Von Sonja Hartwig
Die Bilder sind aus den Fünfzigern, doch sie anzuschauen, ist wie das Reisealbum eines Facebook-Freundes zu durchstöbern. Sie sind alltäglich, das macht sie besonders. Sie sind nicht fotografiert, sondern gezeichnet: von einem Künstler, der starb bevor es überhaupt das Internet gab. Gustav Seitz zeigt ein anderes, ein neues China; ein China, das am Anfang und im Aufbruch ist. Er zeigt es ohne Patrouillen, Fahnen und Jubelmassen. Wäre dies ein Facebook-Post, würde man gerne den "Gefällt-Mir-Button" klicken. Kann man aber nicht, denn zu sehen sind die Bilder in keinem sozialen Netzwerk, sondern auf Schloss Gottorf, dem Landesmuseum in Schleswig: die Ausstellung heißt "Chinesische Reise". Parallel dazu erscheint der gleich betitelte Bildband, herausgegeben von Thomas Gädeke.
Fast sieben Wochen war Gustav Seitz unterwegs, von Ende September bis Anfang November 1951. Die Route führte von Berlin über Moskau, in die Mongolei, nach Peking und Shanghai, es war eine Reise aus einem Land im Umbruch in ein anderes Land im Umbruch: Aus der Deutschen Demokratischen Republik in Maos Volksrepublik, beide Staaten waren gerade einmal zwei Jahre alt.
Seitz, ein Berliner Bildhauer und Zeichner, der kurz zuvor mit seinem Atelier vom Westen in den Osten der Stadt gezogen war, gehörte zu einer Delegation von Künstlern, die von der Staatsführung der DDR nach China geschickt wurde. Er wolle die alte Kunst studieren, so hatte er es kurz vor der Abreise seiner Mutter in einem Brief geschrieben, vor allem aber studierte er das Leben - und er beobachtete es: Bauern, Kamelhirten, Soldaten, Studenten. Menschen im Alltag und Menschen bei der Arbeit. Seitz zeichnete sie mit schwarzer Tusche auf chinesisches Reisstrohfaserpapier. Er erfasste ihre Haltung und ihre Stimmung, brauchte dafür nur wenige Striche und verzichtete ganz auf Details. Ihn interessierte das Simple im Revolutionären; das Neue ohne Tamtam. Von allem war er fasziniert: von der Lebensform, der Landschaft, von der Architektur, der Kunst, von der Einfachheit, der Schönheit, von dem Aufbruch, von der Hoffnung.
"Jedes Bild machte mich betrunken"
Auf der ganzen Reise führte er Tagebuch, drei Hefte waren es am Ende. Sie sind eine Sammlung von Skizzen, Schriftzeichen und teils schwärmerischen und verstörenden Sätzen wie diesen: "Jedes Bild machte mich betrunken. Die grandiosen Hütten, Felder, Menschen. Dieses Volk wird Europa ablösen." Über Menschen, denen er begegnete, schrieb er: "Die Frauen sehen alle prächtig aus. Man möchte sie am liebsten alle auswendig lernen." Und nachdem er die Staatsspitze, Mao Zedong und Zhou Enlai, traf: "Das sind wunderbare Menschen. Menschen, die die Menschen von der Sklaverei befreien."
Auf Facebook könnte man ihm dafür Naivität vorwerfen. Aber man könnte die Bilder auch kommentieren mit: diese Ehrlichkeit, diese Nähe, diese Intensität - "Gefällt mir". Und dann könnte man auf das Album einer Fotografin verlinken: Eva Siao. Ihre Bilder sind ebenfalls in der Ausstellung in Schleswig zu sehen. Seitz und Siao sind sich nie begegnet, beide begegneten China aber mit ähnlichem Blick. Beide hatten eine Hoffnung in den Sozialismus, die enttäuscht wurde: Seitz verließ die DDR 1958, Siao kam nach der Kulturrevolution für sieben Jahre in Einzelhaft.
Siao, eine deutschstämmige Jüdin, hatte 1934 einen chinesischen Dichter und Mao-Vertrauten geheiratet. Sie zog nach China, arbeitete als Fotoreporterin und porträtierte ein Land aus alltäglicher Perspektive. Ihre Bilder zeigen Straßen, Märkte, Plätze; einfache Leute im Zug, Angestellte bei einer Besprechung am See, einen Holzschnitzer, einen Melonenverkäufer, Schauspieler in der Pekinger Oper beim Schminken. Ein China zwischen Tradition und Moderne; ein China, das Hoffnung versprach, ohne einen Aufbruch zu inszenieren. Siao geht nah ran an die Gesichter und an das Geschehen, sie erfasst es von innen, ohne einen äußeren Rahmen aufzupressen.
"Show, don't tell", heißt diese Machart unter Autoren: Erzähle nicht, zeige! Es bedeutet: so zu schreiben, dass der Leser die Geschichte durch Details und Dialoge lebendig miterleben kann; dass er das Konkrete gezeigt bekommt. Siao schreibt nicht, aber sie fotografiert ebenso. Seitz zeichnet so. "Menschenbilder" heißt die Ausstellung in Schleswig im Untertitel. Schlichter und schöner konnte man es nicht sagen.
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