach NDR-Angaben immer wieder zu Vermischungen. So habe Herman, die beim Sender bisher als freie Mitarbeiterin tätig war, in der vergangenen Woche am Rande der Internationalen Funkausstellung in Berlin die Kirchen zu einer stärkeren Präsenz in Talkshows aufgefordert, um zum "Auftrag von Mann und Frau" Stellung zu nehmen.

NDR-Programmdirektor spricht von "Mutterkreuzzug"

"Äußerungen wie diese wirken polarisierend", kritisierte Herres. So hätten Gäste ihren Auftritt bei der N3-Talkshow "Herman und Tietjen" abgesagt oder stünden von vornherein nicht zur Verfügung. "Einer solchen Entwicklung können wir nicht tatenlos zusehen", sagte der Programmdirektor.

"Frau Herman steht es frei, ihren 'Mutterkreuzzug' fortzusetzen, aber mit der Rolle einer NDR-Fernsehmoderatorin ist dies nicht länger zu vereinbaren", erklärte Herres.

Die 48-jährige Herman war 1988 vom Bayerischen Rundfunk zum NDR gewechselt. Seit 1989 gehörte sie zum Moderatorenteam der "Tagesschau" - eine Position, die sie bereits 2006 nach dem Erscheinen ihres antifeministischen Buches "Das Eva-Prinzip" aufgab. Zuletzt war sie Moderatorin der Talkshow "Herman und Tietjen". Wer am kommenden Freitag an der Seite von Bettina Tietjen vertretungsweise durch die Sendung führt, will der NDR kurzfristig klären.

phw/AP/ddp/dpa



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