Aussteiger Horst Köhler Pragmatisch wie Niki Lauda

Der Idealismus ist eine schreckliche deutsche Tradition. Horst Köhler war kein Idealist. Er war ein Pragmatiker, der sein Amt ernst nahm - und auf seine biedere, schwäbische Art sogar Spaß daran hatte. Dann war der Spaß vorbei, und Köhler stieg einfach aus. Vernünftig, findet Henryk M. Broder.

Köhler hat man es angesehen, dass er Spaß an seinem Amt hatte - auf seine Art
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Köhler hat man es angesehen, dass er Spaß an seinem Amt hatte - auf seine Art


Zwei politische Rücktritte innerhalb einer Woche, das ist mehr als wir Staatsbürger gewohnt sind. Doch während nicht einmal die Parteifreunde von Roland Koch dem resignierten hessischen Ministerpräsidenten eine Träne nachweinen, sind viele im Volk über den Amtsverzicht von Horst Köhler aufrichtig schockiert. Wie kann er nur? So mir nichts, dir nichts einfach hinschmeißen, weil er für ein Interview, in dem er nichts Falsches gesagt hat, kritisiert wurde? Und das in einer Situation, in der die Regierung rasant an Vertrauen verliert! Gerade jetzt bräuchten wir doch einen "Fels in der Brandung", der nicht von der Stelle weicht, an dem wir uns festhalten können, eine moralische Instanz, die uns den Weg weist.

Von wegen. Richard Herzinger hat vor kurzem in der "Welt" darauf hingewiesen, dass die enorme Popularität, die der holländische Trainer des FC Bayern, Louis van Gaal, genießt, nicht nur mit seinen Erfolgen auf dem Platz zu tun hat, sondern vor allem damit, dass er eine Vaterfigur verkörpert, die Politiker nicht bieten, und das "obwohl er anfangs wie ein unbeholfener Widerwurz herüberkam".

So war es auch bei Köhler. Als er nominiert wurde, spottete "Bild": "Horst ...Wer?" Es dauerte nur ein paar Monate, und Horst wer? Köhler war zum beliebtesten Politiker der Republik avanciert. Obwohl in seinen Reden keine Funken flogen, obwohl sein Charme ebenso schwäbisch ist wie seine Aussprache und sein ganzes Styling so bieder wie eine Portion Schupfnudeln mit Sauerkraut.

Unbeholfen, aber glaubwürdig

Dafür hatte man bei ihm immer das Gefühl, dass er sich nicht verstellte, dass er genau das sagte, was er meinte, und das meinte, was er für richtig hielt, und nicht das, was ihm ein PR-Berater eingeflüstert hatte. Unvorstellbar, dass Köhler wegen der Behauptung, er würde sich die Haare färben, vor Gericht gegangen wäre, denn erstens färbte er sich nicht die Haare und zweitens wäre ihm so etwas peinlich gewesen.

Der Stammtisch beziehungsweise das "dumme" Volk, das meistens klüger ist als seine medialen Vormünder glauben, hat für diese Art der Authentizität ein sicheres Gespür. Es weiß instinktiv, wann es über den Tisch gezogen wird - wenn zum Beispiel für die vorläufige Rettung einer bankrotten Sirtaki-Republik, die weit über ihre Verhältnisse gelebt hat, Milliarden bereitgestellt werden, während daheim an allen Ecken gespart werden muss.

Es weiß auch, dass die oberschlauen Menschen, die jeden Tag in der "Tagesschau" unverständliche Sätze von sich geben, keine Politiker, sondern Politikdarsteller sind, dass sie eine Rolle spielen, die sie heute annehmen und morgen ablegen, wie es die Aktualität gerade verlangt, egal ob es sich um Claudia Roth, Gregor Gysi, Jürgen Rüttgers oder Andrea Ypsilanti handelt.

Köhler dagegen stand nicht für Eleganz, sondern für Ehrlichkeit. Man hatte bei ihm auch nie das Gefühl, dass er sich für eine Sache "opfern" würde, wie es uns fast alle Politiker, die an der Macht wie Tapeten an der Wand kleben, immer wieder vormachen. Sie könnten ja, raunen sie, in der freien Wirtschaft viel mehr verdienen und viel weniger Stress haben, aber ihr Pflichtbewusstsein zwinge sie dazu, dem Volke zu dienen.

Köhler dagegen hat man es, auf seine Art, immer angesehen, dass er auch Spaß an seinem Amt hatte. Er agierte unbeholfen, aber glaubwürdig.

Und dann war der Spaß eines Tages vorbei. Natürlich waren die Reaktionen auf das Interview, in dem er auf den Zusammenhang von politischen und wirtschaftlichen Interessen im Falle eines kriegerischen Einsatzes der Bundeswehr hinwies, nicht der Grund, sondern nur der berühmte letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Von einem Ökonomen zu erwarten, dass er ausgerechnet diesen Zusammenhang übersieht, wäre so naiv, als würde man von einem Bäcker erwarten, dass er seine Brötchen umsonst hergibt, weil er sie mit so viel Liebe hergestellt hat.

Es gibt Wichtigeres im Leben

Aber gerade diese Naivität hat in Deutschland einen Namen: Idealismus. Und eine schreckliche Tradition. Deutsch sein, das bedeutet, die Sachen um ihrer selbst Willen zu tun, ohne materielle Interessen und andere Hintergedanken. Oder wenigstens so zu tun, als ob es so wäre. Wäre Köhler ein Idealist, hätte er die Illusion vom Kampf für die gute Sache wahren und sein Amt behalten müssen.

