Oliver-Laric-Ausstellung: Kultursampling ohne Krokodillogo

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Was sind eigentlich Kopien? Der österreichische Künstler Oliver Laric stellt das Positive, gar Kulturerhaltende des Kopierens zur Diskussion und bringt dabei auf spielerische Art Kulturtransfer, Innovation und sogar die Religion ins Spiel. Zu sehen in seiner Ausstellung in einer Berliner Galerie.

Oliver Laric, 31, gehört zu den jungen Künstlern, die vielbeschäftigt sind, nicht nur in Deutschland. Und er gehört zu den Vielgelobten und Vieldiskutierten, besonders seit er im Sommer letzten Jahres zwei in China produzierte perfekte Kopien eines BMW X5 in der "Based in Berlin"-Schau ausstellte und die bei uns gerichtlich verbotenen Autos unübersehbar auf einer 13 Meter hohen Plattform präsentierte.

Jetzt ist in Berlin wieder eine Ausstellung Larics zu sehen. "Be water my friend" heißt die wunderbare und amüsante Schau mit zehn Arbeiten in der Galerie Tanya Leighton, und auf den ersten Blick scheint es sich dabei um die Frage nach dem Copyright zu handeln.

Aber nur auf den ersten Blick. Denn Laric geht es in seiner Kunst nicht vorrangig um Kopien, sondern sein Thema sind kulturelle Übersetzungsprozesse, "sampeln, zitieren, umwidmen, von einer Kultur in die andere übersetzen", das interessiere heute junge Künstler wie ihn.

Natürlich liege das auch an den Möglichkeiten des Internets, sagt Laric, der die Internetplattform VVORK mitbegründet hat, aber gegeben habe es solche Wechselbeziehungen zum Beispiel zwischen Orient und Okzident schon immer. Deshalb liege der Schwerpunkt seiner Arbeit momentan auf Chinoiserien, "nicht weil China wirtschaftlich ein großes Thema ist, sondern weil ich Parallelen zu den ostasiatischen Vorbildern in der Kultur des 17. und 18. Jahrhunderts gesucht habe, die damals schon Fetisch-Charakter hatten."

Wie heute Polohemden mit bekanntem Label. Neun davon hängen an der Wand des Ausstellungsraums. Es sind in Asien hergestellte, gefälschte Markenhemden, die hier allerdings statt mit Polospieler oder Krokodil mit dem Wort HIS bestickt sind.

"Beschenkter ist praktisch als Missionar für Gott gelabelt"

Das steht für die britischen Organisation His Church. Als Laric recherchierte, was mit den vom Zoll beschlagnahmten Kopien passiert, stieß er in England auf die christliche Sozialorganisation, die vom Zoll Waren geschenkt bekommt, sie re-brandet, indem sie ihnen ein neues Logo aufstickt und die neu gelabelten HIS-Hemden dann verschenkt.

Er habe früher immer überlegt, wie man den konfiszierten Sachen eine neue Bedeutung geben und sie "mit neuen Ideen beseelen" könne, um sie nicht wegzuwerfen, sagt Laric, und er sei begeistert, dass His Church eine Lösung gefunden habe. Im Oktober wird er sie besuchen, und wenn möglich, will er mit ihnen zusammenarbeiten. Natürlich sei ihm klar, dass es hier nicht nur um die gute Sache geht, "der Beschenkte ist praktisch mit HIS als Missionar für Gott gelabelt". Aber für ihn sei der christliche Aspekt in Bezug auf seine jetzigen Arbeiten nicht neu.

Das zeigt er im zweiten Galerieraum. Dort steht ein britischer Chinoiserie-Stuhl von 1820, und dass dessen chinesisches Design eine ganze Stilepoche prägte und ein Hit war, hat einen religiösen Hintergrund. Weil nämlich portugiesische Jesuiten-Priester im 17. Jahrhundert für ihre Missionierung in China mehr Geld brauchten, schilderten sie das Land als utopisches und wunderbares Paradies schlechthin und lösten mit ihren Übertreibungen einen Boom für chinesische Waren aus. Um der Nachfrage gerecht zu werden, entwarf und baute man unter anderem in England dann selbst chinesische Möbel.

Neben diesem religiösen Bezug zu HIS sieht Laric darin noch den Aspekt eines frühen Kultursamplings, weil der bekannteste Möbeltischler der Chinoiserie, der Brite Thomas Chippendale, damals eine Anleitung zum Möbelnachbau schrieb, die jeden danach produzierten Stuhl zum Chippendale-Möbel machte. "Wie heute", sagt Laric, "die Anleitung, der Code oder das Rezept wird verteilt, und die Performance des Rezepts kann dann von unterschiedlichen Leuten aufgeführt und nachgemacht werden."

Für die eigentliche Bestimmung des Stuhls muss man allerdings in die Galerie gehen. Dort soll sich der Besucher setzen, um in Ruhe seine Hände in zwei danebenstehende Aquarien zu halten, in denen Garra-Rufa-Fische ihm die Hautschuppen abknabbern. Müßig zu erwähnen, dass es sich um einen Kulturtransfer handelt, denn die Fische kamen aus dem Mitleren Osten, und wurden durch Fisch-Spas in Asien populär, wo sie zur Hautpflege eingesetzt werden. Die gibt es jetzt auch schon in Berlin - und zwar nicht als künstlerische Arbeit.

Auch bei den anderen ausgestellten Arbeiten Larics geht es um das Hybride und darum, wie Wissen und Kultur sich wandelt und interpretiert wird. Eine Wandskulptur zeigt etwa einen japanischen Shinto-Schrein, der seit seiner Errichtung im Jahr 690 alle 20 Jahre abgerissen und genauso nebenan wieder aufgebaut wird.

Was das alles mit Kunst zu tun hat? Viel, und das schon seit die Aura eines Bildes durch dessen Reproduzierbarkeit diskutiert wird. Heute, sagt Laric, werde die Aura sogar durch Reproduktion intensiviert. "Wäre die Mona Lisa nicht so oft für alles Mögliche verwendet worden, wäre sie nicht so bekannt." Und wenn heute etwas nicht kopiert wird, sei daran irgendwas falsch. "Bei YouTube nachgesungene Musik wird durch diesen Austausch und die Re-Interpretation interessant, und das macht für mich bis zu einem gewissen Grad den Erfolg aus."


Berlin, Galerie Tanya Leighton: Oliver Laric: Be water my friend. (Bis 14.4.)
Kommende Ausstellungen: www.tanyaleighton.com.

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1. Be water my friend
tusche22 10.04.2012
Zitat von sysopLavric/ Galerie Tanya LeightonWas sind eigentlich Kopien? Der österreichische Künstler Oliver Laric stellt das Positive, gar Kulturerhaltende des Kopierens zur Diskussion und bringt dabei auf spielerische Art Kulturtransfer, Innovation und sogar die Religion ins Spiel. Zu sehen in seiner Ausstellung in einer Berliner Galerie. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,826476,00.html
Da musste ich sofort an Bruce Lee denken, dass er dies mal in einem längeren Interview gesagt hatte. Bruce Lee hat gefühlt, wie Ruhm funktioniert.
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