Sport-Ausstellung: Verführt von der Masse

Von Ingeborg Wiensowski

Schade, dass die meisten Fußballbegeisterten in der Berliner Akademie der Künste nur die Toilette besuchen. Und nicht die spannende Schau "Choreographie der Massen: Im Sport. Im Stadion. Im Rausch".

Draußen ziehen die Fußballfans vorbei zur Berliner Fanmeile am Brandenburger Tor. Drinnen, in der Akademie der Künste am Pariser Platz, wird genau das in einer Ausstellung verhandelt, worum es den Fans geht: Sport, Spiele, Fußball, Begeisterung bis zum Rausch, Fankultur, Nationalismus.

"Choreographie der Massen: Im Sport. Im Stadion. Im Rausch" heißt die kleine Ausstellung in den drei Räumen des Erdgeschosses. Im ersten Saal zeigt sie das Thema Sport historisch von der Antike bis heute, im zweiten Saal geht es um Stadien, und im dritten Saal läuft eine Film-Ton-Montage aus historischem und zeitgenössischem Filmmaterial, die das große Thema "Choreographie der Massen" behandelt. Kuratoren der Ausstellung sind die Architekten und Akademie-Mitglieder Volkwin Marg, der die beiden aktuellsten Stadien in Warschau und in Kiew gebaut hat, Gert Kähler und ihr Kollege Michael Kuhn.

Zwei Wochen läuft die Ausstellung jetzt, aber bisher haben sich keine Public Viewer, auf die man gehofft hatte, in der Akademie gezeigt. "Sie kommen nur, um die Toiletten zu benutzen", sagt die Dame an der Kasse. Und selbst dann, wenn sie schon mal da sind und die Toilettenbenutzung 50 Cent kostet, der Eintritt zur Ausstellung aber frei ist, gingen sie nicht in die Ausstellung.

Wie schade, denn schon das Entree macht neugierig auf die kleine Schau. Dort werden zwei Modelle deutscher Arenen gezeigt, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Links steht das monumentale Berliner Olympiastadion von 1936, das den Machtanspruch des Nazi-Regimes repräsentieren sollte, rechts ist das Münchner Olympiastadion mit seinem fliegenden Zeltdach von 1972 zu sehen, das für eine demokratische und offene Gesellschaft steht und für "heitere Spiele".

Sport und Kommerz, Macht und Bestechung

In die Schau wird man von sechs großen Tafeln hineingezogen, auf denen zum Beispiel der Schwimmer Mark Spitz oder der Fifa-Chef Josef Blatter zu sehen sind. Jedes Bild repräsentiert ein anderes Thema und führt zu jeweils einem Sockel mit einem dicken Informationsordner, in dem man sich einlesen kann, zum Beispiel über "Politik und Sport" oder zu "Schneller, höher, weiter, teurer". Oder auch über Sport und Kommerz, Machtspiele, Bestechungsfälle, Sponsoren und Werbung. Und über den Missbrauch des Sports durch die Politik, denn Stadien werden bis heute für Propagandaveranstaltungen genauso wie als Konzentrationslager für politische Gefangene genutzt.

Über das Thema der Ausstellung "Choreographie der Massen" findet man in den Ordnern allerdings eher wenig. Wie die Masse Mensch mobilisiert wird oder wann und warum eine Situation eskaliert, darüber kann man vor den Text-Zitaten an einer großen Wand grübeln. Gustave Le Bon, der Begründer der Massenpsychologie, schreibt zum Beispiel über den Einzelnen in der Masse, über "das Schwinden der bewussten Persönlichkeit", und "die Leitung der Gedanken und Gefühle durch Beeinflussung und Übertragung in der gleichen Richtung". Goethe ist begeistert über das Oval des Amphitheaters in Verona, dessen "Zierrat" das "Volk selbst" sei, "vereinigt, zu einer Einheit bestimmt, in eine Masse verbunden und befestigt". Natürlich wird auch aus "Masse und Macht" des Literatur-Nobelpreisträgers Elias Canetti zitiert, und selbstverständlich äußert sich dazu Peter Sloterdijk.

Funktionale Schüsseln, filigrane Betonkonstruktionen

Nach so viel Text ist man froh, dass der Zugang zum Thema im nächsten Raum rein architektonisch ist. Zu sehen sind Stadien. Im Mittelpunkt stehen die beiden aktuellen Arenen, die Volkwin Marg in Warschau und Kiew gebaut, beziehungsweise umgebaut hat. Auf zwei Stellwänden werden das National- und das Olympiastadion mit großen Fotos, Plänen, eleganten Modellen und technischen Informationen vorgeführt.

An den Wänden hängen, viel zu klein und eher anekdotisch, die Stadien anderer Architekten, die alle Mitglieder der Akademie sind. Das schöne Eislaufzelt (1983) in München von Kurt Ackermann und das Wembley Stadion von Sir Norman Foster sind zu sehen, Pier Luigi Nervis filigranes Stadion aus Beton in Florenz (1932) oder das in Bari von Renzo Piano (1980). Schade, dass die wenigen kleinen Fotos nicht zeigen können, wie schön das Praterstadion von Otto Ernst Schweizer in Wien (1931) aussah, bevor es mehrfach umgebaut wurde, oder wie besonders die muschelähnlichen Schalen von Kenzo Tanges Olympia-Sporthallen in Tokio (1964) sind. Aber immerhin hängen hier genügend Beweise, dass die aktuellen "Schüssel-" oder "Kessel-"Arenen architektonisch und kommerziell sicher funktional, aber im Vergleich zu anderen Stadien ziemlich phantasielos sind.

Im letzten Raum zeigt dann eine laute wandfüllende Filmmontage von Hannah Leonie Prinzler, wie Menschen zur Masse werden, jedenfalls grafisch. Rausch und Ornament soll gezeigt werden mit schnell geschnittenen Bildern sozialistischer und faschistischer Turner, mit Menschen im Gleichschritt und synchron agierend bei Eröffnungszeremonien oder der La-Ola-Welle. Fahnen werden geschwenkt, Hände hochgerissen. Hooligans und Soldaten, Menschen beim Mauerfall, im Popkonzert und wenn der Papst in der Menschenmenge badet. Als dann ein Vogelschwarm ins Bild kommt und zu einer Flugzeugformation mutiert, da denkt man an Manipulation und wie leicht sich so ein schwergewichtiges Thema in dramatischen Kitsch und in reine, verführerische Oberfläche umsetzen lässt. Trotzdem ist die Ausstellung sehenswert, weil sie alles das ins Bewusstsein ruft, was im Sport neben dem Spiel immer wichtiger wird.


"Choreographie der Massen: Im Sport. Im Stadion. Im Rausch". Berlin. Akademie der Künste, bis 12.8.

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