Die Ausrede, dass sie es eigentlich gut gemeint haben, nur das Beste wollten und sich persönlich nicht bereichert haben, war nach 1945 die letzte verbale Bastion vieler ehemaliger NS-Aktivisten. Nach 1989 kam die Floskel wieder zum Einsatz, um die zweite Diktatur auf deutschem Boden als misslungenen, aber doch ehrenwerten Versuch schönzureden.

Köhler war kein Idealist. Er war Pragmatiker, der sein Amt ernst nahm. Er schaute sich die Gesetze, die er unterschreiben sollte, genau an, er las allen die Leviten. Am Ende machte er es Niki Lauda nach, der mitten in einem Rennen anhielt, aus dem Wagen stieg und sagte: "Es gibt wichtigere Dinge im Leben, als mit einem Auto im Kreis herumzufahren."

Wir haben uns daran gewöhnt, dass man Politiker zum Rücktritt treten muss. Dass einer von sich aus geht, ist ein Skandal, der unsere Phantasie überfordert. Horst Köhler hat gezeigt, dass es möglich ist. Ohne Blut, Schweiß und Tränen. Einfach so. Weil es im Leben wichtigere Dinge gibt, als sich im Kreis zu drehen. Der Undank des Vaterlandes ist ihm gewiss.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 171 Beiträge
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Seite 1
tobias1980 01.06.2010
1. xxx
So sehr es richtig ist, daß Horst Köhler sicher eine integre Persönlichkeit und ein sehr sympathischer Mann ist, so wenig kann ich den Schluß von Herrn Broder nachvollziehen. Herr Köhler hat als Bundespräsident ein öffentliches Amt bekleidet, daß er (über den Umweg von Bundestag und Landtagen) dem mehrheitlichen Willen der Bevölkerung verdankt. "Dem deutschen Volk zu dienen", das war seine Aufgabe. Daher bedarf eine vorzeitige Beendigung der Wahlperiode einer vernünftigen Rechtfertigung gegenüber dem Souverän, von dem er seine Rechte ableitet und demgegenüber er verpflichtet ist. Die Erklärung, die er gestern abgegeben hat, genügt keineswegs diesen Anforderungen. Der vorgebrachte Grund ist läppisch: Ein Bundespräsident ist nicht der Papst und muß daher öffentliche Kritik aushalten, egal ob sie berechtigt oder unberechtigt, moderat oder scharf ist. Sofern tatsächlich andere Gründe hinter seinem Rücktritt stecken, hätte er diese auch nennen müssen. Das Volk hat ein Recht darauf zu erfahren, was ihn wirklich zu seinem Schritt bewogen hat. Und zwar deshalb, weil das Volk eben letztlich sein "Arbeitgeber" ist. Zudem erschreckt auch der Stil: Warum kein vernünftiges Gespräch mit der Kanzlerin, statt dessen nur ein Telefonat? Warum so kurz vorher, daß keine realistische Chance zur Diskussion mehr bestand? Warum ein Abgang "mit sofortiger Wirkung", statt wenigstens einen geordneten Übergang hinzubekommen? Pragmatisch erscheint Köhlers Schritt keineswegs, sondern überhastet und aus einem Moment der akuten Erregung/Enttäuschung/Empörung heraus getroffen. Nein, dieses Vorgehen hat das Amt des Bundespräsidenten schwer beschädigt, weil Köhler es behandelt hat wie den Vorsitz eines Kleingartenvereins, den man einfach mal so von sich wirft.
grün-blau-rot-gelb 01.06.2010
2. respekt
die entscheidung zum rücktritt genießt meinen vollen respekt. bislang konnte ich mit köhler wenig anfangen; die läßigkeit aber, mit der er seiner inneren stimme und nicht den äußeren zwängen gehorcht, ist vielleicht sein größter verdienst an der verbissenen deutschen nation.. leider wird diese es nicht verstehen wollen.
Lottofreak 01.06.2010
3. Hr.Broder - ihr Satz
Wir haben uns daran gewöhnt, dass man Politiker zum Rücktritt treten muss. _____________________________________________________________ wer von uns weiß denn schon ob nicht genau das hinter den Kulissen passiert ist ?
heatupcooldown 01.06.2010
4. Absolut meine Meinung
Zitat von sysopDer Idealismus ist eine schreckliche deutsche Tradition. Horst Köhler war kein Idealist. Er war ein Pragmatiker, der sein Amt ernst nahm - und auf seine biedere, schwäbische Art sogar Spaß daran hatte. Dann war der Spaß vorbei, und Köhler stieg einfach aus. Vernünftig, findet Henryk M. Broder. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,698076,00.html
Ja der gute Herr Broder hat es meiner Meinug nach wieder mal auf den Punkt gebracht. Warum sollte ein Mensch mit Rückrad sich von unseren gutmenschlichen Politikern zurechtweisen lassen weil er zur Abwechsung mal die Wahrheit sagt, daß nämlich das Militär das letzte Mittel der Politik darstellt und nicht ein bewaffnetes THW das der Entwicklungshilfe dient. Komisch warum haben die eigentlich Panzer... Aber klar Merkel und Konsorten sagen das nicht öffentlich das könnte die Menschen in Deutland ja aufklären - Gott bewahre! Herr Köhler hat Mut bewiesen und konsequent gehandelt. Dennoch ein schlechter Tag für Deutschland jetzt kommt wieder ein Opportunist, wetten. Gruß
hoppeditz2 01.06.2010
5. Broder hat mehr Gespür ...
... für das, was seine Landleute so denken, als die meisten oberschlauen Medienvertreter der Berliner Polit/Presse-Bettgemeinschaft.
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