Baukunst auf dem Balkan: Die Pracht des Paschas

Von Ingeborg Wiensowski

Sie schufen Moscheen und Paläste, Friedhöfe und Badehäuser: Die Osmanen prägten den Balkan auch architektonisch. Eine Foto-Ausstellung erzählt nun die Geschichte ihrer Herrschaft anhand von Bauten. Manche sind kaum mehr als romantische Ruinen, andere bis heute eine Pracht.

Kann man sogar das Mittelalter mit Fotos erzählen? Zum Beispiel die sechs Jahrhunderte währende Geschichte der Balkanvölker? Klar, man kann. Denn die gemeinsame historische Erfahrung der Balkanländer hat sich in öffentlicher und privater, christlicher, muslimischer und jüdischer Bautätigkeit manifestiert - die noch heute zu besichtigen ist.

"A Balkan Tale - Eine Geschichte vom Balkan" heißt die Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz, die anhand von 50 ausgewählten Bauwerken die osmanische Besetzung des Balkans vom 14. bis ins 20. Jahrhundert beschreibt. Erst mit dem Ersten Weltkrieg endete die Herrschaftsperiode. Die meisten Gebiete waren bis dahin ununterbrochen unter osmanischer Kontrolle. Nur auf dem griechischen Peloponnes waren die Osmanen nicht durchgehend präsent. Die Ionischen Inseln und die Dalmatinische Küste konnten sie nie erobern.

Fünf Fotografen aus der Region haben die historische Architektur im Auftrag des Goethe-Instituts fotografiert: Jutta Benzenberg, gebürtige Deutsche, machte ihre Aufnahmen in Albanien, wo sie lebt; Ivan Blazhev, Filmemacher und Fotograf aus Skopje, war in seiner Heimat Mazedonien unterwegs, Samir Karahoda im Kosovo, wohin er nach längeren Auslandsaufenthalten zurückgekehrt ist. Der in Paris geborene Grieche Kamilo Nollas mit Wohnsitz Athen arbeitete mit seiner Kamera in Griechenland und der Serbe Ivan Petrovic, Mitbegründer des Fotografiezentrums in Belgrad, fotografierte in Serbien. Zu sehen war die Schau bisher in Athen, Thessaloniki, Skopje und Prizren, nun kann man sie zeitgleich in Chemnitz, Belgrad und auf der griechischen Insel Chios besuchen.

Papa eroberte die Stadt militärisch, Sohnemann architektonisch

Aufgeteilt ist die Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz in die Kapitel Eroberung, Glaube & Gebet, Zusammenleben, Modernisierung und Vergessen & Erinnern. So hat Ivan Blazhev die 1438/39 erbaute Ishak-Bey-Moschee in Skopje fotografiert, die zu den ältesten Gebäuden der Stadt gehört - und ursprünglich ein Gästehaus war. An diesem Gebäude lässt sich Stadtgeschichte ablesen: Pasa Yigit Bey eroberte die Stadt militärisch. Und sein Sohn Ishak Bey machte sie sich architektonisch untertan, indem er den osmanischen Baustil förderte und die Anlage aus Herbergen, Armenküche und einer Schule für Muslime stiftete.

Blazhev fotografierte auch die Aladza-Moschee ("Bemalte Moschee") in Tetovo, die laut neuen Forschungsergebnissen 1495 von zwei Schwestern gestiftet wurde. Sie ist eines der schönsten osmanischen Bauwerke in der Region. Noch prächtiger wurde sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als der örtliche Machthaber sie üppig bemalen und die Fassade mit marmorierten Fresken versehen ließ.

Auch das nicht-religiöse öffentliche Leben wurde - und wird - von der osmanischen Architektur geprägt. Denn viele der Gebäude werden bis heute genutzt, wenn auch oft anders, als einst geplant: Der sogenannte Yahudi-Hamam ("Jüdisches Hamam") in Thessaloniki steht am großen Marktplatz im Stadtzentrum, wo im 16. Jahrhundert viele Juden lebten. Weil das Haus zwei Eingänge hat, ist man sich sicher, dass dort auch Frauen badeten. Restauriert wurde das Gebäude durch den Griechischen Archäologischen Dienst, heute dient es als Ausstellungsraum.

Es gibt aber auch traurige Geschichten: Der Jüdische Friedhof in Bitola, 1497 erbaut, ist einer der ältesten auf dem Balkan. 1943 waren die letzten Juden deportiert worden. Dann gab es niemanden mehr, den man dort beerdigen konnte. Nun erinnern Tausende verfallener Grabsteine an die Verstorbenen. Aber nur noch wenige der Inschriften sind überhaupt noch zu entziffern.

Ebenfalls aufgegeben ist die Moschee in Arta, fotografiert von Kamilo Nollas. Zufällige Passanten werden kaum erkennen, dass dieses verfallende Gebäude mit dem auffälligen Mauerwerk überhaupt eine Moschee war. Auch vom Familienpalast der Vrioni in Berat ist nicht viel übrig. Die Villa besteht nur noch aus Trümmern, nur ein Grabmal und das Tor des Palasts, fotografiert von Jutta Benzenberg, blieben erhalten. Das Tor allerdings ist eines der schönsten Baudenkmäler Albaniens.

Wer mehr wissen möchte, als Fotos und Texte in der Ausstellung vermitteln, sollte sein Handy mit in die Schau nehmen. Denn über QR-Codes wird ins Netz verlinkt, wo weitere Informationen nachzulesen sind. Einen Preis hat "A Balkan Tale" übrigens auch schon gewonnen: eine Goldmedaille beim European Design Award - für das Logo der Ausstellung.


"A Balkan Tale - Eine Geschichte vom Balkan". Kunstsammlungen Chemnitz. Noch bis 2. September.

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