Ausstellung in Tübingen "Das befriedigt den Voyeur in uns"

Täuschend echte Menschenskulpturen verstören die Besucher der Kunsthalle Tübingen. Warum hyperrealistische Körper so irritierend wirken, erklärt Kunsthistorikerin Nicole Fritz.

Carole Feuerman/Galerie Hübner & Hübner/ Institut für Kulturaustausch, Tübingen

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SPIEGEL ONLINE: In der Kunsthalle Tübingen liegt ein gigantisches Neugeborenes auf dem Boden, es ist nackt, blutbeschmiert, fünf Meter groß. Wie reagieren Menschen, die das sehen?

Nicole Fritz: Der Anblick des Säuglings "A Girl" ist monströs. Der Künstler Ron Mueck hat damit etwas ganz Intimes geschaffen, gleichzeitig aber etwas Bedrohliches. Ich hoffe, dass das viele Fragen aufwerfen wird: Wie geht es mit dem Menschen weiter, angesichts der vielen technischen Möglichkeiten, die wir haben? Welche Ängste löst es in uns aus, dass wir mit Genmanipulation die Natur eingreifen? Diese gegensätzlichen Gefühle werden besonders klar, weil die Figur so überdimensioniert ist.

SPIEGEL ONLINE: Die menschlichen Abbilder von Duane Hanson hingegen sind originalgetreu, man könnte sie mit Ausstellungsbesuchern verwechseln, etwa den müde ins leere blickenden Bodybuilder. Warum wirken sie trotzdem so irritierend?

Fritz: Zum einen befriedigt es den Voyeur in uns, denn wir starren diese Beinahe-Menschen länger an, als wir das normalerweise tun. Zum anderen löst sich die Distanz zwischen Betrachter und Werk auf, weil die Kunst den Menschen täuschend echt nachbildet. Es scheint keine Verfremdung mehr zu geben. Dem Betrachter wird bewusst, dass alles, was das Werk in ihm auslöst, eine Frage seiner eigenen Wahrnehmung ist.

SPIEGEL ONLINE: Man kann in der Kunsthalle Tübingen erfahren, wie man auf hyperrealistische Körper ohne Kopf oder einzeln ausgestellte Körperteile reagiert. Ein Mobiltelefon verschmilzt mit menschlicher Haut. Ist das nicht brutal?

  • picture alliance/ Sebastian Gollnow
    Nicole Fritz, 49, ist Kunst- und Kulturwissenschaftlerin und promovierte über Joseph Beuys. Sie arbeitete beim Auktionshaus Sotheby's in London, kuratierte mehrfach Ausstellungen über zeitgenössische Kunst und leitete das Kunstmuseum Ravensburg. Seit Januar 2018 ist sie Direktorin der Kunsthalle Tübingen.

Fritz: Die Künstler reflektieren, wie zerbrechlich und vergänglich der menschliche Körper ist und wie er von der Technik geprägt wird. Ich denke deshalb nicht, dass die Skulpturen verschrecken. Lange hat man den Menschen als eine Einheit aus Leib, Seele und Geist verstanden. Einige Künstler hinterfragen, ob das immer noch gültig ist.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das auch für das ausgestellte Werk der Feministin Mathilde ter Heijne, die immer wieder ihren eigenen Körper nachbildet und mit ihren eigenen Dummys Gewaltszenen nachspielt?

Fritz: Hier geht es um Rollenklischees. Mathilde ist ein typischer Name im französischen Kino, in Filmen, in denen sich Frauen masochistisch in ältere Herren verlieben. Sie leiden an ihrer unglücklichen Liebe, sind aber zu unselbstständig, um sich zu lösen. Bei ter Heijne stürzt Mathilde ihre Doppelgängerin von der Brücke. Sie zeigt, dass ihre Identität nicht fest, sondern durch soziale Prägung konstruiert ist.

SPIEGEL ONLINE: Auch Körperideale sind eine gesellschaftliche Konstruktion. Wie setzen sich die Künstler damit auseinander?

Fritz: Indem Körperfragmente oder Konterfeis deformiert werden, etwa bei den photoshopähnlichen Verzerrungen von Evan Penny oder den haarigen Mischwesen, die die Australierin Patricia Piccinini mit Ausstülpungen versieht. Ich habe festgestellt, dass jeder, der mit diesen Objekten zu tun hat - Besucher, Ausstellungshelfer, Filmteams - bald anfängt, über Körperliches zu sprechen, etwa über Essen oder Körpergrößen.


Ausstellung: "Almost Alive. Hyperrealistische Skulptur in der Kunst", Kunsthalle Tübingen, 21. Juli bis 21. Oktober 2018

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insgesamt 5 Beiträge
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ackermart 21.07.2018
1. Nicht erschreckend?
Hyperrealistisch wäre nur, wenn das "Objekt" sich bewegen und schreien täte. So erscheint es zwingend hypersuggestiv als Leiche einer misslungenen Geburt. Und da sind wir denn auch schon bei der Frage, warum man sich das gleiche - ob erschreckend - dann nicht noch hundertfach begründeter bei dem Wandermonströsitätenzirkus "Körperwelten" fragte? Statt dessen wird die Verrohung der Sprache beklagt, die versucht ein Entsetzen darüber wie über anderes zu beschreiben. Aber heißt es nicht, dass Bilder - und sicher dann ja auch Kunstgebilde - tausend mal mehr sagen können als davon erschreckte Worte? Oder muss man das in dem Falle so deuten, dass man gefälligst erwartetem Schweigen dazu entsprechen solle, das dann wie tausendfach beifällige Zustimmung wirkt?
Proserpin de Grace 21.07.2018
2. Kontemporär volksnah
Der Körper als Markt produziert naturgemäß Antikörper, was offensichtlich vollkommen ausreicht, diese in die Kunstwahrnehmung zu verbringen. Warum uns Deformationen allerdings "befriedigen" sollen, kann sicherlich nur von einschlägig Latenten beantwortet werden. Ein etwas aus dem Ruder laufender Kurs an der VHS Tübingen. Kontemporär! Volksnah!
noerglerfritz 24.07.2018
3. Das ist echte Kunst!
Kunst ist Können, und das, was die Künstler hier zeigen ist pures Können. Es ist für mich unglaublich beeindruckend, wie man einen Menschen so realitätsgetreu als Plastik darstellen kann. Echte Kunst halt!
hannothon1 24.07.2018
4. Sehr gelungen!
Sowohl die Kunstwerke selber wie ebenso die Ausstellung als solche und auch die Besprechung sind von höere Qualität- ein Seltenheit heutzutage. Eine von manchem vielleicht als vernachlässigbar eingestufte sprachliche "Kleinigkeit" stört leider das schöne Bild: In der Unterschrift zu Bild 8 :" ...ließ Künstlerin Marie-Eve Levasseur die Hautoberfläche mit einem Mobiltelefon verschmilzen." muß es heißen: ...verschmElzen......der Infinitiv ist (ver)schmElzen...außer im Rheinland, aus dem ich selber auch stamme :=)
Kabuto 26.07.2018
5. Schrecklich
finde ich diese Rede vom Voyeurismus. Es denunziert und erklärt NICHTS. Außerdem würde es auch auf manch anderes Kunstwerk zutreffen. Da geht es schon eher um das Problem. dass uns ein Ding als Mensch begegnet.
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